59505 Bad Sassendorf, 1958
83471 Schönsicht, 1962

Wir lagen stocksteif mit geschlossenen Augen in unseren Betten.


Von: A.W.
Ich war 1962 im Kinderkurheim Schönsicht in Berchtesgaden. Ich wurde „verschickt“,
weil ich nach Meinung der Ärzte untergewichtig war und unbedingt zunehmen
musste. Mal wieder! Dabei war schon die Kinderkur 1958 in Bad Sassendorf für mich
der Horror.
Das Ergebnis nach 6 Wochen Aufenthalt in Berchtesgaden war eine
Gewichtszunahme von 600 g. Das habe ich bis heute nicht vergessen!
Dafür musste ich jeden Tag den Haferschleim runterwürgen; wir wurden gezwungen,
am Tisch sitzen zu bleiben, bis der Teller leer war – und das konnte dauern.
Manchmal versteckten wir – wenn es irgendwie möglich war – Essen in einer
Serviette und warfen es anschließend in die Toilette. Man durfte sich nur nicht
erwischen lassen!
Sehr gut kann ich mich daran erinnern, dass wir regelmäßig spärlich bekleidet auf
einer Treppe stehen mussten, die zum Arztzimmer in der 2. Etage führte, in dem wir
gewogen wurden. Als 10jährige empfand ich das als sehr unangenehm.
Regelmäßig mussten wir Briefe an unsere Eltern schreiben, die allerdings gelesen
und kontrolliert wurden. Weil ich mich in meinem ersten Brief über das Heim
beschwert hatte, durfte ich nur noch – wie die jüngeren Kinder, die noch nicht
schreiben konnten – auf vorgeschriebenen Briefen ein Bild malen.
Betreut wurden wir von Nonnen und „Tanten“. Eine einzige „Tante“ habe ich in guter
Erinnerung. Sie hat mit uns Sport in der kleinen Gymnastikhalle gemacht.
Dass jemand – wie in anderen Heimen – geschlagen wurde, habe ich persönlich
nicht erlebt.
Täglich mussten wir einen Mittagsschlaf halten. Der Schlafsaal war nicht sehr groß
(ich glaube 6 Betten): Während dieser Zeit durften wir weder reden noch etwas
lesen. Wir lagen stocksteif mit geschlossenen Augen in unseren Betten.
Wer sich nicht daran hielt, wurde von der Aufsicht führenden Nonne, aus dem Bett
gezerrt und durfte den Rest der Mittagspause im Flur verbringen. Wenn sie gnädig
war, durfte man die Bettdecke mitnehmen.
Der Toilettengang war – wie in den meisten Heimen – streng geregelt. Ein Horror für
uns Kinder.
Von dem Taschengeld, was unsere Eltern uns mitgegeben haben, sollten wir
Andenken für zu Hause kaufen. Bei mir war es eine Mappe mit Bildern vom
Kinderkurheim Schönsicht. Und ein großes Foto, auf dem wir Kinder auf der Treppe
vor dem Wandgemälde „Kinderkurheim Schönsicht“ fotografiert wurden.
Erinnern kann ich mich daran, dass im Haus viel dunkles Holz verarbeitet wurde. In
der Eingangshalle gab es nebeneinander zwei dunkle Türen, links daneben führte
eine Treppe nach oben, daneben war unser Schlafsaal. Auf dieser Treppe habe ich
oft genug gestanden, weil eine herumschleichende Nonne mich beim Mittagsschlaf
mit geöffneten Augen erwischte. Eine Treppe höher war das Arztzimmer.
Ich meine, dass in der Eingangshalle regelmäßig Kasperle-Theater-Aufführungen
stattfanden.
Die Wanderungen sind einigen Kindern sehr schwer gefallen und sie kamen an ihre
Grenzen.
Um den Aufenthalt besser verarbeiten zu können, bin ich 2018, als ich Urlaub im
Berchtesgadener Land machte, hoch zum Kinderkurheim gefahren.
Wie widersinnig fand ich es, dass dieses Kinderkurheim, in dem wir bei unserem
Aufenthalt zum Zunehmen verdonnert wurden, heute eine Rehaklinik für
übergewichtige Kinder ist.
Ich wurde freundlich durchs Haus geführt. Nachdem ich erzählte, was ich in diesem
Heim vor vielen Jahren erlebt habe, merkte ich, dass das meinem Begleiter gar nicht
passte. Seine Reaktion war, dass ich bestimmt in einem anderen Haus gewesen war.
Er könnte sich das nicht vorstellen. Die damalige Leiterin des Heimes, eine Nonne,
wäre zwar sehr streng gewesen, aber …. ! ?
Nein, ich war nicht in einem anderen Haus! Obwohl sich das Gebäude verändert
hatte und erweitert worden war, wusste ich, wie die Eingangshalle aussah, nämlich
noch genauso mit den zwei dunklen Türen wie vor 60 Jahren. Ich erkannte die
Treppe, auf der ich oft genug gestanden habe. Ich wusste, wo der Gymnastikraum
war (heute ein Ski-/Schuhraum) und ich konnte genau sagen, wo am Gebäude die
Treppe war mit dem Bild und der Aufschrift „Kinderkurheim Schönsicht“ (heute
„Kinderklinik Schönsicht“).
Dieser Besuch hat mich sehr berührt, aber er war wichtig für mich! Erstaunt war ich
darüber, dass es anscheinend nach so vielen Jahren immer noch Menschen gab, die
das Ganze nicht wahrhaben wollten.
Leider wurde ich auch nach diesem Aufenthalt nochmals zu einer Kur „verschickt“,
diesmal nach Bad Soden ins Kinderkurheim St. Elisabeth.
Danach habe ich solch ein Theater gemacht, dass meine Eltern keinen Versuch
mehr machten, mich nochmals zu „verschicken“, zumal ich für eine Kinderkur
inzwischen auch zu alt geworden war.
Anonymisierungs-ID: abu