79848 Bonndorf, 1960

Die Briefe, die wir jede Woche nach Hause schreiben mussten, wurden ebenfalls zensiert.


Von: A.K.
Ich war zwar kein Verschickungskind, sondern wurde 1960 nach überstandener
Kinderlähmung von der Krankenkasse zur Erholungskur nach Bonndorf im
Schwarzwald geschickt. Damals war ich 9 Jahre alt und weiß allerdings nicht mehr,
ob das 4 oder 6 Wochen gedauert hat.
Auf jeden Fall habe ich dort ähnliche Erlebnisse wie Sie erfahren. Jeder bekam seine
Portion Essen vorgesetzt und musste den Teller leer essen. Vorher durfte man nicht
aufstehen. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es mittags z. B. Milchsuppe oder
Haferschleim mit Brötchen. Anschließend mussten wir ins Bett. Die Mädchen, die
morgens ihr Bett adrett gemacht hatten, waren angeblich davon ausgenommen. Die
durften dann in den Aufenthaltsraum. Aber egal, wie man sich auch anstrengte,
dieses Privileg wurde nur den älteren Kindern zuteil.
Die drei oder vier Schlafräume mit jeweils 8 oder 12 Betten waren alle hintereinander
und ohne Türen , wobei am Ende das Zimmer der Schwestern war. Sie hatten von
dort eine gute Übersicht über die Mädchen, die anschließend noch einmal aufstehen
wollten, um zur Toilette zu gehen, denn das war verboten. Es haben auch einige
Kinder den Druck der Blase nicht mehr aufhalten können und einfach ins Bett
gemacht.
Ich kann mich auch noch an einen Ausflug erinnern, den wir alle mit dem Bus
unternommen haben. Für die Verpflegung wurden Graubrote mit Marmelade
geschmiert, die dann in Rucksäcken verstaut wurden, um dann mittags vermatscht
uns zum Essen zu reichen. Seitdem habe ich nie mehr Graubrot mit Marmelade
gegessen. Als Flüssigkeit haben wir dann süße Limonade dazu bekommen, so dass
wir sehr durstig waren, weil es an diesem Tag auch noch sehr heiß war. Im Heim
wieder angekommen, wurde uns untersagt, aus dem Wasserhahn zu trinken. Zur
Kontrolle wurden die jüngsten Kinder, darunter auch ich, zur Beobachtung abgestellt.
Ich habe die großen Mädchen trotzdem trinken lassen, um am Ende selbst das
Wasser zu schlucken. Danach erkrankten wir mit Fieber und Durchfall und mussten
das Bett hüten. Obwohl wir Durst hatten und um Getränke baten, bekamen wir
wieder nichts. In diesem Zustand wurden wir nach Hause entlassen. Der Hausarzt
stellte eine Ruhr-Erkrankung fest.
Die Briefe, die wir jede Woche nach Hause schreiben mussten, wurden ebenfalls
zensiert. Ebenso die Post, die wir von den Eltern bekamen.
Das sind noch so Fetzen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Anonymisierungs-ID: abz