58579 Schalksmühle, 1973

Zeit in wunderbarer Erinnerung

Von: S.F.

Ich war 6 Jahre alt und sollte nach den Sommerferien eingeschult werden. Vorher kam ich aber noch im Februar/März 1973 (auch wegen unklarer Oberbauchbeschwerden?) in das Kindererholungsheim der Stadt Wuppertal: Haus Sauerland, Am Hagen 2, 5885 (alte PLZ) Schalksmühle im Volmetal. Bevor die Reise losging, wurden weiße Bändchen, in denen mit roter Schreibschrift mein Name eingestickt war, in meine Kleidung eingenäht, damit nichts verloren gehen konnte. Sogar mein Schlafbär bekam einen Aufnäher unter die Pfote. Der gesamte Aufenthalt von 6 Wochen inklusive Übernachtung, Verköstigung, Beaufsichtigung und Bespaßung kostete meinen Vater insgesamt 20,00 DM und die Eltern waren vermutlich nicht unglücklich über eine kleine Auszeit. Wir wurden von den Eltern am Bahnhof an einer Sammelstelle abgegeben und reisten mit dem Zug nach Schalksmühle. Ob es sich um einen Sonderzug handelte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Fahrt dauerte vermutlich 1 bis 2 Stunden. Das Heim war eine schöne große alte Villa und lag damals mitten in der Natur. Im Erdgeschoß gab es einen Speisesaal und eine Art großen Wintergarten, der als Spielzimmer diente. In der oberen Etage gab es 4 Schlafsäle (für kleine Mädchen/große Mädchen/kleine Jungen/große Jungen) und ein kleines Krankenzimmer. Außen war ein großer Garten. Ich kam in den Schlafsaal für kleine Mädchen. Wir waren alle ungefähr im gleichen Alter. Die großen Mädchen im anderen Schlafsaal waren vielleicht 2 oder 3 Jahre älter. In meinem Schlafsaal waren ca. 10 – 20 Betten aufgereiht. Jedes Bett hatte ein kleines Holzschild mit einem eigenen Symbol, da man ja noch nicht lesen konnte. Meins war ein kleiner rosa Drache. Für jedes Bett gab es an einer Wand aufgereiht ein kleines Waschbecken. Ich glaube, dort war am Handtuchhalter auch ein Holzschild mit dem gleichen Symbol. An Duschräume kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich hatte auch einen kleinen Jungen in meinem Saal, der ca. 4 Jahre alt war und mit seiner größeren Schwester dort war. Man wollte den kleinen Kerl wohl nicht von der Schwester trennen. Dieser Junge hat bei der Ankunft geweint und die Aufpasserin erklärte, dass er wohl Heimweh habe. Ich konnte mir unter Heimweh noch gar nichts vorstellen. Ich fand im Gegenteil alles sehr spannend mit den vielen Kindern.

Am Anfang der Kur lag noch Schnee und wir haben eine Wanderung durch den Schnee gemacht. Zwei Kinder haben getrödelt und den Anschluss verloren. Als die Aufpasserin es gemerkt hat, ist sie sofort zurückgerannt und hat die beiden gesucht und zurückgebracht.

Manchmal haben wir im Wintergarten gespielt. Dort gab es sehr viel Spielzeug.

Später wurde es Frühling und wir haben im Garten gespielt.

Irgendwann bekam ein Kind nach dem anderen Mumps. Zuerst kamen die kranken Kinder ins Krankenzimmer. Später waren so viele Kinder krank, dass die gesunden Kinder in das kleine Krankenzimmer umzogen und die vielen kranken Kinder in den großen Schlafsaal. Ich bin zum Glück gesund geblieben. Nur einmal musste ich mich übergeben, weil wir Spinat essen sollten, den ich nicht mochte. Ich habe noch versucht, den Schwall mit der Hand aufzufangen, aber er landete wieder in meinem Teller. Die Aufpasserin ist mit mir ins Bad gegangen und hat mich gewaschen. Sie hat nicht geschimpft, sondern hatte eher Mitleid.

Mittags mussten wir Mittagsruhe halten und durften nicht schwatzen; was wir natürlich doch taten. Auf dem Gang saß eine Nonne auf einem Stuhl und hielt Wache. Wer beim Schwatzen und kichern erwischt wurde, musste sich seine Bettdecke um die Schultern hängen, um nicht zu frieren und musste sich eine Zeitlang (vielleicht 10 Minuten) auf den Gang in die Ecke stellen. Das ist mir auch einmal passiert. Ich empfand die Strafe aber als nicht so schlimm; außerdem ist es in der Zeit fast jedem mal passiert.

Wir haben in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal mit den Eltern telefoniert, was für die damalige Zeit wahrscheinlich nicht ungewöhnlich war. Die Aufpasserinnen haben aber in unserem Namen Postkarten nach Hause geschrieben. Eine schwarz-weiß-Postkarte mit der Ansicht der Villa habe ich noch.

Zum Ende des Aufenthalts haben wir aus Krepp-Papier große Blumen gebastelt, mit welchen wir uns als Blumen verkleidet und einen Tanz und ein Frühlingslied einstudiert haben. Das haben wir am letzten Tag den Erwachsenen vorgeführt.

Als ich nach Hause kam, wurde ich gefragt, ob ich mich freue, wieder zu Hause zu sein. Und getreu dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“ sagte ich: NEIN!

Einige Zeit später in einem Sommer sind mein Vater und ich aus Interesse nochmal einen Nachmittag zu dem Heim gefahren. Mein Vater hat sich mit einer Aufpasserin unterhalten und ich habe gesehen, wie die zu dieser Zeit anwesenden Kinder in einem im Garten aufgestellten Pool planschen durften. Da war ich ein bisschen neidisch, denn das ging ja bei mir im Februar/März leider nicht.

Fazit: Ich habe die Zeit in wunderbarer Erinnerung und kann mich in keinster Weise über eine der Aufpasserinnen beschweren. Ich wollte meine Erinnerungen trotzdem aufschreiben, damit durch die jetzt aufgedeckten Vorkommnisse nicht jedes Kinderheim in Verruf gerät.

Ich habe mal gegoogelt: Heute ist die Villa ein Altenheim. Aus Spaß sage ich manchmal: Vielleicht schließt sich ja eines Tages der Kreis und ich lande im Alter wieder dort. 🙂

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