67098 Bad Dürkheim, 1954

Restliche Nacht stehend am Bett nach Toilettengang

Von: U.Z.


Name des Trägers: mir nicht mehr bekannt
Kostenträger: evtl. AOK, dort war meine Mutter als geschiedene Arbeitnehmerin versichert

Dauer der Verschickung: sechs Wochen
Bericht: Es war einfach ungut dort – anders kann ich es nicht ausdrücken. Eine düstere Atmosphäre mit viel Bestrafung für alles und jedes. 
Es musste am Tisch alles aufgegessen werden, sonst saß man notfalls über Nacht dort. Noch heute kann ich keinen Haferflockenbrei essen, der dort morgens immer zum Frühstück und meistens auch zum Abendessen serviert wurde – eine eklige ungesüßte Pampe!
Ich wurde von einigen älteren Mädchen immer mal wieder schikaniert (das Wort “gemobbt” war in Deutschland noch ungebräuchlich, aber genau das war es), und erhielt keine
Hilfe von den Erzieherinnen, obwohl die das mitbekamen. Sie direkt um Hilfe zu bitten, unterließ ich lieber. Als wir in einer Malgruppe ein neues Projekt begannen (ein großes weihnachtliches “Patchwork”-Bild) und das Vorgehen erklärt bekamen, entfuhr mir der Spruch
“Oh je, sowas kann ich gar nicht”, weil mir dieses Verfahren so fremd vorkam. Bevor ich mich versah, hatte, weil so ein Projekt so fremd und ungewohnt war, hatte ich so schmerzhaft die Hand der Erzieherin im Gesicht, dass ich quer durch den Raum stolperte und hinfiel (ich war ein recht schmächtiges Kind). Ob man mir diese Misshandlung noch tagelang ansah, weiß ich nicht, danach war aber plötzlich eine Zahnbehandlung dringend notwendig geworden. Ich war damals sechs Jahre alt. Eines der ein bis zwei Jahre älteren Mobber-Mädchen wurde eines Tages beim Stehlen von irgendetwas erwischt und musste sich mit bis zum Ellbogen verbundenen 
Händen, die sie aufrecht auf dem Tisch aufsetzen musste, zur Mittagszeit präsentieren, während alle Verschickungs-Kinder vorbeidefilieren mussten. Selbstverständlich bekam das Mädchen kein Mittagessen. Ich versuchte, nicht hinzusehen, aber als ich an ihr vorbeikam, zischte sie 
mir zu, dass ich nicht so blöde glotzen solle, sonst würde sie mich “zusammenschlagen”. Niemand von den Erwachsenen verteidigte mich oder rügte sie. Nachts wurde in den großen Schlafsaal (Mädchen und Jungen Gottseidank getrennt) ein Eimer für die “kleinen”
Notdürfte aufgestellt; für die “großen” musste die in einem kleinen separaten Raum mit Blick auf den Schlafsaal schlafende Nachtwachhabende geweckt werden mit dem Resultat, dass das unglückliche Kind mit viel Gezeter zur Toilette geführt wurde und die weitere Nacht über
stehend am Bett (im Nachthemd und mit bloßen Füßen, wenn auch in “Schlappen”, im nicht gerade behaglich beheizten Schlafraum) verbringen. Auch mir ist das einmal passiert. Kein Wunder, dass manche Kinder vor Angst sich in die Büx machten!

Ich bekam von Mutter und auch Vater sowie den Verwandten fast täglich besonders schöne Postkarten sowie einmal wöchentlich ein Süßigkeiten-Paket geschickt, von dem ich minimal etwas abbekam, etwa einen Riegel Schokolade oder zwei, drei Weihnachtskekse. Dass ich
meine Pakete mit den anderen, nichts so bedachten Kindern teilen sollte, war für mich in Ordnung, aber ich konnte sehr wohl beobachten, dass auch das Personal sich gütlich daran tat, zumal von meiner Patentante besonders gute Sachen wie Mandelsplitter, Lübecker
Marzipan und ähnliche, für damalige Verhältnisse, Kostbarkeiten eintrafen. 

Dies sind die Geschehnisse, die mir noch besonders in Erinnerung verblieben sind. Ich glaube, auch ich habe nichts Näheres darüber meinen Eltern und Verwandten erzählt; den Abscheu vor verschiedenen Speisen (nicht nur vor Haferflocken-Brei) musste ich in vielen Jahren überwinden lernen.

Als mein eigener Junge 1982, weil zwar gut ernährt, aber eben schmal und zart gebaut, vom zuständigen Schulamt auch “verschickt” werden sollte, habe ich mich als allein-
erziehende Mutter vehement und mit Hilfe unseres Kinderarztes gegen eine dem Aussehen nach kurz vor der Berentung stehende, unfreundliche und widerwärtige Schulärztin gewehrt – mit Erfolg letztendlich. Meinem Kind wollte ich dies alles nicht antun; meine Mutter hatte es damals nicht besser gewusst und gut gemeint. 

Naja, ich habe es überlebt! Danke, dass ich es mal 
“auskotzen” durfte – und: Weiter so!

Anonymisierungs-ID: agu

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