23669 Niendorf, 1963

Konnte vielen beruflich helfen, nur nicht mir selbst

Von

Die Quellen ihrer Erreichbarkeit habe ich beim Stöbern im Internet gefunden.

Ich bin sehr dankbar für das was sie tun und möchte ihre Arbeit ein wenig begleiten, vielleicht auch stärken mit meiner Geschichte.

Meine Geschichte wird eine von vielen sein, aber es eine Geschichte, die doch zeigen kann, dass man als geschädigte Person etwas im Leben erreichen kann, ohne sich wirklich als Opfer fühlen zu müssen oder vielleicht auch darzustellen.

Das was ich sage bzw. meine, bedeutet viel Kraft aufzubringen, dass vielen Leidensgenossen/-innen aus welchen Gründen auch immer verwehrt war.

Was ich wohl sagen muss ist, dass Erlebte hat weh getan und tut heute auch noch weh.

Ich für meine Person möchte nur sagen, ich habe trotz dieser Widrigkeiten ein wundervolles Leben gehabt und habe aus meinem Leben alles herausgeholt und mich durch mein Erlebtes nicht runter ziehen lassen.

Ich denke einfach, es war bei mir bewusst unbewusst. Ich konnte nie sagen, warum das alles so bei mir war. Ich bin mittlerweile ein pensionierter Polizeibeamter. Ich habe meine Geschichte immer unbewusst verdrängt. Woher hätte ich meine Geschichte auch kennen können. Ich hatte Ängste und Nöte, wusste sie aber nie einzuordnen. Ich hatte und habe noch heute Träume, die ich meinem schlimmsten Feind nicht gewünscht hätte bzw. wünsche.

Ich wusste nicht, woher sie kommen und kann sie auch heute noch nicht wirklich deuten, trotz meinem in meinem Leben, privat aber auch dienstlich, Erlebten.

In meiner Tätigkeit als Polizeibeamter hatte ich einmal, für mich dass erste Mal mit einer Dame zu tun, die in ihrer Kindheit als Heimkind untergebracht war. Ich hatte vorher in meiner dienstlichen Tätigkeit keine Berührungspunkte mit Menschen dieser Couleur. Die Dame war eine sehr liebe Person, wohl stark Suizid gefährdet. Ich habe es irgendwie hinbekommen.

Sie freut sich heute ihres Lebens, ist sogar zwischenzeitlich verheiratet und wir haben auch noch nach meiner Dienstzeit Kontakt.

Sie erzählte mir seinerzeit von ihren Erfahrungen und es lief mir Heiß und Kalt den Rücken runter. Ich wurde an Dinge erinnert, die ich wie bereits vorher angedeutet, seit immer schon verdrängt hatte. Ich bin 1963, mit gerade mal 4 Jahren, nach Niendorf an der Ostsee, verschickt worden.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit, aber die ich habe, füge ich nachfolgend an. Das ich heute so bin und auch wohl war, ich bereue nichts. Auch wenn viele Wurzeln damals gelegt wurden, als ich 4 Jahre alt war. Ich kann mich heute noch gut an einiges erinnern, Gott sei Dank aber nicht an allem.

Meine Eltern schickten mich 1963 auf Anordnung des Jugend- und Gesundheitsamtes in eine Erholungsmaßnahme an die Ostsee nach Niendorf.

Weil ich so unterernährt erschien und augenscheinlich Mangelerscheinungen aufwies.

Gab es Eltern, die es damals nicht mit ihren Kindern so machten? Die Zeit war halt so. Keinen Vorwurf an meine Eltern. Sie hatten wohl auch keine Chance sich gegen diese Maßnahme zu wehren. Alle machten es doch so.

Ich kann und weiß es nicht anders zu sagen. Ich kam vier Wochen in dieses Heim. Oder waren es sechs Wochen? Ich habe mich durch jeden Tag gequält und hierbei die zeitliche Orientierung verloren. Es war eine Einrichtung, die wohl von Nonnen geleitet wurde. Zumindest nahm ich es so wahr.

Ich war wohl damals der Kleinste und Jüngste von allen, die mit dem Zug nach Niendorf verschickt wurden. Ohne meine Familie, ganz allein mit wildfremden Menschen. Die ersten zwei Wochen habe ich meiner Erinnerung nach dort nur geweint. Tag und Nacht. Meine Familie war so weit weg.

Ich wurde in den Wochen der Unterbringung von den Nonnen nur ausgelacht und vorgeführt. Keine Nonne oder Mensch, der mich damals in den Arm genommen hat bzw. getröstet hat. Die ersten zwei Wochen habe ich dort nur geweint. Tag und Nacht.

Die Nonnen waren hier schon etwas Besonderes.

Ich erinnere mich an IHNEN nur daran, dass sie unbarmherzig und brutal waren. Wenn Schlafenszeit war, mussten alle kurz vorher noch einmal auf die Toilette gehen. Ob man musste oder auch nicht. In der Schlafenszeit durfte dann keiner mehr aufstehen und zur Toilette gehen. Wenn es doch einer heimlich versuchte und erwischt wurde, ist er von den Nonnen mit dem Rosenkranz verprügelt worden.

Sie sind den Kindern, in der Regel den Älteren die sich getraut hatten, dann hinterhergerannt und haben nur zugeschlagen, mit dem Rosenkranz.

Ich als Kleinster habe es mich nie getraut, in der Nacht zur Toilette zu gehen.

Wir haben in einem Schlafsaal geschlafen. Ich glaube, wir waren 20 Kinder, verschiedenstem Alter. Es gibt ein Bild vom Schlafsaal mit uns Kindern. Ich kann es leider nicht mehr finden. Versuche aber, es in meinem Fotofundus noch zu finden.

Und so kam es eines Nachts, wie es kommen musste. Ich habe mich in einer Nacht eingekotet. Am nächsten Morgen war es nicht zu übersehen, was ich in der Hose hatte. Ich musste mich vor meinem Bett dann hinstellen, mit voller Hose und alle anderen durften bzw. mussten mich dann auslachen. Alle anderen Kinder haben sich dann gewaschen und angezogen und sind dann zum Frühstück gegangen. Bis dahin musste ich immer noch vor meinem Bett stehen.

Danach durfte ich mich erst fertig machen.

Wie ich das damals als 4-Jähriger hinbekommen habe, ich weiß es nicht mehr. Ganz besonders mit der Wurst in der Hose. Ich weiß hier nur noch, dass meine Hose nicht gewaschen wurde, ich noch Nächte damit schlafen musste und die Schlafhose mit diesen Spuren ungewaschen mit nach Hause gegeben wurde. Es war ja ganz am Anfang der Maßnahme und ich hatte nur noch eine zweite Garnitur Schlafanzug dabei.

Eine andere Geschichte in der Zeit war ein Mittagessen. Ich erinnere mich mittlerweile daran so, als wäre es gestern.

Wir saßen beim Mittagessen. Alles was auf den Tisch kam, musste gegessen werden. Was es für ein Essen an dem Tag gab, daran kann ich mich nicht wirklich mehr erinnern. Woran ich mich aber erinnern kann, war ein Schälchen mit grünem Bohnensalat, Zwiebeln und einem widerlichen Essiggeschmack. Ich war damals wirklich kein guter Esser.

Aber dieser Bohnensalat war das Widerlichste, was mir bis dahin in meinem Leben zum Essen bis heute vorgesetzt wurde. Ich habe es probiert, weil ich dazu gezwungen wurde. Ich steckte es in meinem Mund, kaute, konnte es nicht runterschlucken und ich musste würgen. Ich habe es regelrecht ausgebrochen. Die Essenszeit war dann vorbei, alle anderen durften den Essenssaal verlassen und zur folgenden Mittagsruhe gehen. Ich habe immer noch vor meinem Schälchen mit dem Bohnensalat gesessen.

Die Mittagsruhe war vorüber und alle Kinder sind dann an den Strand der Ostsee gegangen, zum Spazieren und zum Spielen. Das war so nach der Mittagsruhe, dass war ein Ritual jeden Tag. Ich saß immer noch vor meinem Schälchen mit dem Bohnensalat. Ich habe immer wieder versucht es zu essen, größtenteils auf Druck und teils, weil ich doch auch spielen wollte. Ich konnte es nicht essen. Ich habe immer nur gewürgt. Es war ekelhaft. Die Kinder sind dann vom Strand wiedergekommen.

Sie kamen alle wieder in den Essenssaal. Ich saß immer noch vor meinem Schälchen Bohnensalat. Den Kindern wurde dann ein Stück Trockenkuchen auf den Teller gelegt und sie bekamen Milch oder Kakao. Ich saß immer noch vor meinem Schälchen mit dem Bohnensalat. Danach sind alle aufgestanden und haben noch ein bisschen spielen dürfen.

Ich wurde dann auch erlöst, durfte aufstehen und bekam aber auch nichts mehr zu essen, keinen Kuchen und auch keinen Kakao. Zum Abendbrot durfte ich mich mit den anderen Kindern wieder im Essenssaal einfinden. Es gab wie jeden Abend Butterbrote und ungesüßten Tee zu trinken. Ich bekam mein Schälchen Bohnensalat wieder vorgesetzt. Was soll ich heute dazu noch sagen? Diese Geschichten habe ich jahrzehntelang verdrängt.

Diese Geschichten sind erst wieder bei mir hochgekommen, als ich dienstlich mit meiner ersten „Heimkind Erfahrung “ zusammenkam.

Eine zweite dienstlich erfahrene Geschichte mit sexuellen Übergriffen bei einem Geschädigten in einer anderen Einrichtung, kann ich an mir so nicht bestätigen.

Dieser Geschädigte wurde in der Einrichtung anal vergewaltigt.

Wenn Badetag war, wurde bei mir als Kleinstem wohl auch Hand angelegt. Ob das alles beim Baden an mir richtig war, kann ich heute so nicht bejahen. Meine Mutter hat mich damals ja auch gewaschen. Das war einfach normal für mich.

Ich bin heute ein pensionierter Polizeibeamter mit 44 1/2 Jahren Diensterfahrung Ich habe vieles erlebt, habe im Besonderen bei meiner dienstlichen Tätigkeit im polizeilichen Opferschutz vielen Menschen helfen können, nur bei mir bin ich jämmerlich gescheitert.

Ich war doch erst 4 Jahre alt.

Für eventuelle Fragen stehe ich Ihnen zur Verfügung.

Anonymisierungs-ID: avu

Newsletter-Anmeldung

SPENDEN

Vielen Dank, dass Sie sich für eine Spende interessieren:

AKV NRW e.V.

IBAN DE98 3206 1384 1513 1600 00

Für eine Spendenquittung bitte eine E-Mail an:
Detlef.Lichtrauter@akv-nrw.de

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, um Dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.