77776 Bad Rippoldsau, 1976

Große Hilflosigkeit und Angst

Von: J.B.

Name des Trägers: Stadt Bottrop?
Kostenträger: DAK
Verschickungsort: Bad Rippoldsau
Zeitpunkt der Verschickung: 1975 oder 1976
Dauer der Verschickung: 6 Wochen

Ich wohnte in Bottrop. Meine Mutter war Beamtin bei der Stadt Bottrop und die Verschickung lief ihrer Angabe zufolge über die Stadtverwaltung.
Eine Kinderkur der Stadtverwaltung. Organisiert über das Gesundheitsamt der Stadt. Die Versicherung damals war die DAK über meinen Vater.

Meine Mutter hat damals den Transport von Bottrop bis Freiburg per Zug begleitet und ab Freiburg ging es im Bus nach Bad Rippoldsau.

Das Ganze hat im Frühjahr oder Sommer 1975 (oder 1976) stattgefunden, ich versuche gerade noch herauszubekommen, wann genau. Ich war jedenfalls erst 5 (oder 6) und konnte noch nicht schreiben. Karten an meine Mutter wurden für mich geschrieben.

Ich habe noch zu einem anderen ehemaligen Verschickungskind Kontakt. Sie war mit mir in Bad Rippoldsau. Sie musste damals wegen einer Windpocken-Erkrankung sogar noch länger bleiben und ist nach eigenen Angaben krank vor Heimweh geworden, da sich niemand um sie gekümmert hat.

Wir erinnern uns beide an Nonnen, waren aber auch gemeinsam zu einer Verschickung in Küstelberg und können nicht mehr sagen, ob die dort oder in dem anderen Heim waren.

Ich würde gern mehr Informationen über die Operation, Medikamentengaben oder ähnliches finden. Mir wurde der Daumennagel gezogen. Meine Mutter wurde damals nicht über die Operation informiert und wurde auch vorher nicht um Erlaubnis gefragt. Ich erinnere mich daran, dass ich eine Vollnarkose bekommen habe und mit dick verbundenem Daumen erwacht bin. Ich erinnere mich, dass mir gesagt wurde, dass meine Mutter das erlaubt hat. Das hat meine Mutter verneint. Mir wurde keine Begründung für diese Operation gegeben. Mir wurde nicht erklärt, was ich habe und warum so etwas nötig ist. Ich erinnere mich an große Hilflosigkeit und Angst. Meine Mutter hat leider nach meiner Ankunft nichts unternommen, um die Verantwortlichen zu befragen.

Darüber hinaus erinnere ich mich an viel Zwang, was Essen angeht. Es gab Stapel mit Broten und eine Belohnung, wenn man möglichst viele davon gegessen hat. Ich musste Dinge essen, die ich nicht mochte und stundenlang allein im Schlafsaal vor einem Teller Rote Bete sitzen. Ich hatte noch jahrelang eine krasse Abneigung gegen dieses Essen.

Ich erinnere mich daran, zum Mittagsschlaf gezwungen worden zu sein. Und an große Angst, entdeckt zu werden, wenn ich nicht geschlafen habe.

Anonymisierungs-ID: agj