Ort unbekannt, 1962

Esszwang bis hin zu stundenlangem Sitzen müssen, wenn das Essen verweigert wurde.

Von: M.E.

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vielen Dank für Ihren Artikel in der Werbepost! Ich bin 64 Jahre alt und habe meine Erlebnisse / mein Trauma in Therapien verarbeitet, und bin mit mir „im Reinen“ – wie man so schön sagt. Wenn ich aber in dieser Form dazu beitragen kann, dass es zu mehr Wachsamkeit gegenüber institutioneller Macht kommt, dann schildere ich das Erlebte gerne!

Meine Familie lebte in Köln. Im Alter von 5 Jahren wurde ich mit meiner 6- jährigen Schwester für 6 Wochen „in Erholung“ verschickt. Unser Hausarzt war der Meinung, meine schwangere Mutter müsse sich ausruhen, meine jüngere Schwester blieb zuhause. Wir gingen weder in den Kindergarten, noch waren wir jemals zuvor von „unserer Mama“ getrennt. Ich weiß noch, dass wir lange mit dem Zug unterwegs waren.

Das Heim wurde von Nonnen geführt, es gab strenge Regeln, Schläge und Strafen, wenn man nicht folgte. Esszwang bis hin zu stundenlangem Sitzen müssen, wenn das Essen verweigert wurde. Mittagsschlaf war Pflicht, es durfte kein Ton gesprochen werden. Meine Schwester und ich flüsterten durch die Gitterstäbe unserer Bettchen leise miteinander, bis eine Schwester hereinstürmte und meine Schwester mit heftigen Schlägen auf den ganzen Körper wütend beschimpfte. Sobald ein Kind bei Tisch redete, musste es in „einer Ecke“ stehen, weil es nicht brav war.   

Das Essen schmeckt uns Kindern nicht, bis eines „Festtages“ Besuch von einer Oberin des Ordens kam. Es wurden leckere Speise aufgetischt, alles, was es sonst nicht gab. Die Oberin thronte vor Kopf, neben ihr die Nonnen, es war ein groteskes Bild für mich als Kind, zu sehen, wie alle Nonnen auf einmal freundlich in den großen Saal blickten. Ein ganz großes Kino…

Alle Kinder haben von den leckeren Speisen viel zu viel gegessen, und in der Nacht haben wir uns alle im Waschraum übergeben müssen. Es war ein einziges Chaos, die Bettchen, der Schlafraum, der Waschraum, der Boden, alles war überall bedeckt mit Erbrochenem. Ich bin darauf ausgerutscht und gefallen, und aus Angst, nun dafür bestraft zu werden, rannte ich schnell zurück in mein Bett, Bettdecke über den Kopf, in den Schlaf weinen.

Das alles sind nur Auszüge aus einer 6-wöchigen Zeit, die bei mir ein Trauma hinterlassen hat, und ich kann sagen, auch bei den Gleichaltrigen, mit denen ich bisher gesprochen habe. In meinem Leben danach hatte ich fortan kein Vertrauen mehr zu meiner Mutter (ich war ein „Mama- Kind“ und sie hat mich „weggeschickt“, und in der „Kur“ dachte ich immer, wenn ich zurück komme, ist meine Mama eine alte Frau und stirbt bald….). Daraufhin habe ich (unbewusst) für mich entschieden, mein Leben alleine in die Hand zu nehmen, meine Eltern / die Erwachsenen tun das für mich nicht.

Das hat mir in aller Verantwortlichkeit in meinem späteren Leben nicht geschadet, denn ich bin zu einer starken Frau herangewachsen. Es hat aber dazu geführt, dass ich mich oft überfordert habe, glaubte, alles im Leben alleine bewältigen zu müssen, und nur wenig Mütterlichkeit zugelassen und für mich beanspruch habe. Und das alles hat mir für mich selbst bei meiner therapeutischen Aufarbeitung in der Seele weh getan. Als junge Frau habe ich nicht bewusst eine Therapie begonnen, um dieses Trauma aufzuarbeiten, sondern ich kam an einem Punkt in meinem Leben, wo ich Hilfe brauchte, und endlich wieder Hilfe zulassen konnte. Innerhalb der Therapie habe ich einmal geäußert, wenn meine ältere Schwester damals nicht dabei gewesen wäre (meine Rettung!) hätte ich einfach aufgehört zu atmen.          

Als wir nach Hause zurückkehrten, waren unsere Eltern über unseren körperlichen Zustand entsetzt. Wir waren abgemagert, wir hatten zuvor lange dichte Haare, diese waren ausgedünnt aufgrund der groben Pflege, und mit Läusen versehen.

Meine Mutter erzählt heute noch, dass sie jeden Tag eine Postkarte an uns verschickt hat, und das eine oder andere Päckchen. Wir haben nichts davon erhalten. Und leider hatten meine Eltern damals (1962) nicht den Mut dagegen vorzugehen. Unser Hausarzt, solche Institutionen waren Obrigkeiten, gegen die man nicht vorging. Leider!!!  

Leider weiß meine heute 92-jährige Mutter nicht mehr, wohin unsere Reise damals ging.

Mein Mann hat im Übrigen gleiche Erfahrungen mit 4 Aufenthalten in solchen Kinderkuren….

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr offenes Ohr, Ihr Bemühen, dieses traurige Thema aufzugreifen, und ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Gerne können anonymisiert Inhalte verwendet werden. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Vielen Dank – herzliche Grüße

Anonymisierungs-ID: aes