Von: A.K.
Asthma, Bronchitis und ein zerebrales Anfallsleiden, teils mit lebensbedrohlichen Vorfällen,
dazu Neurodermitis, diverse Allergien und vermeintliches Untergewicht waren die Gründe für
meine Aufenthalte in verschiedenen Kinderkurheimen. Gesunde Luft schien geboten, das
Reizklima der Nordsee, Fichtennadeln im Schwarzwald. Als ich zum ersten Mal eine
Kinderkur absolvierte, war der Grund aber ein anderer: Meine Mutter war an einer
Gehirnentzündung (Enzephalitis) erkrankt, hatte hohes Fieber und war außerstande, sich um
mich und meine beiden jüngeren Schwestern zu kümmern. Mein Vater hatte damals anderes
zu tun, und überhaupt war in den Sechzigern nicht vorgesehen, dass Väter sich um ihre
Kinder kümmern. Die Lösung bestand darin, dass meine kleinste Schwester zur Großmutter
kam, während die mittlere Schwester und ich zur Kur in das „Seehospiz Kaiserin
Friedrich“ auf Norderney geschickt wurden. Das war 1965; ich war fünf, meine Schwester
erst vier Jahre alt. Ärzte verschrieben solche Kinderkuren damals nicht nur aus
medizinischem Grund, sondern auch, weil man sie dazu anhielt, denn sie waren ein
Riesengeschäft, vor allem für die Kommunen, in denen sich die Heime befanden (allein auf
6dem kleinen und beschaulichen Norderney gab es zeitweise bis zu 40 Kinderkurheime).
Meine Mutter hatte gemeint, dass wir die Entfernung von zuhause durch die Gemeinsamkeit
unseres Aufenthaltes gut verkraften würden. Unmittelbar nach der Ankunft wurden wir jedoch
getrennt: Mädchen und Jungs waren in verschiedenen Häusern untergebracht. Meine
Schwester schrie sich die Seele aus dem Leib, als man sie gewaltsam von mir fortriss. Nichts
wurde erklärt. Es wurde gebrüllt, kommandiert und gehöhnt. Die Botschaft war, dass Kinder
Nichtswürdigkeiten auf zwei Beinen seien, unsauber und ungeschliffen und in diesem
Rohzustand kein Grund zur Freude. Von zuhause waren meine Schwester und ich an einen
liebevollen und fürsorglichen Umgang gewöhnt; solche Grobheiten hatten wir noch nie erlebt,
sie waren für uns wie ein Schlag vor den Kopf. Heimweh und Tränen waren Vergehen, die
bestraft wurden; meine Schwester kann noch heute ein Lied davon singen. Wer getröstet sein
wollte, war noch nicht hart genug fürs Leben und musste gestählt werden.
Die beiden erhaltenen Fotos aus dieser Zeit zeigen meine Schwester, mich und andere Kinder
einmal auf einer Wiese vor dem Kurheim und einmal an einem Waldrand. Auf den Rückseiten
ist jeweils mit Bleistift unser Familienname notiert, der Ort und dass die Aufnahme zu
Pfingsten gemacht wurde. Diese Bilder sollten zweifellos den Eltern zuhause beweisen, dass
ihre Kinder in der Kur viel Spaß hätten und wohl auch bekräftigen, dass es keinen Grund
gebe, sich mit ihnen telefonisch oder gar durch persönliche Besuche in Verbindung zu setzen,
denn das war nicht erwünscht. Keines der Kinder auf den beiden Bildern lacht. Auf dem
Waldrand-Bild folgt meine Schwester unwillig einer offensichtlichen Anweisung, sich für das
Foto neben mich zu setzen; es wird eine Gemeinsamkeit vorgetäuscht, die in der täglichen
Wirklichkeit nicht zugelassen war, denn wir waren immer voneinander getrennt. Ich habe
noch vor Augen, wie ich durch einen Zaun hindurch versuche, meine Schwester auf der
anderen Seite zu trösten. Die Fotos sind gestellt, eine gedruckte Lüge.
Meine Schwester erinnert sich, dass in dem Zimmer ihrer Gruppe die Betten in einem Viereck
längs der Wände aufgestellt waren, mit einer großen Fläche in der Mitte. Nachts sei es völlig
dunkel gewesen. Einmal habe eines der Mädchen sich dort erleichtert, vielleicht, weil es
verboten war, nachts die Toiletten aufzusuchen. Die Hinterlassenschaft sei am nächsten
Morgen gefunden und die Übeltäterin ermittelt worden. Sie habe zur Strafe in einer Ecke
stehen müssen, während die anderen Mädchen den Schlafsaal verließen, um sich zu waschen
und fürs Frühstück fertig zu machen. Meine Schwester sagt, als sie vom Frühstück
zurückkamen, habe das Kind noch immer dort gestanden. Auch bedrückt hat sie, dass es
niemals Zeit zum Spielen gegeben habe; von morgens bis abends sei alle Zeit für
vorgeschriebene gemeinsame Aktionen verplant gewesen. In Zweierreihen seien die Kinder
am Strand entlang marschiert. Ihr Wunsch, gemeinsam mit mir zu gehen, sei ihr verweigert
worden; sie habe die Hand eines anderen Jungen nehmen müssen. Sie erinnert sich zudem,
dass, wer die Hand des anderen Kindes losließ, barsch zurechtgewiesen worden sei. Meine
Schwester berichtet auch von ihrem Neid auf andere Kinder, die mit ihren Eltern am Strand
waren, tun durften, was sie wollten und dabei Spaß hatten (dieses Gefühl ist mir von meinem
späteren Aufenthalt in St. Peter Ording auch noch sehr präsent). Außerdem erinnert sie sich,
dass andere Kinder sich auf ihre Teller erbrachen, weil das Essen so widerlich gewesen sei.
Dass diese Kinder gezwungen wurden, ihr Erbrochenes aufzuessen, kann sie aus ihrer
Erinnerung aber nicht bestätigen. Auch nicht, dass sie geschlagen worden wäre, aber sehr
wohl, dass sie ständig zurechtgewiesen worden sei, weil sie so viel weinte. Weinen war
ungezogen.
Während des Aufenthaltes erkrankte ich an Scharlach. Meine Schwester wurde darüber nicht
7informiert und sagt, sie habe nur zufällig aus der Ferne gesehen, dass ich in einen
Krankenwagen gebracht und fortgefahren wurde. Sie habe daraufhin einen Heulkrampf
bekommen und sei von einer zornigen Schwester außer Sichtweite gezerrt worden. Meine
Eltern wurden telefonisch über meine Verlegung ins Krankenhaus informiert, was meinen
Vater veranlasste – da meine Mutter noch krank war –, mich dort zu besuchen. Bei dieser
Gelegenheit muss er auch meine Schwester im Seehospiz besucht und einen Eindruck
erhalten haben, wie unglücklich sie dort war. Jedenfalls war die „Kur“ für meine Schwester
damit zu Ende, mein Vater brachte sie von dort zu einer Tante nach Hamburg.
Wie soll ich erklären, was auf Norderney so furchtbar war? Ich kann mich an fast gar nichts
Konkretes erinnern. Trotzdem bin ich überzeugt, dass damals das dunkle Zimmer entstand,
von dem anfangs die Rede war. Es erscheint nicht nur unheimlich, sondern feindlich. Was
immer sich darin verbirgt, ist voller Verachtung und will mich nicht haben. Es hasst mich und
will mir Schmerz zufügen.
Etwas, das ein Teil von mir war, blieb damals an der Nordsee zurück wie ein gebrochenes
Versprechen. Und danach war etwas anders. Ich erinnere mich, dass ich – lange vor meinem
Stimmbruch – den Eindruck bekam, meine Stimme sei anders geworden, sie erschien mir
fremd. Es war ein Gefühl, als ob etwas mit mir nicht in Ordnung wäre, nicht so wie vorher,
wie bei einem klemmenden Fenster, das man wieder richtig in die Angeln einhängen müsste,
damit es nicht mehr klemmt.
Anonymisierungs-ID: aul