79853 Lenzkirch, 1963

Zitat: „Außerdem fing ich mit fast acht Jahren wieder an, öfter im Schlaf ins Bett zu nässen. Das ist vor der Kur und nachher nie passiert.“


Von: R.D.
Ich war 1963 mit 7 Jahren für 6 Wochen in Lenzkirch im Schwarzwald im Kinderkurheim
Sonnhalde.
Ich war vollkommen gesund, allerdings angeblich zu dünn. Ich weiß nicht, wer die Kur
veranlasst hat. Meine Eltern haben aber wohl nie diese Entscheidung in Frage gestellt. Also fuhr
ich im April 1963 mit der Bahn in den Schwarzwald.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, weiß aber, dass ich sehr oft Heimweh hatte.
Außerdem fing ich mit fast acht Jahren wieder an, öfter im Schlaf ins Bett zu nässen. Das ist vor
der Kur und nachher nie passiert. Das gab natürlich massiven Ärger.
Eine Begebenheit hat sich mir besonders eingeprägt:
Es gab zum Mittagessen Nudeln und obendrauf lag ein großer Berg gekochte Möhren. Wenn ich
etwas überhaupt nicht gerne esse, sind es gekochte Möhren. Ich musste aber alles aufessen.
Nachdem ich die Möhren mit viel Mühe und ohne zu kauen gegessen hatte und bei den Nudeln
angekommen war, musste ich plötzlich alles in den Teller erbrechen. Da saß ich weinend vor
dem Malheur und wurde sofort barsch aufgefordert, jetzt auch das Erbrochene zu essen. Ich
weiß nicht mehr warum, aber das blieb mir dann doch erspart.
Diese Geschichte ist meine Kinderkurheim Gruselgeschichte, aber offensichtlich kein Einzelfall.
Beim Toilettengang erhielt man sogenannte Fahrscheine, also Blätter Toilettenpapier. Jeweils
nach Abfrage, was man denn vorhatte. Urin oder Kot…erhielt man 1 oder 2 Blätter. Das
bedeutete großen Stress, man kam nie aus mit der geringen Menge. Nachschlag gab’s nicht!
Wir sind viel gewandert, haben Spiele gespielt und es fand sogar mal ein Filmabend statt. Alles
natürlich unter den heute unverständlichen pädagogischen Gesichtspunkten der 60 er Jahre.
Viele Erinnerungen sind das nicht, aber als ich endlich wieder zu Hause war, war klar, dass ich
nie wieder zur Kur fahren wollte.
Ein bleibendes Trauma habe ich nicht erlitten, trotzdem sind die Erinnerungen an diese Zeit mit
unangenehmen Gefühlen verbunden. Wenn ich Berichte lese oder im Fernsehen sehe, bin ich
empört, dass es teilweise viel schlimmere Praktiken in den Kinderkurheimen gab.
Natürlich möchte ich das Kinderkurheim Sonnhalde von damals nicht mit heute vergleichen,
sicherlich gehören diese Zustände der Vergangenheit an. Vielleicht wusste man es damals nicht
besser und versuchte, das Beste zu geben. Herzlichkeit, Wärme, Verständnis und
Einfühlungsvermögen gehörten leider nicht dazu.
Es ist positiv, dass nach so vielen Jahren über die damaligen Zustände in den Heimen berichtet
wird. Man kann dadurch die eigenen Erinnerungen besser zuordnen. Ich habe mich lange mit
meinen Erlebnissen allein gefühlt.
Mit freundlichen Grüßen
Anonymisierungs-ID: adg