87509 Bühl am Alpsee, 1966

Darauf wurde ich vor allen anderen Kindern mehrmals links und rechts in's Gesicht geschlagen, wusste noch nicht einmal wieso.


Von: B.W.
Ich bin damals, mit 6, oder 7 Jahren, es muss 1965, oder 66 – genau weiß
ich es nicht mehr – gewesen sein, durch das Jugendamt der Stadt Köln,
für 6 Wochen nach Bühl am Alpsee (Allgäu) geschickt worden. Diese sechs
Wochen nahmen überhaupt kein Ende mehr.
Ich hatte mir als Kind wohl einmal ein Nuts (Schokoriegel) in die Tasche
gesteckt, also einen Ladendiebstahl begangen und meine Eltern wurden
wohl von der Stadt Köln überzeugt, dass das ein grobes Fehlverhalten war
und es notwendig wäre, entsprechende Erziehungsmaßnahmen zu ergreifen
und mich in “Kur” zu schicken.
Es muß im Frühjahr, März/April gewesen sein. Es lag manchmal noch
meterhoch Schnee und die Seen waren zugefroren.
In diesem großen Haus in Bühl, wie ein Internat, gab es nur Frauen, die
uns beaufsichtigten. Die waren sehr streng und man hatte Angst vor
ihnen. Die müssen noch irgendwie aus der Führung des Dritten Reichs
übriggeblieben sein.
Ich war damals schon vegetarisch veranlagt und mochte als Kind keine
toten Tiere essen. Das wurde nicht verstanden, gab es fast gar nicht und
wurde auch nicht aktzeptiert. Immer wieder gab es Leberkäse, vor dem ich
mich ekelte. Ich musste den Leberkäse jedesmal in mich hineinstopfen und
so lange am Tisch bleiben, bis ich ihn heruntergewürgt hatte. Durch den
Ekel bekam ich starken Lippenherpes.
Bei einer Bergwanderung fragte einmal eine strenge Frau, wohl nicht
ernst gemeint, ob jemand jetzt “diesen Weg hinab ins Tal” gehen wolle.
Sie zeigte auf einen engen Pfad, der ins Tal führte. Ich nahm die Frage
aber ernst und hätte es interessant gefunden, da lang zu gehen. Also
antwortete ich, dass ich da gerne lang gehen würde. Darauf wurde ich vor
allen anderen Kindern mehrmals links und rechts in’s Gesicht geschlagen,
wusste noch nicht einmal wieso.
Abends gab es auch immer Tee zu trinken. zeitlebens habe ich einen guten
Stoffwechsel und muss oft Wasser lassen. Auch heute noch. In den
Abendstunden hatte ich vom Tee wohl so einen Blasendruck, dass ich aus
dem Bett stieg und in die Gemeinschaftstoilette gehen wollte. Da bin ich
dann erwischt worden. Es gab auch wieder Schläge und ich wurde ohne die
Notdurft verrichtet zu haben, ins Bett zurückgeschickt. Ich kann mich
erinnern, dass ich die ganze Nacht vor Druck und Blasenschmerzen kein
Auge zu gemacht habe und erst am nächsten Morgen auf Toilette durfte. Es gab noch zahlreiche
andere Erniedrigungen, die ich mir wohl alle
Gar nicht gemerkt habe.
Als die 6 Wochen um waren und ich von meinen Eltern in Empfang genommen
wurde, habe ich geweint und gesagt: “Schickt mich bitte nie wieder weg!”
Mit freundlichen Grüßen
Anonymisierungs-ID: acm