Die Angst vor der Autorität ging so weit, dass einige in ein Waschbecken im Zimmer pinkelten. Hier habe ich ein Trauma mitgenommen.

Von: J.M.

Sehr geehrte Damen und Herren

danke für Ihren Bericht im Lokal-Anzeigen 46. Woche – 19./20. November 2021!

Er hat mich betroffen gemacht und ich will Ihnen meine Erlebnisse schildern.

Auch ich wurde in eine solche Kur geschickt. Es war 1971 und ging nach Bad Rothenfelde.

Ich war 7 1/3 Jahre alt und meine Schwester fast 5. Wir waren vorher noch nie getrennt von unseren Eltern gewesen. Wir waren eine Gruppe von 20-30 Kindern. Manche noch jünger, die meisten älter. Unsere Hauptbeschäftigung bestand darin, vormittags und nachmittags in 2er-Reihen, Händchenhaltend spazieren zu gehen – gefühlt stundenlang. Oft an den Salinen vorbei. Oft durch den Park. Auch am dortigen Spielplatz ging es – ohne Aufenthalt – vorbei. An wenigen Tagen, wenn es wirklich regnete, blieben wir drinnen und durften malen. „Richtig“ spielen oder Zeit für uns war nicht drin. Wenige Male gingen wir auch Schwimmen. Vermutlich ein Physiobecken von ca. 5×10 m. Es war durchgehend zu tief für mich, denn ich konnte nicht schwimmen. Also konnte ich nur mit Schwimmflügelchen rein. Irgendwie nur der halbe Spaß für eine Wasserratte.

Mittags gab es Bettruhe. Eine Stunde oder gar zwei? Natürlich wurden wir geschimpft, wenn wir tuschelten oder giggelten. Auch, wenn eine aus unserem 4- oder 6-Bett-Zimmer mal musste, wurde sie geschimpft. Die Angst vor der Autorität ging so weit, dass einige in ein Waschbecken im Zimmer pinkelten. Hier habe ich ein Trauma mitgenommen. Natürlich fanden es die Erzieherinnen heraus, denn das Becken nahm einen Gelbton an. Aus Angst vor Strafe, habe ich meine Schwester verraten – sie war dabei gewesen. Und schäme mich bis heute. Denn insgesamt fühlte ich mich verantwortlich für sie.

Das Essen war nicht besonders und so gut wie fleischlos. Und wenn es Fleisch gab, waren die Stücke knorpelig.

Vor Ostern mussten wir eine Karte schreiben. Ich war erst ein ¾ Jahr in der Schule. Es klappte dennoch, nur dass ich in Spiegelschrift schrieb. War es Aufregung, weil ich Linkshänderin bin oder weil ich 3-4 Wochen außer Übung war? Dann trudelten für die meisten Kinder Osterpäckchen ein. Meine Schwester und ich bekamen keine. Vielleicht auch wenige andere. Es war traurig zuzusehen. Aber unsere Eltern haben uns doch überrascht. Sie kamen uns an einem der Ostertage nachmittags besuchen und nahmen uns mit zum Kaffeetrinken. Da haben wir natürlich unser Herz ausgeschüttet und sie waren wirklich betroffen. Danach gab es für uns keine Kuren mehr. Die 6 Wochen – was endlos lang ist für 5 bzw. 7 jährige – mussten wir dennoch dort beenden.

Gegen Ende gingen wir sogar noch ins Kino. Den Film habe ich jedoch nicht verstanden – zu sehr „Erwachsenenfilm“. Vielleicht ging es den älteren Kindern besser damit. Ja und dann war da noch die Sache mit dem Geld. Ein Junge fand in seiner Tasche einen Groschen – und durfte sich damit Kaugummi ziehen, während alle anderen das Wasser im Mund zusammenlief. Auch traurig, denn Süßigkeiten gab es zu keiner Zeit. Die „Krönung“ kam aber noch. Wir hatten kein Geld über die ganze Zeit. Als wir aber unsere Sachen zur Abreise packten, bekamen wir einen Umschlag mit Geld ausgehändigt. Wir gaben es zu Hause ab und haben erst da verstanden: Das wäre unser Taschengeld gewesen …

Wie bereits erwähnt, war diese Kur eine einmalige Sache für meine Schwester und mich. Später wurden wir in Jugendfreizeiten geschickt. Die dauerten nur 3 Wochen und waren interessanter und altersgerechter.

Was aber Gewalt angeht, so gab es die durchaus auch zu Hause, wenn man als Kind „nicht spurte“. In der Kur war ich brav genug. Zu Hause wurde ich insgesamt ein paar Mal von meiner Mutter mit dem Kochlöffel verhauen. Bis zu dem Punkt, dass mein Vater uns strafte, kam es nicht, dafür sorgte meine Mutter. Er hat ihr seine Grenzen und Forderungen mindestens einmal durch Prügel aufgezeigt. Aber die Sätze meiner Mutter: „Ich schlag dich windelweich“ oder „Wenn du nicht hörst, sag ich es dem Papa heute Abend“ machten klar, was erwartet wurde. In jedem Fall, war mein Vater der Herr im Haus. Hat sich da bis heute wirklich so viel geändert?

Ich will nichts entschuldigen oder beschönigen, aber so war die Zeit. Jedenfalls bei mir. Mein Vater erzählte, dass er von seinem Vater Prügel bezog und zwar mit dem Gürtel – und der Schnalle. Auch der Vater meiner Mutter schlug Frau und Kinder. Sie haben es insofern mit ihren Kindern schon ein bisschen besser gemacht. Und mir ist bei meinen Sohn auch ein paarmal „die Hand ausgerutscht“. Hinterher habe ich mich fürchterlich geschämt und hatte womöglich mehr seelische Schmerzen als er.

Was mich jedoch mehr schmerzt, als die Dresche, die ich als Kind bekam, ist das Leugnen meiner Mutter vor einigen Jahren. Das Thema kam im Gespräch hoch und ohne Groll oder Ärger sprach ich darüber, dass sie mich ein paarmal verhauen hat. Sie war felsenfest der Überzeugung, dass das nicht stimme. War wohl ihre Scham, die das verdrängt hat. Heute tut man sowas schließlich nicht mehr!

Und mein Vater, der bleib noch mehr in seinem „ich bin der Alleinherrscher“ gefangen. Noch wenige Jahre vor seinem Tod, ging er mir an die Gurgel, weil ich mir die Freiheit nahm, mein eigener Mensch zu sein und mich ihm zu sehr widersetzte …

Vieles hat sich verändert und verändert sich noch, aber leben wir wirklich in einer gewaltloseren Welt? Oder ist einiges nur subtiler geworden?

Ich mag nicht werten. Manchmal hatte ich schlechte Zeiten und manchmal gute.

Vielleicht ist meine Mail ein Puzzlesteinchen für Ihr Bild.

Mit freundlichen Grüßen,

Anonymisierungs-ID: aay