83661 Lenggries, 1967

Zitat: „Aber das Erbrochene musste ich vor allen anderen essen, damit sie wussten, was ihnen droht.“

Von: Ch.K.
Verschickungskinder EIN BERICHT EINES BETROFFENEN 1961 im April, bin ich als Sohn einer
zehnköpfigen Kinderschar auf die Welt gekommen. Ich war der Achte im Bunde. 1967 die
Einschulung in die Grundschule. Im Oktober desselben Jahres, waren sich die Erwachsenen
einig, ich bin nicht schultauglich. UNTERENTWICKELT, IN ALLEN LEBENSBEREICHEN . ZU
DÜNN. LUFTVERÄNDERUNG. Raus aus dem Familiensystem, für sechs Wochen . Ab in die Berge,
bei guter Luft und “Gesundem Essen”. Das Ziel ein Kindererholungsheim , das Georgi-Haus in
Lenggries. Das Regiment übernahmen die Schwestern einer caritativen Einrichtung. Irgendwie
waren die ersten Tage, wie ein großes Abendteuer, aber das stellte sich schon recht bald als ein
großes Missverständnis dar. Resignation, Trauer, Wut und Hilflosigkeit überschlugen sich. Ich
verstand meine Eltern nicht mehr, mich in fremde Hände abzugeben. Aber da stehen ja die
Schwestern als erste wichtige Personen an erster Stelle etwas kann da schief gehen. Die
Verabschiedung (Abschiebung) fand am frühen Abend am Bahnhof in Wesel statt. Bis Duisburg
im Großraum Wagen, ab dort in einem Schlafwagen, mit Kindern die ich nicht kannte. Weinen
(Heulen) war nicht erlaubt, das machen kleine Kinder aber wir nicht. Mitten in der Nacht, der
Münchener Hauptbahnhof. Umsteigen in einen neuen Zug, aufstellen zu zweit, hintereinander
zum nächsten Zug ohne zu sprechen. Das Ziel war ein KINDERVERSCHICKUNGSHEIM IN
LENGGRIES Dort angekommen, Zuteilung der Schlafplätze, und das Kennenlernen der
wichtigsten Schwestern im Haus. Das Haus und die Räumlichkeiten wurden in kleinen Gruppen
zum Nachmittag durchgeführt. Man verließ das Haus nur durch den Keller, von wo man es auch
wieder betrat. Jeder bekam einen fest zugeordneten Platz, an dem Jacke, die Hausschuhe und
Straßenschuhe verblieben. Gleich am ersten Morgen gab es Milchreis mit Zimt in einer relativ
großen Schüssel. Da das etwas Neues für viele von uns war, fanden wir das wohl echt klasse
Aber es wurde zum Ritual, und es musste aufgegessen werden. Ich habe mich verweigert, und
wurde für mein Fehlverhalten bestraft. Ich musste den Speisesaal verlassen und auf den
Dachboden gehen. Da ich mich dagegen gewehrt habe, wurde die Schwester richtig zornig und
ich musste daraufhin weinen. „Geheult wird nicht und du bleibst so lange auf dem Dachboden,
bis du aufgehört hast“. Ich war nicht das einzige Kind da oben. Wir wurden aber streng bewacht,
denn Sprechen war verboten. Das ekelhafteste für mich war der Augenblick, wo ich mich
übergeben musste. Eine Schwester gab mir extra viel Zimt auf den Reis, und ich sollte alles
essen. Mir war so schlecht davon, dass ich mich übergeben musste. Aber das Erbrochene musste
ich vor allen anderen essen, damit sie wussten, was ihnen droht. Wir durften keine elterlichen
Briefe bekommen oder ihnen etwas schreiben. Obwohl jeder schon adressierte und frankierte
Karten mitnehmen sollte. Wenn geschrieben wurde, dann gab es auf einer großen Tafel einen
vorgefertigten Text. Der schönste Tag in dieser Zeit war die Abreise. Und die war auch so
verinnerlicht und auswendig einstudiert bei den Schwestern, dass alles nur scheinheilig ablief.
Gesund war ich danach nicht, hatte vielleicht etwas zugenommen, aber das Vertrauen zu meinen
Eltern oder Schwestern, Erwachsenen, war gebrochen. Ich habe lange Zeit nicht mit meinen
Eltern darüber sprechen können und verziehen habe ich ihnen auch nie so richtig. Ich habe vor
einiger Zeit den Ort des Geschehens mit einem Freund besucht. Das Haus gibt es noch. Ich habe
lange Zeit in einem sicheren Abstand einen heftigen Weinanfall mit Wut Angst und Zorn erlebt.
Die jetzigen Bewohner haben mir erlaubt einen Rundgang durch das Haus zu machen. Natürlich
sah alles sehr verändert aus, aber das Treppenhaus und der Holzboden in den Räumen waren
die, die ich kannte. Auf dem Dachboden bin ich nicht gegangen, der hat mir Angst gemacht. Es
war der Anfang einer Aufarbeitung, die sehr wehtat. Ich bin Ihnen sehr Dankbar für diese
Mission und wünschte mir, dass meine Eltern das noch erleben dürften. Denn so richtig glauben
konnten sie mir nicht, aber sie haben es ja auch nur aus gutem Gewissen getan.
Mit freundlichen Grüßen
Anonymisierungs-ID: adf