Von: A.K.
Meine Mutter hatte mich bewusstlos unter meinem Schreibtisch gefunden. Ich weiß noch,
dass ich, bevor das passierte, mit Buntstiften ein Bild malte: Häuptling Schneller Hirsch
kämpft mit einem Bären. Der Bär brüllt, in seiner Brust steckt das Messer des Häuptlings,
Blut spritzt heraus, sehr cool. Ich hatte damals gelegentlich zerebrale Krampfanfälle. Wenn
9sie auftraten, hörte ich die Stimmen meiner Umgebung plötzlich nur noch wie aus großer
Ferne und dann war ich weg. Es war übrigens der letzte dieser Anfälle, aber das konnte man
damals noch nicht wissen. Auf ärztlichen Rat wurde beschlossen, dass ich erneut eine
Kinderkur machen sollte, Reizklima und so weiter. Diesmal war der Ort das Sanatorium
„Goldene Schlüssel“ in St. Peter Ording. Dass ich erneut an die Nordsee sollte, gefiel mir gar
nicht, denn das Unbehagen der beiden früheren Aufenthalte war mir noch sehr bewusst. Doch
es gab einen Unterschied zu früher: Ich war nun schon groß und zuversichtlich, dass ich Herr
der Lage sein würde. Ich fühlte mich wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht und dachte: Ich
werde es euch schon zeigen. Doch als ich in St. Peter Ording ankam, war vom Ritter nicht
mehr viel übrig, kein Ross, kein Schwert und keine Lanze. Aber Schild und Helm hatte ich
noch, und ein vorsichtiges Gespür, wie ich mich schützen könnte. Tatsächlich zeigte sich, dass
dieses Gespür sehr hilfreich war; ich lernte, wie man es anstellt, in bedrohlichen Situationen
unsichtbar zu werden, aber ich merkte nicht, wie sehr mich diese Wachsamkeit erneut
veränderte und dass mir durch sie ein weiteres Stück meiner vorigen unbekümmerten Freiheit
abhandenkam.
Ich weiß nicht mehr, welche Nummer oder welchen Namen unser Haus hatte. Ich erinnere
mich daran, dass man draußen ein paar Stufen hinaufsteigen musste, man kam durch eine
Glastür und gleich linker Hand war das Vierer-Zimmer, dem ich zugewiesen war. Mein Bett
war das erste; es stand vor den Spinden, in denen wir unsere persönlichen Sachen
aufbewahrten. Meine Zimmergenossen kamen aus Berlin, an einige Namen kann ich mich
noch erinnern. Im Unterschied zu mir waren sie auf Veranlassung einer Krankenkasse in der
Kur – das Heim musste der Krankenkasse berichten, und diese entschied dann, ob der
Aufenthalt verlängert werden sollte. Ich weise darauf hin, weil sich hieraus ein
wirkungsvolles Druckmittel ergab, mit dem den Kindern gern gedroht wurde, falls sie nicht
spuren sollten: die jederzeit mögliche Verlängerung des Aufenthaltes, mutmaßlich unbegrenzt,
was wie der pure Horror erschien. Mich betraf das nicht, aber ich erinnere mich gut, dass
diese Drohungen bei den anderen Jungs ein großes Einschüchterungspotenzial hatten.
Die Betreuenden
Betreut wurden wir fast ausschließlich von Frauen, wir mussten sie „Tante“ nennen. Die für
meine Gruppe zuständige Betreuerin war Tante R. Nur ein Betreuer war männlich. Er war
jünger als die Tanten und hatte keinen Titel, wir nannten ihn einfach nur bei seinem
Vornamen: T. Er schien uns dadurch näher zu sein als die Tanten, hatte langes Haar und
wirkte fast wie ein großer Bruder, den man hätte bewundern können. Aber er war kein großer
Bruder, das war nur eine Masche. Er war auch kein Hippie (oder „Gammler“, wie man in
Deutschland damals sagte), sondern eher ein Feldwebel. Er war dafür zuständig, nachdem wir
von Tante R. geweckt worden waren, uns noch vor dem Frühstück zu langen
Gewaltmärschen durch die Dünen und über den Strand zu hetzen. Dass die meisten von uns
an akutem Asthma litten, spielte dabei keine Rolle, denn der Zweck der Übung war, uns
Kinder abzuhärten. Stehenbleiben war verboten, nicht einmal, um die aufgelösten
Schnürsenkel neu zu binden. Nur T. entschied, wann man innehielt. Bei einem dieser
Stopps prahlte er mit seiner Erfahrung bei der Bundeswehr, wo man nur anhalte, um das Blut
aus den Schuhen zu kippen. Wahrscheinlich war das ein Scherz, aber ich konnte nicht darüber
lachen, denn ich konnte gar nichts mehr, meine Bronchien pfiffen, ich schnappte nur noch
nach Luft und dachte, ich müsste sterben, noch vor dem Frühstück.
Nach dem Dauerlauf war T. dafür zuständig, die Qualität der von uns gemachten Betten
zu überprüfen. Einfach die Decke über das Laken zu breiten, war keine Option. T.
10schlug die Decke zurück, fand eine Falte im Laken, meistens irgendwo an den Ecken der
Matratze, riss alles heraus und warf die Bettwäsche auf den Boden, damit wir das Ganze noch
einmal von vorn machten, aber diesmal ordentlich. Das konnte sich mehrmals wiederholen,
und es bestand die Gefahr, dass man das Frühstück verpasste. Es kam mehrfach vor, dass ich
der Letzte im Schlafraum war, darauf wartend, dass T. kam und mein gemachtes Bett
endlich abnahm, damit ich zum Frühstück konnte. Offensichtlich habe ich mich in einem
Brief an meine Mutter über diese Schikane beklagt; er ist leider nicht mehr erhalten. Doch es
gibt noch die Antwort meiner Mutter, in der sie schreibt, dass sie es gar nicht verkehrt finde,
dass T. so beharrlich sei, denn auf diese Weise würde ich lernen, wie man ein Bett
macht und könne später einmal meiner Frau zeigen, wie das geht.
Nach dem Frühstück folgten meist irgendwelche Anwendungen, und danach das Mittagessen.
Von beidem wird noch die Rede sein. Nachmittags folgten weitere Gewaltmärsche, und
schließlich ging es in den Schuhkeller, wo unsere Schuhe in Regalen aufbewahrt wurden. Wir
saßen auf hölzernen Bänken und bekamen Schuhcreme und Bürsten. Dann bürsteten und
polierten wir, als hinge das Glück der Welt davon ab. Der Anspruch war, dass man sich im
Glanz der Schuhe spiegeln könne. Wieder war es T., der die Resultate inspizierte, und
wieder saß ich, manchmal zusammen mit anderen Jungs, gefühlte Ewigkeiten im Schuhkeller
fest, weil T. das mit der Qualität der Schuhpolitur nicht zufrieden war. Einmal waren ich
und St. D. die Letzten im Schuhkeller, alle anderen waren schon fort, während wir darauf
warteten, dass T. zu uns herunterstieg und unsere geputzten Schuhe endlich für gut
befand. Eigentlich hatten wir zwei nie viel miteinander zu tun gehabt, aber an diesem Tag
schon. Leider weiß ich nicht mehr, worum es ging und ob es wirklich wichtig war. Aber ich
erinnere mich noch genau, dass wir uns prügelten und ich danach trachtete, seine Brille zu
zerbrechen und ihn totzuschlagen. Ich habe es versucht, aber es ist mir nicht gelungen. Nie
zuvor und auch seither nicht mehr habe ich allen Ernstes danach getrachtet, jemanden zu
töten. Damals schon. Ich weiß nicht mehr, wie es war, als T. in den Schuhkeller kam,
um unsere Schuhe zu begutachten. Ich weiß nur noch, dass es für uns beide eine Frage der
Ehre war, unseren Streit vor ihm zu verbergen. Vielleicht hat er mitbekommen, dass etwas
nicht in Ordnung war, wahrscheinlich sogar, jedenfalls hat er uns aus dem Schuhkeller
entlassen, und ich kann mich nicht erinnern, dass S. D. und ich danach noch jemals
miteinander Kontakt hatten. Ich erwähne das, um zu veranschaulichen, dass die Brutalität der
Kinderkuren nicht nur von den Betreuern ausging, sondern auch von den Kindern selbst. Auch
darauf werde ich noch näher eingehen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass Tante R. in unserer Gegenwart jemals gelacht oder uns
Kindern etwas Nettes gesagt hätte. Wahrscheinlich sah sie so etwas nicht als ihre Aufgabe an.
Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie heute auf mich wirken würde, wenn wir uns als
gleichberechtigte Erwachsene begegneten. Immerhin muss sie selbst doch auch mal ein Kind
gewesen sein, mit Ängsten, Hoffnungen, Freuden und Sehnsüchten. Doch es gelingt mir nicht.
In meiner Vorstellung bleibt sie für immer diejenige, die sie aus meinem Kinderblick war:
Eine Maschine der Gewalt, die dich so richtig zum Kotzen findet. Permanent schlecht gelaunt
und nur auf die nächste Gelegenheit wartend, diese ekelhaften kleinen Maden zu verdreschen.
Ob sie wohl selbst Kinder hatte? Der Gedanke erscheint mir absurd, denn ich bin mir sicher,
dass sie Kinder verabscheute. Schwächliche Kinder, undeutsche Kinder, Kurkinder, kleine
kackende Kakerlaken, was für ein unerträglicher Dreck! Wahrscheinlich wird diese
Wahrnehmung ihr nicht gerecht, aber sie zeigt, wie ihr Regime auf mich wirkte.
Wir Jungs mussten in einem großen Waschraum nackt antreten, jeder vor einem
Waschbecken. Die Regel lautete, sich immer von oben nach unten zu waschen, d.h. mit dem
11Gesicht beginnend und die Füße erst ganz zum Schluss. Tante R. stand in der Tür und sah
uns zu. Ich hatte mit dem Waschen noch nicht begonnen und bemerkte irgendetwas an
meinem Fuß, ich weiß nicht mehr, was. Um es näher zu betrachten, hob ich den Fuß auf den
Rand des Waschbeckens. Ich wollte ihn ja gar nicht waschen, nur ansehen, aber für Tante R.
sah es wie ein Verstoß gegen die Regel aus. Wie ein Blitz schoss sie heran und versetzte mir
eine Ohrfeige. Da ich nur auf einem Bein stand, verlor ich das Gleichgewicht, schlitterte über
den nassen Boden und knallte an die Wand. Ich weiß nicht mehr, wie es weiterging, ob ich
mich verletzte oder nicht und wie Tante R. darauf reagierte. Sicher nicht betroffen,
erschrocken oder gar mitleidig.
In den Schlafräumen hatte nachts absolute Ruhe zu herrschen. Morgens erzählte die
Nachtschwester der Tante R., in welchem Zimmer jemand nicht ruhig gewesen war. Das
musste dann meist die ganze Zimmerbelegschaft ausbaden. Einmal hatte die Nachtschwester
sich anscheinend über unser Zimmer beschwert. Wir mussten morgens immer die Decke
zurückschlagen und uns fürs Fiebermessen mit heruntergezogener Schlafanzughose auf den
Bauch legen. Tante R. schimpfte schon, als sie das Zimmer betrat. Sie zog mir das
Thermometer heraus und schimpfte noch mehr, dann ging sie zum nächsten Bett, wo T.
B. lag, zog auch ihm das Thermometer heraus und verdrosch ihm ohne Vorwarnung den
Hintern nach Strich und Faden. Er war gar nicht der Urheber der nächtlichen Unruhe
gewesen, aber das spielte keine Rolle.
Einer aus unserer Gruppe wurde während des Heimaufenthaltes 15 Jahre alt. Ab 15 Jahren
wurde man eigentlich in einer anderen Gruppe untergebracht und war berechtigt, das Gelände
ohne Aufsicht zu verlassen, man durfte dann gehen, wohin man wollte – Freiheit! Tante R.
sagte dem Geburtstagskind: „Aber du möchtest trotzdem bei uns bleiben.“ Es war keine
Frage, sondern eine Feststellung. Das Geburtstagskind nickte, und ich dachte: Wie blöd kann
man sein?
Tante R. war eine konstante Bedrohung. Um ihr zu entkommen, legte ich mir eine Strategie
zurecht: Immer unter dem Radar bleiben, die Augen senken, die Klappe halten, das Leid der
anderen nicht zu meinem eigenen machen, wachsam sein. Und zu versuchen, so gut wie ein
Dreizehnjähriger das kann, in unvermeidlichen Konfrontationen die Waffen der Erwachsenen
zu benutzen, d.h. nicht kindlich zu reagieren, sondern mit Sprache. Das konnte ich gut. Ich
vermute, dass ich in St. Peter Ording gerade deshalb als „Querulant“ bezeichnet wurde, das
war sozusagen meine verbale Ohrfeige. Ein Querulant ist jemand, der nicht dazu gehört.
Jemand, der nicht einmal Schläge verdient, von dem man sich abwendet, als wäre die Person
gar nicht da. Es ist keine schöne Erfahrung. In den „Goldenen Schlüsseln“ hat sie hat mir
einige blaue Flecken erspart, aber nur auf der Haut, nicht auf der Seele.
Die Erwachsenen, mit denen ich in St. Peter Ording zu tun hatte, waren grundsätzlich
unfreundlich, doch ich erinnere mich an eine Ausnahme: die Krankenschwester, die mich
massierte und mit Salbe dick eincremte, bevor ich in eine Wolldecke gewickelt in die
Liegehalle kam. Während sie mich eincremte, unterhielt sie sich mit mir. Das war
ungewöhnlich, denn eigentlich waren die Kinder für die Erwachsenen keine
Gesprächspartner, sondern nur Subjekte, denen sie Anweisungen erteilten. Diese hier aber
fragte mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte, was sie zuhause zum Mittagessen kochen
könnte. Ich schlug ihr Kasseler mit Sauerkraut vor, und sie fand, das sei eine sehr gute Idee
und bedankte sich für die Anregung. Ich war sehr stolz, nach meiner Meinung gefragt worden
zu sein und ihr einen so erwachsenen Rat gegeben zu haben.
12Schläge und Strafen
Ein Kind erzählte mir damals, man nenne das Kurheim „Goldene Schlüssel“ unter der Hand
auch „Schlagende Schlüssel“. Ich weiß nicht, ob das stimmt und glaube es eher nicht, denn
Prügel und Gewalt waren in den Kinderkurheimen damals völlig normal und wären von den
Eltern, wenn sie davon erfahren hätten, teilweise wahrscheinlich als gut und richtig gebilligt
worden. Wer zuhause geschlagen wurde, musste sich im Heim nicht großartig umgewöhnen.
Schlimm war es eher für Kinder, die aus liebevollen Familien kamen, in denen man so etwas
nicht tat und die nun zum ersten Mal Opfer körperlicher Gewalt wurden oder sie miterleben
mussten. Für mich war die Erfahrung ein Schock, am schlimmsten wohl während des ersten
Aufenthalts auf Norderney (obwohl ich davon fast nichts Konkretes mehr weiß), aber auch St.
Peter Ording bot noch genug Raum für Verzweiflung und Empörung.
„Bück dich!“ Die Aufforderung ist mir noch im Ohr und vertraut genug, um nahezulegen,
dass ich sie wohl öfter zu hören bekam, aber ich kann mich an nichts Konkretes mehr
erinnern. Nur an den Grimm darüber, an meiner Entwürdigung selbst mitzuwirken zu müssen,
indem ich folgsam meinen Hintern präsentierte. Das Gefühl der Erniedrigung war offenbar
schmerzlicher als die Schläge: Dass mein Kopf und mein Gesicht nicht mehr gefragt waren,
sondern die Angelegenheit kurz und bündig an meinem anderen Ende ausgetragen wurde, als
wäre ich keine Person, mit der man spricht, sondern ein Klotz auf der Werkbank.
Natürlich wurden die Kinder im Kurheim „Goldene Schlüssel“ geschlagen, das geschah jeden
Tag. Es gab Ohrfeigen, Schläge auf den Hinterkopf, auf die ausgestreckten Finger und den
Hintern, Züchtigungen mit der bloßen Hand oder mit Gegenständen. Beim Mittagessen führte
eine furchteinflößende alte Frau die Oberaufsicht, von uns Kindern wurde sie „der
Drache“ genannt. Ich weiß ihren richtigen Namen nicht mehr, aber sie war auch für die
anderen Betreuerinnen eine Respektsperson und wohl die Chefin im Bereich der
Mädchengruppen, mit denen wir nie zu tun hatten. Während des gemeinsamen Mittagessens
saß sie wie ein schwarzer Krake in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl, an dem ein
Gehstock lehnte, vor dem andere Kinder mich warnten. Wenn ich den Raum betrat und
verließ, achtete ich darauf, dass ich nicht in ihr Gesichtsfeld geriet.
Weitere Formen der Bestrafung waren der Ausschluss vom Mittag- oder Abendessen oder von
Gruppenaktivitäten (so wurde ich einmal bestraft, indem man mich vom ersehnten Ausflug ins
Wellenbad ausschloss, stattdessen musste ich den Nachmittag allein in der Liegehalle
verbringen, während eine Betreuerin, die im angrenzenden Gebäude irgendwelche
Schreibarbeiten machte, darauf achtete, dass ich mich nicht bewegte oder gar aufstand, denn
das war verboten). Ein anderes Mittel war Isolation, dann musste das Kind mit oder ohne
Decke in einer Kammer, im Waschraum oder auf dem Flur lange reglos auf einem Stuhl
sitzen. Einmal wurde in unserem Zimmer laut geredet. Die Nachtschwester kam herein und
wählte nach dem Zufallsprinzip einen von uns aus (nicht mich), der zur Strafe im Schlafanzug
vor die Tür geschickt wurde, wo er in der kühlen Nacht stehen musste und erst wieder in sein
Bett durfte, als wir anderen längst schliefen. Demütigungen in der Gruppe waren ein weiteres
und oft angewendetes Mittel der Bestrafung, besonders wenn ein Kind ins Bett oder in die
Hose gemacht hatte, was oft geschah, da man die Toiletten nur zu festgelegten Zeiten und
nicht in der Nacht benutzen durfte. Es wurde dann vorgeführt und dem Spott der anderen
Kinder ausgesetzt. Unter uns „Großen“ war das kein Thema, aber bei den kleineren Kindern
schon. Meine Schwester und ich machten entsprechende Erfahrungen, als wir vier- und
fünfjährig auf Norderney waren.
Eine weitere potenzielle Strafe und ein Druckmittel, von dem schon die Rede war, war die
13Androhung, bei der Krankenkasse eine Verlängerung des Aufenthaltes zu erwirken. Hier wird
die Kur selbst zur Strafe, die unter solchen Vorzeichen gar nicht mehr als Mittel zum Zweck
der Genesung, sondern als fortgesetzte Schikane zum Einsatz kommt.
Für mich waren in den Kinderkuren aber nicht die Strafen das Schlimmste, sondern der stets
vermittelte Eindruck, als Kind etwas grundsätzlich Unerfreuliches zu sein, wie ein Fleck auf
dem Hemd, etwas, das niemand haben möchte und das zu nichts gut ist. Die vielen Berichte
über Kinder, die aus diesen Kuren ernst und schweigsam zurückkehrten und plötzlich
„schwierig“, „verstockt“ oder irgendwie anders waren, finde ich daher überhaupt nicht
erstaunlich. Ich selbst mag mich seither nicht mehr so gut leiden, neige zu überzogener
Selbstkritik und einem nicht erfüllbaren Bedürfnis, es allen recht zu machen. Aber Schwamm
drüber, ich habe mich mit mir selbst zusammengerauft und komme zurecht.
Das Essen
Ich kann mich an das Essen nicht mehr gut erinnern. Es gab viel Matschiges, also etwa
Haferschleim, Graupensuppe usw., das Gemüse war zerkocht, auch das Fleisch war mit
Knorpeln, Sehnen und schwabbeligen Anteilen oft kein Vergnügen. Als Nachtisch gab es
Kaltschalen und manchmal gekochten Pudding mit einer widerlichen Haut obendrauf. Ebenso
heiße Milch und Kakao, auch hier durfte man die Häutchen nicht beiseitelegen, sondern
musste sie herunterschlucken. Der verschwitzte Küchengeruch, der sich außerhalb des
Gebäudes verbreitete, war ekelerregend. Auf den Fluren verband er sich sehr markant mit den
Ausdünstungen von Reinigungsmitteln, Terpentin, Bohnerwachs. Ab und zu bin ich diesem
Geruch noch als Erwachsener begegnet, der mich jedes Mal in die Zeit meiner Kuraufenthalte
zurückversetzt und mit einer spontanen Traurigkeit erfüllt hat.
Neben der medizinischen Indikation, die mich in die Kur nach St. Peter Ording brachte, war
auch notiert worden, dass ich bei dieser Gelegenheit ruhig ein paar Kilo zunehmen solle, da
ich zu schmächtig sei. Nichts ist leichter messbar als eine Gewichtszunahme, für ein Heim ist
sie daher ein willkommener Indikator des Kur-Erfolgs. Man legte es daher darauf an, mich zu
mästen. Mein Teller war immer voller als die der anderen Kinder. Zeitweise nahm eine
Betreuerin neben mir Platz und sah zu, wie ich mich durch die Menge kämpfte. Wenn der
Teller endlich leer war und ich meinte, ich müsse platzen, brachte sie ihn in die Küche und
ließ ihn erneut füllen. Ich schluckte und würgte und oft genug klatschte ein Mundvoll auf den
Teller zurück, doch es gab kein Erbarmen. Im Speisesaal sind nur noch ich und meine
Peinigerin. Noch ein Löffel und noch einer. Ich verschlucke mich und der Kartoffelbrei quillt
aus meiner Nase. Mach voran, stell dich nicht so an. Es gibt Berichte anderer
Verschickungskinder, die sich erbrachen und das Erbrochene aufessen mussten. So etwas habe
ich nicht in Erinnerung, aber meine Mastsitzungen waren nicht weit davon entfernt und sehr
schmerzhaft. Aus der Sicht des Heimes war es sicher subversiv und strafbar, dass ich mich
unmittelbar nach dem Essen von meiner schmerzenden Last befreite, schon allein, weil die
Benutzung der Toiletten zu dieser Zeit nicht gestattet war. Trotzdem schlich ich mich immer
dorthin und sehe mich noch heute in einer der leeren Kabinen sitzend, horchend, ob Schritte
sich nähern, wie ein Dieb auf der Flucht, ein Verbrecher, ein Querulant. Aber ich wurde nie
erwischt.
Süßigkeiten waren rar, aber dort, wo ich war, nicht verboten. Wenn in St. Peter Ording ein
Kind ein Päckchen bekam, wurde der Inhalt nicht konfisziert und auch nicht zwangsweise
unter allen Kindern verteilt. Ich bekam einmal ein Päckchen, in dem sich auch eine Tüte mit
Gummibärchen befand. Ich teilte sie mit den anderen Jungs in meinem Zimmer. Anstatt sie zu
14essen, lagen wir auf unseren Betten, lutschten die Gummibärchen an, bis sie schön klebrig
waren und warfen sie dann mit Schmackes an die Zimmerdecke, wo sie fest hafteten und
lustige bunte Muster erzeugten. Wir fanden das sehr witzig. Am nächsten Morgen weckte uns
Tante R. unfreundlich wie immer. Vom Bett aus sahen wir die Gummibärchen-Pracht, die
immer noch an der Decke klebte und hofften inständig, dass keins von ihnen herunterfiel.
Glück gehabt, Tante R. blickte nicht nach oben, und vielleicht sind die Gummibärchen noch
heute dort.
Die Anwendungen
Anwendungen wie Inhalationen, Sole-Bad u. ä. fanden meist im Lauf des Vormittags statt.
Manche von ihnen waren unangenehm, andere kreuzlangweilig. Zur Behandlung von
Neurodermitis wurden die Kinder am ganzen Körper dick eingecremt und mussten dann
stundenlang in der Liegehalle ausharren, fest eingepackt in eine Wolldecke, bewegen
verboten. Wenn man Glück hatte, schlief man dabei ein. Arzt-Kontakte wird es gegeben
haben, aber ich kann mich an keine erinnern. Da die heute üblichen Kinder-Impfungen (z. B.
MMR gegen Masern, Mumps und Röteln) bis zu Beginn der 1970er Jahre noch nicht üblich
oder verfügbar waren, gab es bis dahin in den Kinderkurheimen auch immer wieder
Infektionen und die damit verbundene Notwendigkeit der strengen Isolierung. Viele
Verschickungskinder der 50er und 60er verbrachten daher einen guten Teil ihrer Kuren, ohne
einen Schritt nach draußen zu machen, abgeschirmt, allein oder in Mehrbettzimmern,
manchmal mit anschließenden Transfers ins nächstgelegene Krankenhaus und von dort leider
auch manchmal auf den Friedhof. Auch ich war als kleines Kind aus solchem Grund zunächst
isoliert und später im Krankenhaus. In meiner Erinnerung verschmelzen diese Orte zu einem
einzigen grauen unfreundlichen Ganzen.
Die anderen Kinder
Mädchen und Jungs begegneten sich im geregelten Tagesablauf kaum, Ausnahmen waren die
Essenszeiten und einige Gemeinschaftsaktivitäten. In der eigenen Gruppe kam es nach meiner
Erfahrung selten zu Freundschaften, sondern es ergaben sich eher kurzlebige Allianzen und
Zweckgemeinschaften. Mit keinem Kind aus meinen Kuraufenthalten hielt ich über die Kur
hinaus Kontakt. Auf Norderney ergab sich durch eine ansteckende Erkrankung eine
Freundschaft im Isolierzimmer, an die mich dunkel erinnere, doch sie endete abrupt, als mein
Zimmergenosse zur Verlegung in ein Krankenhaus abgeholt wurde, wo er an einer
Lungenentzündung verstarb. In St. Peter Ording war ich mit einem türkischen Jungen aus
Berlin befreundet. Doch in der Regel gab es in unserer Gruppe nichts Verbindendes außer der
Sorge, nicht unter die Räder zu kommen. Man konnte sich in der Gruppe verstecken, um nicht
aufzufallen, so dass andere herausgepickt wurden, um stellvertretend für den Rest eine
gescheuert zu bekommen. Wichtig war aber auch, nicht in der Gruppe selbst zur Zielscheibe
zu werden.
Der Umgang in unserer Jungs-Gruppe war ziemlich rau, und ich glaube, dass dies von den
Tanten nicht nur geduldet, sondern unterstützt wurde. Ich erinnere mich, dass wir oft „Elfer
raus!“ spielten. Es ging dabei nicht so sehr um das Spiel selbst, sondern das, was geschah,
wenn eine Runde zu Ende war. Der Verlierer musste dem Gewinner seine Hand hinhalten,
entweder den Handrücken oder die Unterseite von zwei ausgestreckten Fingern, und bekam
die Zahl seiner Minuspunkte in harten Schlägen mit dem Kartenstapel zugeteilt – obwohl es
eine Frage der Ehre war, sich das nicht anmerken zu lassen, tat das höllisch weh und war auch
manchmal blutig. Wer Schläge austeilte, die nicht wehtaten, war ein Waschlappen, also legte
man in seine Hiebe alle verfügbare Kraft. Die Tanten tolerierten das, denn es entsprach wohl
ihrer Vorstellung, dass Kinder zur Härte zu erziehen seien. (Ich habe diese Art, das Spiel zu
15spielen, zuhause auch meinen Freunden und Geschwistern nahebringen wollen, aber die
zeigten mir einen Vogel, als ich darauf bestand, dass die Schläge mit äußerster Härte
auszuführen seien, das tue doch weh. Gut so. Da es außer mir keine Idioten gab, die sich
darauf einlassen wollten, war dieser Ansatz meiner in St. Peter Ording erworbenen Verrohung
schnell wieder fort.)
Und es wurde geklaut; man musste auf seine Sachen gut aufpassen. Einmal fand ich bei einer
Rast am Strand einen Bernstein mit dem Abdruck eines fossilen Seeigels. Was für ein Schatz!
Ich hätte ihn niemandem zeigen sollen, denn am Abend war er fort und kam nicht mehr
wieder.
Anonymisierungs-ID: aup