87541 Oberjoch, 1963

Wir hatten nur zu funktionieren.

Von: U.K
Nie vergessene Erlebnisse aus meinem Kuraufenthalt – etwa 1963- ich war 9 Jahre alt- in
Oberjoch im Allgäu waren mir sofort wieder präsent.
Ich litt schon als Kleinkind an starkem Asthma und wurde so für eine Kur empfohlen.
Meine Mutter setzte mich, ein Pappschild mit meinem Namen an einer Schnur um meinen Hals,
in Bocholt in einen Bus .Dort war ich ohne Begleitung alleine .Schnell wurde mir schlecht und ich
musste mich übergeben. Eine fremde Dame gab mir Wasser zu trinken.
Irgendwann würde ich von einer Betreuung aus dem Bus geholt, auf dem Bahnhof (Köln?) waren
bereits zwei weitere Kinder, mit dem Zug ging es weiter .Ein kleineres Mädchen weinte
unaufhörlich, immer wieder musste ich mich übergeben. Wir bekamen schwarzen Tee zu
trinken und sollten uns ruhig hinsetzen. Niemand sprach mit uns. Nach vielen Stunden Angst
und Ungewissheit wurden wir in einen anderen Zug gesetzt. Dann in einen Bus, niemand
erklärte uns mal etwas unterwegs. Wir waren alle verstummt.
Im Kurheim Santa Maria verstand ich nicht, was man mir sagte, ich kannte diese Sprache nicht.
Es war wohl ein Dialekt, doch das wusste ich natürlich nicht. Ich hatte Angst und traute mich nie,
etwas zu fragen.
Ich machte das nach, was die älteren Kinder vormachten, es wurde seitens der Betreuung keine
Rücksicht genommen auf junge Kinder. Wir hatten nur zu funktionieren .
Mir schmeckte das Essen nicht immer, es war mir fremd , leise weinte ich dann, ich wollte nicht ,
dass eine Betreuerin auf mich aufmerksam wurde. Doch das Essen musste natürlich aufgegessen
werden, auch dann, wenn es kalt war. Manche Kinder saßen bis nachmittags noch vor ihrem
Teller. Manchmal habe ich mich danach erbrochen, heimlich, ich hatte Angst.
Im riesigen Keller wurden unsere Mäntel, Schuhe, Mützen usw. aufbewahrt. Es war / März/
April. Der Schnee lag meterhoch. Es gab zu der Zeit noch keine Kleidung, die wasserabweisend
war, so wie heute. Alle Sachen wurden nicht immer trocken, sie wurden dann feucht wieder
angezogen. Einmal wurde ich in diesem Keller vergessen. Ich war nicht schnell genug fertig mit
dem anziehen. Die Betreuung hatte mich übersehen, die Gruppe ging nach draußen, das Licht
ging aus, es war stockdunkel, die Türen wurden abgeschlossen. Ich setzte mich auf eine
Bank…nach Stunden fand mich zufällig der Hausmeister, niemand hatte mich vermisst. Zur
Strafe bekam ich kein Abendessen.
Ich bekam die Röteln, zusammen mit einem vierzehnjährigen Jungen kam ich für eine Woche auf
ein Isolierzimmer, dort stand ein Doppelstockbett für uns beide. Unsere Notdurft verrichteten
wir in ein Kindertöpfchen, das würde durch eine Klappe in der Tür geschoben. Ab und zu kam
jemand zum Fiebermessen und brachte uns etwas zu essen. Sonst waren wir alleine. Ich war
krank und hatte Angst.
Nach der Kur kam ich krank und mager nach Hause zurück.
Es ist gut, mal über diese Erlebnisse berichten zu können. Wenn ich davon mal erzählt habe, hat
mich keiner ernst genommen.
Schon beim Niederschreiben dieser wenigen Erinnerungen bekomme ich starke Beklemmungen
,fast Atemnot, ich hasse die Berge und kann nicht ohne innere Aufruhr an sie denken. Mein Sohn
wird im Nächsten Jahr in Österreich in einer Bergkapelle heiraten. Ich werde nicht dabei sein.
Anonymisierungs-ID: adw