59505 Bad Sassendorf, 1958

Vor der dicken Milchsuppenpampe habe ich mich regelrecht geekelt.

Von: A.W.

Ich war 6 Jahre alt, als ich meine erste Kinderkur machen durfte bzw. musste, weil ich für mein Alter zu dünn war.
Daraufhin wurden mein 3 Jahre älterer Bruder und ich im September 1958 nach Bad Sassendorf zur Kur „verschickt“.
Unsere Eltern hatten es sicherlich gut gemeint, aber für mich war es schrecklich, zumal ich gerade im April 1958 eingeschult worden war und ich nun 6 Wochen nicht in der 1. Klasse am Unterricht teilnehmen konnte.
In Bad Sassendorf angekommen wurde ich als erstes von meinem Bruder getrennt.
Ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern. Ganz sicher aber an die Inhalationsbehandlungen im Keller und an die Bäder in alten Holzbottichen. Wir mussten sitzen, das Wasser wurde eingelassen und das Wasser stieg und stieg. Nicht nur ich, auch die anderen Kinder hatten Panik, weil wir dachten, wir müssten ertrinken.
Schlimm war auch der verordnete „Mittagsschlaf“. Wir lagen ganz still in unseren Betten, mussten die Augen geschlossen halten und durften uns auf gar keinen Fall rühren. Das wurde von der beaufsichtigten Nonne kontrolliert.
Erinnern kann ich mich auch daran, dass wir immer alles aufessen mussten. Wir sollten ja um jeden Preis zunehmen. Vor der dicken Milchsuppenpampe habe ich mich regelrecht geekelt. Nur, wer sich übergeben musste, „durfte“ anschließend das Erbrochene auch noch aufessen. Wir mussten so lange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war.
Ich weiß auch noch, dass wir jeden Tag losgezogen sind, um Kastanien für einen Bauern zu sammeln. Wenn wir nicht genug Kastanien gesammelt haben, gab es nichts zu essen. So habe ich es jedenfalls in Erinnerung.
Und: Alle Kinder in meiner Gruppe hatten nach einer Weile Läuse. Jeden Tag wurden unsere Haare mit einem Läusekamm bearbeitet. Bei mir war es so schlimm, dass ich einige Wochen nach der Kur kaum noch Haare auf dem Kopf hatte. Auch in der Schule hatte ich Probleme. Ich konnte weder lesen noch schreiben. Es fehlten ja 6 Wochen – und das im 1. Schuljahr.

Meinen Eltern habe ich natürlich, als ich wieder zu Hause war, einiges erzählt, aber so wie es zur damaligen Zeit üblich war, glaubte man mir nicht. Noch vor kurzem habe ich meinen älteren Bruder auf die Zeit in Bad Sassendorf angesprochen. Er kann sich an nichts, aber auch gar nichts erinnern. Vielleicht ist es ihm besser ergangen – oder er hat einfach aus Selbstschutz alles verdrängt und vergessen.

Also habe ich irgendwann geschwiegen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings nicht, dass es mir in den späteren Kinderkuren in Berchtesgaden und in Bad Soden nicht besser erging.

Erst nach der letzten Kinderkur in Bad Soden habe ich so ein Theater gemacht, dass es meine Eltern aufgegeben haben, mich auf Anraten von Ärzten nochmals zu „verschicken“.

Zu Nonnen habe ich auch heute noch ein gestörtes Verhältnis!

Anonymisierungs-ID: abi