St. Peter Ording, 1973.
Meine Mutter hatte mich bewusstlos unter meinem Schreibtisch gefunden. Ich weiß noch, dass ich, bevor das passierte, mit Buntstiften ein Bild malte: Häuptling Schneller Hirsch kämpft mit einem Bären. Der Bär brüllt, in seiner Brust steckt das Messer des Häuptlings, Blut spritzt heraus, sehr cool. Ich hatte damals gelegentlich zerebrale Krampfanfälle. Wenn sie auftraten, hörte ich die Stimmen meiner Umgebung plötzlich nur noch wie aus großer Ferne und dann war ich weg. Es war übrigens der letzte dieser Anfälle, aber das konnte man damals noch nicht wissen. Auf ärztlichen Rat wurde beschlossen, dass ich erneut eine Kinderkur machen sollte, Reizklima und so weiter. Diesmal war der Ort das Sanatorium „Goldene Schlüssel“ in St. Peter Ording.

Dass ich erneut an die Nordsee sollte, gefiel mir gar nicht, denn das Unbehagen der beiden früheren Aufenthalte war mir noch sehr bewusst. Doch es gab einen Unterschied zu früher: Ich war nun schon groß und zuversichtlich, dass ich Herr der Lage sein würde. Ich fühlte mich wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht und dachte: Ich werde es euch schon zeigen. Doch als ich in St. Peter Ording ankam, war vom Ritter nicht mehr viel übrig, kein Ross, kein Schwert und keine Lanze. Aber Schild und Helm hatte ich noch, und ein vorsichtiges Gespür, wie ich mich schützen könnte. Tatsächlich zeigte sich, dass dieses Gespür sehr hilfreich war; ich lernte, wie man es anstellt, in bedrohlichen Situationen unsichtbar zu werden, aber ich merkte nicht, wie sehr mich diese Wachsamkeit erneut veränderte und dass mir durch sie ein weiteres Stück meiner vorigen unbekümmerten Freiheit abhandenkam.
Ich weiß nicht mehr, welche Nummer oder welchen Namen unser Haus hatte. Ich erinnere mich daran, dass man draußen ein paar Stufen hinaufsteigen musste, man kam durch eine Glastür und gleich linker Hand war das Vierer-Zimmer, dem ich zugewiesen war. Auf einer Ansichtskarte ist das Gebäude unten links zu sehen (auf dieser Treppe musste einer der Jungs aus unserem Zimmer einmal eine halbe Nacht lang im Schlafanzug stehen. Siehe Bild).
Mein Bett war das erste; es stand vor den Spinden, in denen wir unsere persönlichen Sachen aufbewahrten. Meine Zimmergenossen kamen aus Berlin, an einige Namen kann ich mich noch erinnern. Im Unterschied zu mir waren sie auf Veranlassung einer Krankenkasse in der Kur – das Heim musste der Krankenkasse berichten, und diese entschied dann, ob der Aufenthalt verlängert werden sollte. Ich weise darauf hin, weil sich hieraus ein wirkungsvolles Druckmittel ergab, mit dem den Kindern gern gedroht wurde, falls sie nicht spuren sollten: die jederzeit mögliche Verlängerung des Aufenthaltes, mutmaßlich unbegrenzt, was wie der pure Horror erschien. Mich betraf das nicht, aber ich erinnere mich gut, dass diese Drohungen bei den anderen Jungs ein großes Einschüchterungspotenzial hatten.