26548 Norderney, 1965

Ein Teil von mir blieb an der Nordsee zurück

Von: A.K.

Asthma, Bronchitis und ein zerebrales Anfallsleiden, teils mit lebensbedrohlichen Vorfällen,

dazu Neurodermitis, diverse Allergien und vermeintliches Untergewicht waren die Gründe für

meine Aufenthalte in verschiedenen Kinderkurheimen. Gesunde Luft schien geboten, das

Reizklima der Nordsee, Fichtennadeln im Schwarzwald. Als ich zum ersten Mal eine

Kinderkur absolvierte, war der Grund aber ein anderer: Meine Mutter war an einer

Gehirnentzündung (Enzephalitis) erkrankt, hatte hohes Fieber und war außerstande, sich um

mich und meine beiden jüngeren Schwestern zu kümmern. Mein Vater hatte damals anderes

zu tun, und überhaupt war in den Sechzigern nicht vorgesehen, dass Väter sich um ihre

Kinder kümmern. Die Lösung bestand darin, dass meine kleinste Schwester zur Großmutter

kam, während die mittlere Schwester und ich zur Kur in das „Seehospiz Kaiserin

Friedrich“ auf Norderney geschickt wurden. Das war 1965; ich war fünf, meine Schwester

erst vier Jahre alt. Ärzte verschrieben solche Kinderkuren damals nicht nur aus

medizinischem Grund, sondern auch, weil man sie dazu anhielt, denn sie waren ein

Riesengeschäft, vor allem für die Kommunen, in denen sich die Heime befanden (allein auf

6dem kleinen und beschaulichen Norderney gab es zeitweise bis zu 40 Kinderkurheime).

Meine Mutter hatte gemeint, dass wir die Entfernung von zuhause durch die Gemeinsamkeit

unseres Aufenthaltes gut verkraften würden. Unmittelbar nach der Ankunft wurden wir jedoch

getrennt: Mädchen und Jungs waren in verschiedenen Häusern untergebracht. Meine

Schwester schrie sich die Seele aus dem Leib, als man sie gewaltsam von mir fortriss. Nichts

wurde erklärt. Es wurde gebrüllt, kommandiert und gehöhnt. Die Botschaft war, dass Kinder

Nichtswürdigkeiten auf zwei Beinen seien, unsauber und ungeschliffen und in diesem

Rohzustand kein Grund zur Freude. Von zuhause waren meine Schwester und ich an einen

liebevollen und fürsorglichen Umgang gewöhnt; solche Grobheiten hatten wir noch nie erlebt,

sie waren für uns wie ein Schlag vor den Kopf. Heimweh und Tränen waren Vergehen, die

bestraft wurden; meine Schwester kann noch heute ein Lied davon singen. Wer getröstet sein

wollte, war noch nicht hart genug fürs Leben und musste gestählt werden.

Die beiden erhaltenen Fotos aus dieser Zeit zeigen meine Schwester, mich und andere Kinder

einmal auf einer Wiese vor dem Kurheim und einmal an einem Waldrand. Auf den Rückseiten

ist jeweils mit Bleistift unser Familienname notiert, der Ort und dass die Aufnahme zu

Pfingsten gemacht wurde. Diese Bilder sollten zweifellos den Eltern zuhause beweisen, dass

ihre Kinder in der Kur viel Spaß hätten und wohl auch bekräftigen, dass es keinen Grund

gebe, sich mit ihnen telefonisch oder gar durch persönliche Besuche in Verbindung zu setzen,

denn das war nicht erwünscht. Keines der Kinder auf den beiden Bildern lacht. Auf dem

Waldrand-Bild folgt meine Schwester unwillig einer offensichtlichen Anweisung, sich für das

Foto neben mich zu setzen; es wird eine Gemeinsamkeit vorgetäuscht, die in der täglichen

Wirklichkeit nicht zugelassen war, denn wir waren immer voneinander getrennt. Ich habe

noch vor Augen, wie ich durch einen Zaun hindurch versuche, meine Schwester auf der

anderen Seite zu trösten. Die Fotos sind gestellt, eine gedruckte Lüge.

Meine Schwester erinnert sich, dass in dem Zimmer ihrer Gruppe die Betten in einem Viereck

längs der Wände aufgestellt waren, mit einer großen Fläche in der Mitte. Nachts sei es völlig

dunkel gewesen. Einmal habe eines der Mädchen sich dort erleichtert, vielleicht, weil es

verboten war, nachts die Toiletten aufzusuchen. Die Hinterlassenschaft sei am nächsten

Morgen gefunden und die Übeltäterin ermittelt worden. Sie habe zur Strafe in einer Ecke

stehen müssen, während die anderen Mädchen den Schlafsaal verließen, um sich zu waschen

und fürs Frühstück fertig zu machen. Meine Schwester sagt, als sie vom Frühstück

zurückkamen, habe das Kind noch immer dort gestanden. Auch bedrückt hat sie, dass es

niemals Zeit zum Spielen gegeben habe; von morgens bis abends sei alle Zeit für

vorgeschriebene gemeinsame Aktionen verplant gewesen. In Zweierreihen seien die Kinder

am Strand entlang marschiert. Ihr Wunsch, gemeinsam mit mir zu gehen, sei ihr verweigert

worden; sie habe die Hand eines anderen Jungen nehmen müssen. Sie erinnert sich zudem,

dass, wer die Hand des anderen Kindes losließ, barsch zurechtgewiesen worden sei. Meine

Schwester berichtet auch von ihrem Neid auf andere Kinder, die mit ihren Eltern am Strand

waren, tun durften, was sie wollten und dabei Spaß hatten (dieses Gefühl ist mir von meinem

späteren Aufenthalt in St. Peter Ording auch noch sehr präsent). Außerdem erinnert sie sich,

dass andere Kinder sich auf ihre Teller erbrachen, weil das Essen so widerlich gewesen sei.

Dass diese Kinder gezwungen wurden, ihr Erbrochenes aufzuessen, kann sie aus ihrer

Erinnerung aber nicht bestätigen. Auch nicht, dass sie geschlagen worden wäre, aber sehr

wohl, dass sie ständig zurechtgewiesen worden sei, weil sie so viel weinte. Weinen war

ungezogen.

Während des Aufenthaltes erkrankte ich an Scharlach. Meine Schwester wurde darüber nicht

7informiert und sagt, sie habe nur zufällig aus der Ferne gesehen, dass ich in einen

Krankenwagen gebracht und fortgefahren wurde. Sie habe daraufhin einen Heulkrampf

bekommen und sei von einer zornigen Schwester außer Sichtweite gezerrt worden. Meine

Eltern wurden telefonisch über meine Verlegung ins Krankenhaus informiert, was meinen

Vater veranlasste – da meine Mutter noch krank war –, mich dort zu besuchen. Bei dieser

Gelegenheit muss er auch meine Schwester im Seehospiz besucht und einen Eindruck

erhalten haben, wie unglücklich sie dort war. Jedenfalls war die „Kur“ für meine Schwester

damit zu Ende, mein Vater brachte sie von dort zu einer Tante nach Hamburg.

Wie soll ich erklären, was auf Norderney so furchtbar war? Ich kann mich an fast gar nichts

Konkretes erinnern. Trotzdem bin ich überzeugt, dass damals das dunkle Zimmer entstand,

von dem anfangs die Rede war. Es erscheint nicht nur unheimlich, sondern feindlich. Was

immer sich darin verbirgt, ist voller Verachtung und will mich nicht haben. Es hasst mich und

will mir Schmerz zufügen.

Etwas, das ein Teil von mir war, blieb damals an der Nordsee zurück wie ein gebrochenes

Versprechen. Und danach war etwas anders. Ich erinnere mich, dass ich – lange vor meinem

Stimmbruch – den Eindruck bekam, meine Stimme sei anders geworden, sie erschien mir

fremd. Es war ein Gefühl, als ob etwas mit mir nicht in Ordnung wäre, nicht so wie vorher,

wie bei einem klemmenden Fenster, das man wieder richtig in die Angeln einhängen müsste,

damit es nicht mehr klemmt.

Anonymisierungs-ID: aul

Newsletter-Anmeldung

SPENDEN

Vielen Dank, dass Sie sich für eine Spende interessieren:

AKV NRW e.V.

IBAN DE98 3206 1384 1513 1600 00

Für eine Spendenquittung bitte eine E-Mail an:
Detlef.Lichtrauter@akv-nrw.de

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, um Dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.