77728 Oppenau, Allerheiligen, 1961

Für alles gab es feste Zeiten, abweichendes Verhalten wurde bestraft. Am schlimmsten waren die Essenszeiten im Speisesaal.

Von: H.D.

Am Ende meiner Grundschulzeit meinten meine Eltern und auch der Hausarzt, dass ich doch relativ klein und schmächtig sei und vor Beginn der Gymnasialzeit noch mal etwas für meine Gesundheit machen sollte. Damals war es üblich, gewichtsauffällige Kinder in eine Kinder-Kur zu verschicken. Da wir noch kein Auto hatten, wurde ich im Januar 1961 in den Zug gesetzt, zusammen mit etlichen anderen Kindern, und nach Allerheiligen im Schwarzwald verfrachtet. Dort wurde ich für 6 Wochen im Kinder-Kurheim untergebracht mit dem Ziel, an Kraft und Gewicht zuzulegen.

Es war eine schlimme Zeit. Ich wurde mit gleichaltrigen Jungen in einem Schlafsaal mit etwa 12 Betten untergebracht. Für alles gab es feste Zeiten, abweichendes Verhalten wurde bestraft. Am schlimmsten waren die Essenszeiten im Speisesaal. Es musste gegessen werden, was auf den Tisch kam, ob es schmeckte oder nicht. Ich erinnere mich an Teller voller Haferschleim, die ich aufessen sollte. Nach meiner Weigerung musste ich so lange vor dem Teller sitzen bleiben, bis er leer war. Auch Tränen halfen nicht. Als die Hälfte der Kinder schon gegangen war und ich immer noch vorm halbleeren Teller saß, machte ich in einem unbeaufsichtigten Moment den Mund ganz voll und rannte zum Klo, wo ich alles ausspuckte.

Wöchentlich mussten wir eine Ansichtskarte nach Hause schreiben. Die wurde vor dem Absenden vom Personal korrigiert. Auch inhaltlich. Dass ich essen musste, was ich nicht wollte, und dass mir das meiste nicht schmeckte, durfte ich nicht schreiben. Nur Positives. Wir hielten uns viel im Freien auf, dick vermummt, im hohen Schnee. Ich wurde von Stärkeren oft mit dem Gesicht in den Schnee getunkt oder mit Schneebällen abgeworfen. Schlimme Erfahrungen.

Nach dem Abendessen mussten wir schlafen gehen. Dann war Ruhepflicht, sprechen war verboten. Ein Betreuer hielt auf dem Flur vor den ganzen Schlafsälen Wache bis Mitternacht und ahndete jedes Flüstern und Reden. Ich habe da viel geweint. Ich erinnere mich, dass ich mal nach dem Silentium zum Klo musste. Die anderen schliefen teilweise schon. Der Betreuer war schlecht gelaunt und daher durfte ich nicht. Ich hielt es nicht mehr aus. Da schlich ich mich in die neben meinem Bett befindliche Klappe zur Koffer-Kammer und verrichtete da heimlich meine Notdurft. Zum Glück wurde das nicht bemerkt; dieses Not-Klo nutzte ich noch einige Male.

Samstags war Bade-Tag. Es gab einen Dusch-Raum mit 11 Duschen mit Vorhängen und einer Badewanne. Alle wurden wir nacheinander vom Betreuer eingeseift. Der Kleinste musste in die Badewanne und wurde dort „behandelt“. Die Jungen in den Duschen schauten zu und kommentierten höhnisch das Gewaschen-werden des Kleinsten und sein kleines Schwänzchen. Ich hatte immer Angst, in der Bade-Gruppe der Kleinste zu sein, was ich aber einige male war! Seit diesen traumatischen Erfahrungen habe ich Probleme, im Beisein von anderen z.B. auf einer Männer-Toilette einer Autobahn-Raststätte in ein Urinal zu pinkeln.

Zum Glück war die schlimme Zeit in Allerheiligen nach 6 Wochen endlich vorbei und ich durfte wieder nach Hause. Erst 60 Jahre später besann man sich in Deutschland auf die Zustände in hunderten von deutschen Kurheimen und fing an, über die „Kinder-Kuren in der Hölle“ zu forschen.

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