97688 Bad Kissingen, 1966-1969
53227 Bonn-Oberkassel, 1970-1972
79848 Bonndorf, 1974-1975

Mein Kopfkissen war immer klatsch Nass vor Tränen.


Von: A.Sch.
Das ist das Problem mit den Erinnerungen. Sie sind bei mir ganz schwach oder erst gar nicht vorhanden.
Ich wurde 3x verschickt leider weiß ich die genauen Daten nicht mehr. Meine Mutter hat weder Karten noch Schriftstücke behalten. Angeblich hat sie vergessen dass ich weg war, paradoxerweise sagt sie aber das ich verstört und verschlossen zurückkam. Warum schickt man ein Kind dann dreimal weg? Sie hatte mit den Verschickungen gar nichts zu tun, das hat alles mein verstorbener Vater verzapft
(sagt sie). Außer einer Postkarte habe ich nichts Persönliches von den
Verschickungen.
Ich wurde immer von Neuss – Norf (NRW) aus verschickt
1.Verschickung
Ort: Bad Kissingen (Bayern) (Haus noch unbekannt)
Zeit: Ca 1966-1969
Zeitraum: 6 Wochen
Anreise: Mit dem Zug 8-14 Stunden (Sehr langer Aufenthalt auf dem Kölner Bahnhof)
Erinnerungen zum Aufenthalt:

  1. Nach der Ankunft gab es Essen (Wurst Käse-Salat) für mich so was von Ekelhaft das ich heute noch den Geschmack auf der Zunge liegen habe. Ich musste den allerdings essen weiß das ich geweint habe mit offenem Mund so dass der Inhalt wieder in die Schüssel kam. Eine Frau stellte sich hinter mich und wachte das ich esse. Ich habe keine Erinnerung ob ich aufgegessen habe oder nicht. Ich erinnere mich das sitzen bleiben musste und die anderen auf die Zimmer verteilt wurden. ich dann in ein voll belegtes Zimmer das übrig gebliebene Bett letzte bekam.
  2. Ich muss wohl vor Heimweh und Angst Nächtelang geweint haben immer recht vorsichtig im Dunkeln damit meine Stubenkameraden das nicht mitbekamen.
    Mein Kopfkissen war immer klatsch Nass vor Tränen.
  3. Ausflug mit einem Boot über die Saale.
  4. Ausflug zu den Salinen wo wir auch innen durchgehen durften
  5. Ich hatte mich riesig gefreut in einer Gelben Postpferdekutsche fahren zu dürfen. Bekam jedoch gesagt, dass ich einen Arzttermin habe. Ich kam alleine in einen Raum mit 2 Türen (Eingang und Arztzimmer) und musste Stundenlang warten. Vom Fenster aus konnte ich sehen wie meine Mitkurkinder in kleinen Gruppen in die Kutsche stiegen und nach etwa einer halben Stunde wieder kam um die nächsten aufzunehmen. Irgendwann kam der Arzt mich holen aber da war das mit der Kutschenfahrt schon vorbei.
  6. Nachts hab ich mal eingenässt. Ich musste die Nachtschwester holen. Diese war so erbost das sie mich am Kragen packte und mich mit dem Gesicht in den Urinfleck drückte. Während sie das Bett machte musste ich mich ausziehen und auf dem Flur warten bis sie mir das Bett neu Bezogen hatte und mir einen neuen Schlafanzug gab.
    Als ich zurückkann sollte ich laut meiner Mutter verstört und verschlossen gewesen sein. Ich hab auch nie was erzählt was mir passiert ist, oder was ich erlebt hatte.
    2.Verschickung
    Ort: Bonn Oberkassel (NRW) – Haus Bernward
    Zeit: Ca 1970-1972
    Zeitraum: 6 Wochen
    Anreise: weiß ich nicht mehr
    Erinnerungen zum Aufenthalt:
  7. Mein Bruder war mit mir angekommen wurde aber gleich von mir getrennt. Er musste in den Keller ich und 10-15 andere Kinder warteten in einen Flur an einen Zimmer wurde angeklopft und ein Mann im weißen Kittel kam heraus. Ich konnte durch die Türe schauen auf einen großen Schrank oben Glas in dem Spritzen ausgestellt waren. Eine davon etwa 10 cm im Umfang und 50-70cm
    lang. Der Mann erklärte uns was wir zu tun und lassen hätten. Ich erinnere mich ganz deutlich das er in seinen Kittel griff und eine Spritze von normaler Größe herausholte. „Die bekommt ihr wenn ihr das erste Mal ins Bett macht.“ Dann holte er eine weitere Spritze hervor die schon doppelt so groß war wie die erste.
    „Diese gebe ich euch wenn ihr das zweite Mal einnässt“ Und beim dritten Male er zeigte auf die geöffnete Türe des Zimmers aus dem er kam und ich schaute auf die Riesen Spritze in der Vitrine. Erst nach dieser Inszenierung durften wir auf unser Zimmer im 2. Stock.
  8. Ausflug zum Drachenfels (Automatenmuseum)
  9. Ausflug zum Phantasialand (Gab noch Eintrittskartenbongs für die Attraktionen keinen Pauschalpreis)
  10. Ausflug zu einer Kirmes (Ich bin das erste Mal mit einer Raupe gefahren.
  11. Herr D. L. erzählte eine Geschichte das Jungs ganz zu Anfang der Kur etwas laut waren. Die Nachtschwester holte einen Mann (Wahrscheinlich Herr Dr. M.). Er zog sich den Schluppen aus und fing ganz rechts in der Ecke an die Kinder auf den Hintern zu hauen. (Decke weg Hose runter und drauf.) Ich habe ganz still so getan als schlafe ich. So hat er kurz vor meinem Bett abgelassen. Mein
    Bruder hat mir erzählt das ich ihm diese Geschichte früher einmal erzählt habe.
    Deshalb glaube ich das meine Erinnerung nicht beeinflusst wurde von der Geschichte sondern das sie mir auch passiert ist. Durch die Erzählung von Herrn L. erinnerte ich mich plötzlich wieder dran. Mein Bruder ist mal nachts ausgerissen, rannte durch Oberkassel und wurde von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht. Als die Polizei weg war zog Dr. M. seinen Schluppen aus und haute auf die beiden Ausreißer ein.
  12. Einer meine Stubenkameraden steckte sich dummerweise Haselnüsse in seine Nase. Da er röchelte und wenig Luft bekam und seine Nase Blau wurde riefen wir die Nachtschwester. Diese rief einen Krankenwagen und der Junge wurde abtransportiert. Durch das Fenster konnte man Deutlich das Blaulicht erkennen obwohl die Straße auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses war. Am nächsten Morgen war der Junge wieder da.
  13. An einen bestimmten Tag wurden Postkarten geschrieben. Ein Junge sagte das man nur Positives schreiben darf, sonst kommen die gar nicht bei uns zu Hause an. Ich weiß nicht mehr was ich geschrieben habe, allerdings hat sich meine Mutter beschwert das ich hätte öfters schreiben können. Also kam nur ein Bruchteil der Karten an, die von mir und meinen Bruder geschrieben wurde.
  14. 3 Tage vor Ende der Verschickung bekam mein Bettnachbar rote Flecken an Hals und Stirn. Der Herr Doktor kam und stellte fest „Ganz klar Windpocken“ Es kamen Stellwände die um sein Bett gestellt wurden. Einen Tag später wurde auch bei mir diese Roten Punkte sichtbar und wieder kam der geschulte Herr Doktor. „Windpocken das ist so was von klar“. Die Stellwände wurden so gestellt, dass wir beide zusammen dahinter lagen. Damit war klar ich durfte an der Abschlussfeier nicht teilnehmen. Wie ich nach Hause kam wie ‘ich nicht mehr. Zuhause ging es dann zum Arzt. Meine Mutter: „Mein Sohn hatte bereits die Windpocken, wie kann das sein?“ Der Arzt meinte das ich aus der Verschickung Kopfläuse mitgebracht habe“ Meine Mutter sollte mit 1-2 Läusekuren die Tierchen bei mir und meinen Bruder vertreiben. Dann waren die Viecher aber auch weg.
    Wieder sagte meine Mutter dass ich sehr verstört und verschlossen war, und einige Wochen brauchte, um wieder einigermaßen normal zu reagieren.
    3.Verschickung
    Ort: Bonndorf (Schwarzwald) – Haus Waldfriede
    Zeit: Ca. Ostern 1974 oder 1975
    Zeitraum: 6 Wochen
    Anreise: mit dem Zug
    Erinnerungen zum Aufenthalt:
  15. Wir großen Jungs mussten im Waldhaus übernachten das lag ca 150 m vom Haupthaus entfernt auf dem Grundstück. Uns wurden zum schlafen gehen Gruselgeschichten vorgelesen oder erzählt.
  16. An einen Tag kurz vor Osten fiel so viel Schnee das wir komplett eingeschneit waren, Es brauchte Stunden bis man und freigeschaufelt hatte und wir zum Frühstück kamen.
  17. Burgenbau und Schneeballschlacht auf dem Grundstück.
  18. Wanderung durch dem Schnee.
  19. Ausflug nach Schaffhausen (Schweiz) Fahrt mit dem Bus
  20. Tauchen nach Ringe im Hauseigenen Schwimmbad
  21. Gemeinsame Fernsehabende der Hitparade, Unterhaltungssendungen
    zusammen mit den Mädchen.
  22. Abschiedsfeier Tanzveranstaltung mit Kinderboule und Discoähnlicher Abend der älteren Kinder gemeinsam mit den Mädchen Bei meiner ersten Verschickung kann ich mich weder an Zeit noch an das Haus erinnern Recherchen haben jedoch ergeben das ich nicht im Josef-Heim in Bad
    Kissingen war.
    Ich möchte meine Probleme selber nicht alleine auf die Verschickungen schieben obwohl ich mit Sicherheit viel erlebt habe was ein Kind nicht erlebt haben sollte. Ich habe jedoch jahrelange Ehestreite zwischen meinen Eltern, einen Selbstmordversuch meiner Mutter und schließlich die Trennung mitbekommen wo Ich als Kind sehr dran zu kauen hatte. Meine Mutter meinte das ich verhaltensauffällig war und brachte mich zu einen Kinderpsychologen. Dieser stecke mich in ein Hein
    wo ich dann 2 Jahre bleiben sollte (Es wurden dann 4 Jahre und ich soll das Ziel nicht erreicht haben) Dort gab es Prügel durch die älteren Kinder, Erpressungen (Geld oder Zigaretten sonst gab es Kloppe) Auch Schläge von Erziehern sowie Missbrauch durch ältere Kinder.
    Seit 1998 gehe ich zum Arzt wegen Magen Darmprobleme, Müdigkeit trotz ausgiebigen Schlaf oder Schmerzen in den Gelenken die sich kein Arzt erklären kann, Unerklärlicher plötzlicher Haarausfall. Man sagte mir es könnte Psychosomatisch sein. Allerdings bin ich mir gar nicht sicher wo es her kommen könnte. Ob von den Verschickungen, Irgendeine andere Kindheitserfahrung oder von
    dem Heimaufenthalt.
    Anonymisierungs-ID: acc