Norderney, 1967.
Es ging mir nicht gut. Den Beginn meines zweiten Schuljahres verbrachte ich überwiegend in der Bonner Kinderklinik, von dort ging es im Sommer erneut zum Seehospiz nach Norderney, diesmal ohne meine Schwester. Auf Postkarten fragen meine Eltern, ob mein schlimmer Husten inzwischen besser geworden sei, und sie berichten vom bevorstehenden Umzug nach Brüssel. An Übergriffe, Gewalt und dergleichen kann ich mich nicht erinnern, aber wie beim ersten Aufenthalt im Seehospiz blieb ein finsterer Eindruck zurück.
Dass die Erinnerung an so viele Dinge im Dunkeln liegt, mag daran liegen, dass ich noch so klein war, aber eigentlich erinnert man sich an das, was man im Alter von 7 Jahren erlebt hat, oder nicht? Ein anderes Verschickungskind erwähnte bei einem kürzlichen Video-Treffen den Löffel mit Honig, den es abends immer gegeben habe und den man nicht zurückweisen durfte. Genau, der Löffel mit Honig! Ich hatte ihn völlig vergessen, doch mir fiel wieder ein, dass es ihn gab und dass er ein Ritual war, dem man sich nicht entziehen durfte. Wann und wo ich ihn bekam, weiß ich aber nicht mehr. War er mit einem Mittel zur Sedierung versetzt? Könnte das erklären, warum ich mich an fast nichts mehr aus dieser Zeit erinnere? Aus den erhaltenen Unterlagen weiß ich, dass mein Vater mich abholte und wir danach mit der Familie in den Urlaub nach Holland fuhren, an den ich mich sehr gut erinnere: Wieder Meer, Strand und Dünen, aber diesmal waren sie Orte der Freude. Wir ließen Drachen steigen, bauten Sandburgen, aßen Eis, in dem kleine Plastik-Windmühlen steckten, suchten verlorenes Kleingeld im Sand, von dem wir uns neues Eis kauften, sammelten Seesterne, fischten mit Netzen nach Garnelen, bewarfen uns quietschend vor Vergnügen mit den zahlreichen angespülten blauen Quallen, aßen Honigkuchen und saßen in der Ferienwohnung vor dem Fernseher. Ich kann mich sogar noch an die holländischen Werbespots erinnern und dass wir einmal ein Konzert der Beatles sahen. Mein Vater fragte mich, ob es normal sei, dass die Musiker so wackeln oder ob es sich vielleicht um eine Bildstörung handeln könne. Es ist doch erstaunlich, dass die Erinnerung im einen Fall gar nicht, im anderen aber glasklar vorhanden ist.