Knokke, 1968.
Von Brüssel aus machten wir einen Ausflug ans Meer, meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich. Wir fuhren an der Promenade mit lustigen Tandems und aßen Eis, es war sehr schön. Dann besuchten wir irgendwelche Leute, die in einem Haus hinter den Dünen wohnten. Sie waren Belgier und sprachen kein Deutsch. Wie groß war der Schreck, als die Familie aufbrach und mich bei ihnen zurückließ! Doch meine Familie war fort, als hätte es sie nie gegeben. Das alte Ehepaar meinte, es könne nicht schaden, wenn ich mich während meines Aufenthalts etwas nützlich machte. Ich musste über Tage hinweg das Unkraut im Garten jäten, obwohl der Pollenflug mein Gesicht aufquellen ließ und ich kaum noch atmen konnte. Ein Anruf meiner Mutter beendete die Qual, wobei ich nicht weiß, ob meine Verzweiflung den Ausschlag gab oder meine sicher genauso hörbare gesundheitliche Verfassung. Die Eltern fuhren nach Knokke und holten mich vorzeitig ab.
An dieser Stelle will ich etwas erläutern: „Vorzeitig“. Aus einer erwachsenen Perspektive umfassten die Kuraufenthalte nur kurze Zeitspannen, ein paar Wochen, deren Tage man abzählen kann, in der Gewissheit, dass sie schon bald verstrichen sein werden. Aus meiner kindlichen Sicht war das anders: die Zeit zerlegte sich nicht bequem in zählbare Einheiten, sondern jeder neue Tag war eine endlos erscheinende Gegenwart. Ich begriff nicht, dass ich nur vorübergehend woanders war und dass diese Zeit ein Ende finden würde. Ich meinte, ich sei aus meiner Familie entfernt worden, verlassen, verkauft, verstoßen. Ich bekam zwar Briefe und Postkarten, die sehr kostbar waren und mir jedes Mal das Herz aufgehen ließen, aber sie führten in meinem kindlichen Kopf nicht zur Erkenntnis, dass meine Familie immer noch vorhanden war, nur eben gerade an einem anderen Ort, und dass ich bald wieder zuhause sein würde. Die Zeilen meiner Mutter waren wie Grüße vom Mars oder aus einem anderen Universum, das nicht mehr meins war. Vielleicht war ich besonders begriffsstutzig, vielleicht ist es aber auch normal, wenn Kinder im Alter von 5 bis 8 Jahren ihr Dasein im Raum und in der Zeit noch ganz anders wahrnehmen als es später der Fall ist. Erst bei meinem letzten Kuraufenthalt, da war ich schon dreizehn, war das anders: Noch neun Tage, noch eine Woche, noch drei Tage, noch zwei, morgen werde ich endlich abgeholt – die Vorstellung von der verschwindenden Zeit wurde ein Trost, der mir, als ich noch kleiner war, nicht zur Verfügung stand.