25826 St. Peter Ording, 1976

25826 St. Peter Ording, 1976

Von: A.K.

Meine Mutter hatte mich bewusstlos unter meinem Schreibtisch gefunden. Ich weiß noch,

dass ich, bevor das passierte, mit Buntstiften ein Bild malte: Häuptling Schneller Hirsch

kämpft mit einem Bären. Der Bär brüllt, in seiner Brust steckt das Messer des Häuptlings,

Blut spritzt heraus, sehr cool. Ich hatte damals gelegentlich zerebrale Krampfanfälle. Wenn

9sie auftraten, hörte ich die Stimmen meiner Umgebung plötzlich nur noch wie aus großer

Ferne und dann war ich weg. Es war übrigens der letzte dieser Anfälle, aber das konnte man

damals noch nicht wissen. Auf ärztlichen Rat wurde beschlossen, dass ich erneut eine

Kinderkur machen sollte, Reizklima und so weiter. Diesmal war der Ort das Sanatorium

„Goldene Schlüssel“ in St. Peter Ording. Dass ich erneut an die Nordsee sollte, gefiel mir gar

nicht, denn das Unbehagen der beiden früheren Aufenthalte war mir noch sehr bewusst. Doch

es gab einen Unterschied zu früher: Ich war nun schon groß und zuversichtlich, dass ich Herr

der Lage sein würde. Ich fühlte mich wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht und dachte: Ich

werde es euch schon zeigen. Doch als ich in St. Peter Ording ankam, war vom Ritter nicht

mehr viel übrig, kein Ross, kein Schwert und keine Lanze. Aber Schild und Helm hatte ich

noch, und ein vorsichtiges Gespür, wie ich mich schützen könnte. Tatsächlich zeigte sich, dass

dieses Gespür sehr hilfreich war; ich lernte, wie man es anstellt, in bedrohlichen Situationen

unsichtbar zu werden, aber ich merkte nicht, wie sehr mich diese Wachsamkeit erneut

veränderte und dass mir durch sie ein weiteres Stück meiner vorigen unbekümmerten Freiheit

abhandenkam.

Ich weiß nicht mehr, welche Nummer oder welchen Namen unser Haus hatte. Ich erinnere

mich daran, dass man draußen ein paar Stufen hinaufsteigen musste, man kam durch eine

Glastür und gleich linker Hand war das Vierer-Zimmer, dem ich zugewiesen war. Mein Bett

war das erste; es stand vor den Spinden, in denen wir unsere persönlichen Sachen

aufbewahrten. Meine Zimmergenossen kamen aus Berlin, an einige Namen kann ich mich

noch erinnern. Im Unterschied zu mir waren sie auf Veranlassung einer Krankenkasse in der

Kur – das Heim musste der Krankenkasse berichten, und diese entschied dann, ob der

Aufenthalt verlängert werden sollte. Ich weise darauf hin, weil sich hieraus ein

wirkungsvolles Druckmittel ergab, mit dem den Kindern gern gedroht wurde, falls sie nicht

spuren sollten: die jederzeit mögliche Verlängerung des Aufenthaltes, mutmaßlich unbegrenzt,

was wie der pure Horror erschien. Mich betraf das nicht, aber ich erinnere mich gut, dass

diese Drohungen bei den anderen Jungs ein großes Einschüchterungspotenzial hatten.

Die Betreuenden

Betreut wurden wir fast ausschließlich von Frauen, wir mussten sie „Tante“ nennen. Die für

meine Gruppe zuständige Betreuerin war Tante R. Nur ein Betreuer war männlich. Er war

jünger als die Tanten und hatte keinen Titel, wir nannten ihn einfach nur bei seinem

Vornamen: T. Er schien uns dadurch näher zu sein als die Tanten, hatte langes Haar und

wirkte fast wie ein großer Bruder, den man hätte bewundern können. Aber er war kein großer

Bruder, das war nur eine Masche. Er war auch kein Hippie (oder „Gammler“, wie man in

Deutschland damals sagte), sondern eher ein Feldwebel. Er war dafür zuständig, nachdem wir

von Tante R. geweckt worden waren, uns noch vor dem Frühstück zu langen

Gewaltmärschen durch die Dünen und über den Strand zu hetzen. Dass die meisten von uns

an akutem Asthma litten, spielte dabei keine Rolle, denn der Zweck der Übung war, uns

Kinder abzuhärten. Stehenbleiben war verboten, nicht einmal, um die aufgelösten

Schnürsenkel neu zu binden. Nur T. entschied, wann man innehielt. Bei einem dieser

Stopps prahlte er mit seiner Erfahrung bei der Bundeswehr, wo man nur anhalte, um das Blut

aus den Schuhen zu kippen. Wahrscheinlich war das ein Scherz, aber ich konnte nicht darüber

lachen, denn ich konnte gar nichts mehr, meine Bronchien pfiffen, ich schnappte nur noch

nach Luft und dachte, ich müsste sterben, noch vor dem Frühstück.

Nach dem Dauerlauf war T. dafür zuständig, die Qualität der von uns gemachten Betten

zu überprüfen. Einfach die Decke über das Laken zu breiten, war keine Option. T.

10schlug die Decke zurück, fand eine Falte im Laken, meistens irgendwo an den Ecken der

Matratze, riss alles heraus und warf die Bettwäsche auf den Boden, damit wir das Ganze noch

einmal von vorn machten, aber diesmal ordentlich. Das konnte sich mehrmals wiederholen,

und es bestand die Gefahr, dass man das Frühstück verpasste. Es kam mehrfach vor, dass ich

der Letzte im Schlafraum war, darauf wartend, dass T. kam und mein gemachtes Bett

endlich abnahm, damit ich zum Frühstück konnte. Offensichtlich habe ich mich in einem

Brief an meine Mutter über diese Schikane beklagt; er ist leider nicht mehr erhalten. Doch es

gibt noch die Antwort meiner Mutter, in der sie schreibt, dass sie es gar nicht verkehrt finde,

dass T. so beharrlich sei, denn auf diese Weise würde ich lernen, wie man ein Bett

macht und könne später einmal meiner Frau zeigen, wie das geht.

Nach dem Frühstück folgten meist irgendwelche Anwendungen, und danach das Mittagessen.

Von beidem wird noch die Rede sein. Nachmittags folgten weitere Gewaltmärsche, und

schließlich ging es in den Schuhkeller, wo unsere Schuhe in Regalen aufbewahrt wurden. Wir

saßen auf hölzernen Bänken und bekamen Schuhcreme und Bürsten. Dann bürsteten und

polierten wir, als hinge das Glück der Welt davon ab. Der Anspruch war, dass man sich im

Glanz der Schuhe spiegeln könne. Wieder war es T., der die Resultate inspizierte, und

wieder saß ich, manchmal zusammen mit anderen Jungs, gefühlte Ewigkeiten im Schuhkeller

fest, weil T. das mit der Qualität der Schuhpolitur nicht zufrieden war. Einmal waren ich

und St. D. die Letzten im Schuhkeller, alle anderen waren schon fort, während wir darauf

warteten, dass T. zu uns herunterstieg und unsere geputzten Schuhe endlich für gut

befand. Eigentlich hatten wir zwei nie viel miteinander zu tun gehabt, aber an diesem Tag

schon. Leider weiß ich nicht mehr, worum es ging und ob es wirklich wichtig war. Aber ich

erinnere mich noch genau, dass wir uns prügelten und ich danach trachtete, seine Brille zu

zerbrechen und ihn totzuschlagen. Ich habe es versucht, aber es ist mir nicht gelungen. Nie

zuvor und auch seither nicht mehr habe ich allen Ernstes danach getrachtet, jemanden zu

töten. Damals schon. Ich weiß nicht mehr, wie es war, als T. in den Schuhkeller kam,

um unsere Schuhe zu begutachten. Ich weiß nur noch, dass es für uns beide eine Frage der

Ehre war, unseren Streit vor ihm zu verbergen. Vielleicht hat er mitbekommen, dass etwas

nicht in Ordnung war, wahrscheinlich sogar, jedenfalls hat er uns aus dem Schuhkeller

entlassen, und ich kann mich nicht erinnern, dass S. D. und ich danach noch jemals

miteinander Kontakt hatten. Ich erwähne das, um zu veranschaulichen, dass die Brutalität der

Kinderkuren nicht nur von den Betreuern ausging, sondern auch von den Kindern selbst. Auch

darauf werde ich noch näher eingehen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Tante R. in unserer Gegenwart jemals gelacht oder uns

Kindern etwas Nettes gesagt hätte. Wahrscheinlich sah sie so etwas nicht als ihre Aufgabe an.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie heute auf mich wirken würde, wenn wir uns als

gleichberechtigte Erwachsene begegneten. Immerhin muss sie selbst doch auch mal ein Kind

gewesen sein, mit Ängsten, Hoffnungen, Freuden und Sehnsüchten. Doch es gelingt mir nicht.

In meiner Vorstellung bleibt sie für immer diejenige, die sie aus meinem Kinderblick war:

Eine Maschine der Gewalt, die dich so richtig zum Kotzen findet. Permanent schlecht gelaunt

und nur auf die nächste Gelegenheit wartend, diese ekelhaften kleinen Maden zu verdreschen.

Ob sie wohl selbst Kinder hatte? Der Gedanke erscheint mir absurd, denn ich bin mir sicher,

dass sie Kinder verabscheute. Schwächliche Kinder, undeutsche Kinder, Kurkinder, kleine

kackende Kakerlaken, was für ein unerträglicher Dreck! Wahrscheinlich wird diese

Wahrnehmung ihr nicht gerecht, aber sie zeigt, wie ihr Regime auf mich wirkte.

Wir Jungs mussten in einem großen Waschraum nackt antreten, jeder vor einem

Waschbecken. Die Regel lautete, sich immer von oben nach unten zu waschen, d.h. mit dem

11Gesicht beginnend und die Füße erst ganz zum Schluss. Tante R. stand in der Tür und sah

uns zu. Ich hatte mit dem Waschen noch nicht begonnen und bemerkte irgendetwas an

meinem Fuß, ich weiß nicht mehr, was. Um es näher zu betrachten, hob ich den Fuß auf den

Rand des Waschbeckens. Ich wollte ihn ja gar nicht waschen, nur ansehen, aber für Tante R.

sah es wie ein Verstoß gegen die Regel aus. Wie ein Blitz schoss sie heran und versetzte mir

eine Ohrfeige. Da ich nur auf einem Bein stand, verlor ich das Gleichgewicht, schlitterte über

den nassen Boden und knallte an die Wand. Ich weiß nicht mehr, wie es weiterging, ob ich

mich verletzte oder nicht und wie Tante R. darauf reagierte. Sicher nicht betroffen,

erschrocken oder gar mitleidig.

In den Schlafräumen hatte nachts absolute Ruhe zu herrschen. Morgens erzählte die

Nachtschwester der Tante R., in welchem Zimmer jemand nicht ruhig gewesen war. Das

musste dann meist die ganze Zimmerbelegschaft ausbaden. Einmal hatte die Nachtschwester

sich anscheinend über unser Zimmer beschwert. Wir mussten morgens immer die Decke

zurückschlagen und uns fürs Fiebermessen mit heruntergezogener Schlafanzughose auf den

Bauch legen. Tante R. schimpfte schon, als sie das Zimmer betrat. Sie zog mir das

Thermometer heraus und schimpfte noch mehr, dann ging sie zum nächsten Bett, wo T.

B. lag, zog auch ihm das Thermometer heraus und verdrosch ihm ohne Vorwarnung den

Hintern nach Strich und Faden. Er war gar nicht der Urheber der nächtlichen Unruhe

gewesen, aber das spielte keine Rolle.

Einer aus unserer Gruppe wurde während des Heimaufenthaltes 15 Jahre alt. Ab 15 Jahren

wurde man eigentlich in einer anderen Gruppe untergebracht und war berechtigt, das Gelände

ohne Aufsicht zu verlassen, man durfte dann gehen, wohin man wollte – Freiheit! Tante R.

sagte dem Geburtstagskind: „Aber du möchtest trotzdem bei uns bleiben.“ Es war keine

Frage, sondern eine Feststellung. Das Geburtstagskind nickte, und ich dachte: Wie blöd kann

man sein?

Tante R. war eine konstante Bedrohung. Um ihr zu entkommen, legte ich mir eine Strategie

zurecht: Immer unter dem Radar bleiben, die Augen senken, die Klappe halten, das Leid der

anderen nicht zu meinem eigenen machen, wachsam sein. Und zu versuchen, so gut wie ein

Dreizehnjähriger das kann, in unvermeidlichen Konfrontationen die Waffen der Erwachsenen

zu benutzen, d.h. nicht kindlich zu reagieren, sondern mit Sprache. Das konnte ich gut. Ich

vermute, dass ich in St. Peter Ording gerade deshalb als „Querulant“ bezeichnet wurde, das

war sozusagen meine verbale Ohrfeige. Ein Querulant ist jemand, der nicht dazu gehört.

Jemand, der nicht einmal Schläge verdient, von dem man sich abwendet, als wäre die Person

gar nicht da. Es ist keine schöne Erfahrung. In den „Goldenen Schlüsseln“ hat sie hat mir

einige blaue Flecken erspart, aber nur auf der Haut, nicht auf der Seele.

Die Erwachsenen, mit denen ich in St. Peter Ording zu tun hatte, waren grundsätzlich

unfreundlich, doch ich erinnere mich an eine Ausnahme: die Krankenschwester, die mich

massierte und mit Salbe dick eincremte, bevor ich in eine Wolldecke gewickelt in die

Liegehalle kam. Während sie mich eincremte, unterhielt sie sich mit mir. Das war

ungewöhnlich, denn eigentlich waren die Kinder für die Erwachsenen keine

Gesprächspartner, sondern nur Subjekte, denen sie Anweisungen erteilten. Diese hier aber

fragte mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte, was sie zuhause zum Mittagessen kochen

könnte. Ich schlug ihr Kasseler mit Sauerkraut vor, und sie fand, das sei eine sehr gute Idee

und bedankte sich für die Anregung. Ich war sehr stolz, nach meiner Meinung gefragt worden

zu sein und ihr einen so erwachsenen Rat gegeben zu haben.

12Schläge und Strafen

Ein Kind erzählte mir damals, man nenne das Kurheim „Goldene Schlüssel“ unter der Hand

auch „Schlagende Schlüssel“. Ich weiß nicht, ob das stimmt und glaube es eher nicht, denn

Prügel und Gewalt waren in den Kinderkurheimen damals völlig normal und wären von den

Eltern, wenn sie davon erfahren hätten, teilweise wahrscheinlich als gut und richtig gebilligt

worden. Wer zuhause geschlagen wurde, musste sich im Heim nicht großartig umgewöhnen.

Schlimm war es eher für Kinder, die aus liebevollen Familien kamen, in denen man so etwas

nicht tat und die nun zum ersten Mal Opfer körperlicher Gewalt wurden oder sie miterleben

mussten. Für mich war die Erfahrung ein Schock, am schlimmsten wohl während des ersten

Aufenthalts auf Norderney (obwohl ich davon fast nichts Konkretes mehr weiß), aber auch St.

Peter Ording bot noch genug Raum für Verzweiflung und Empörung.

„Bück dich!“ Die Aufforderung ist mir noch im Ohr und vertraut genug, um nahezulegen,

dass ich sie wohl öfter zu hören bekam, aber ich kann mich an nichts Konkretes mehr

erinnern. Nur an den Grimm darüber, an meiner Entwürdigung selbst mitzuwirken zu müssen,

indem ich folgsam meinen Hintern präsentierte. Das Gefühl der Erniedrigung war offenbar

schmerzlicher als die Schläge: Dass mein Kopf und mein Gesicht nicht mehr gefragt waren,

sondern die Angelegenheit kurz und bündig an meinem anderen Ende ausgetragen wurde, als

wäre ich keine Person, mit der man spricht, sondern ein Klotz auf der Werkbank.

Natürlich wurden die Kinder im Kurheim „Goldene Schlüssel“ geschlagen, das geschah jeden

Tag. Es gab Ohrfeigen, Schläge auf den Hinterkopf, auf die ausgestreckten Finger und den

Hintern, Züchtigungen mit der bloßen Hand oder mit Gegenständen. Beim Mittagessen führte

eine furchteinflößende alte Frau die Oberaufsicht, von uns Kindern wurde sie „der

Drache“ genannt. Ich weiß ihren richtigen Namen nicht mehr, aber sie war auch für die

anderen Betreuerinnen eine Respektsperson und wohl die Chefin im Bereich der

Mädchengruppen, mit denen wir nie zu tun hatten. Während des gemeinsamen Mittagessens

saß sie wie ein schwarzer Krake in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl, an dem ein

Gehstock lehnte, vor dem andere Kinder mich warnten. Wenn ich den Raum betrat und

verließ, achtete ich darauf, dass ich nicht in ihr Gesichtsfeld geriet.

Weitere Formen der Bestrafung waren der Ausschluss vom Mittag- oder Abendessen oder von

Gruppenaktivitäten (so wurde ich einmal bestraft, indem man mich vom ersehnten Ausflug ins

Wellenbad ausschloss, stattdessen musste ich den Nachmittag allein in der Liegehalle

verbringen, während eine Betreuerin, die im angrenzenden Gebäude irgendwelche

Schreibarbeiten machte, darauf achtete, dass ich mich nicht bewegte oder gar aufstand, denn

das war verboten). Ein anderes Mittel war Isolation, dann musste das Kind mit oder ohne

Decke in einer Kammer, im Waschraum oder auf dem Flur lange reglos auf einem Stuhl

sitzen. Einmal wurde in unserem Zimmer laut geredet. Die Nachtschwester kam herein und

wählte nach dem Zufallsprinzip einen von uns aus (nicht mich), der zur Strafe im Schlafanzug

vor die Tür geschickt wurde, wo er in der kühlen Nacht stehen musste und erst wieder in sein

Bett durfte, als wir anderen längst schliefen. Demütigungen in der Gruppe waren ein weiteres

und oft angewendetes Mittel der Bestrafung, besonders wenn ein Kind ins Bett oder in die

Hose gemacht hatte, was oft geschah, da man die Toiletten nur zu festgelegten Zeiten und

nicht in der Nacht benutzen durfte. Es wurde dann vorgeführt und dem Spott der anderen

Kinder ausgesetzt. Unter uns „Großen“ war das kein Thema, aber bei den kleineren Kindern

schon. Meine Schwester und ich machten entsprechende Erfahrungen, als wir vier- und

fünfjährig auf Norderney waren.

Eine weitere potenzielle Strafe und ein Druckmittel, von dem schon die Rede war, war die

13Androhung, bei der Krankenkasse eine Verlängerung des Aufenthaltes zu erwirken. Hier wird

die Kur selbst zur Strafe, die unter solchen Vorzeichen gar nicht mehr als Mittel zum Zweck

der Genesung, sondern als fortgesetzte Schikane zum Einsatz kommt.

Für mich waren in den Kinderkuren aber nicht die Strafen das Schlimmste, sondern der stets

vermittelte Eindruck, als Kind etwas grundsätzlich Unerfreuliches zu sein, wie ein Fleck auf

dem Hemd, etwas, das niemand haben möchte und das zu nichts gut ist. Die vielen Berichte

über Kinder, die aus diesen Kuren ernst und schweigsam zurückkehrten und plötzlich

„schwierig“, „verstockt“ oder irgendwie anders waren, finde ich daher überhaupt nicht

erstaunlich. Ich selbst mag mich seither nicht mehr so gut leiden, neige zu überzogener

Selbstkritik und einem nicht erfüllbaren Bedürfnis, es allen recht zu machen. Aber Schwamm

drüber, ich habe mich mit mir selbst zusammengerauft und komme zurecht.

Das Essen

Ich kann mich an das Essen nicht mehr gut erinnern. Es gab viel Matschiges, also etwa

Haferschleim, Graupensuppe usw., das Gemüse war zerkocht, auch das Fleisch war mit

Knorpeln, Sehnen und schwabbeligen Anteilen oft kein Vergnügen. Als Nachtisch gab es

Kaltschalen und manchmal gekochten Pudding mit einer widerlichen Haut obendrauf. Ebenso

heiße Milch und Kakao, auch hier durfte man die Häutchen nicht beiseitelegen, sondern

musste sie herunterschlucken. Der verschwitzte Küchengeruch, der sich außerhalb des

Gebäudes verbreitete, war ekelerregend. Auf den Fluren verband er sich sehr markant mit den

Ausdünstungen von Reinigungsmitteln, Terpentin, Bohnerwachs. Ab und zu bin ich diesem

Geruch noch als Erwachsener begegnet, der mich jedes Mal in die Zeit meiner Kuraufenthalte

zurückversetzt und mit einer spontanen Traurigkeit erfüllt hat.

Neben der medizinischen Indikation, die mich in die Kur nach St. Peter Ording brachte, war

auch notiert worden, dass ich bei dieser Gelegenheit ruhig ein paar Kilo zunehmen solle, da

ich zu schmächtig sei. Nichts ist leichter messbar als eine Gewichtszunahme, für ein Heim ist

sie daher ein willkommener Indikator des Kur-Erfolgs. Man legte es daher darauf an, mich zu

mästen. Mein Teller war immer voller als die der anderen Kinder. Zeitweise nahm eine

Betreuerin neben mir Platz und sah zu, wie ich mich durch die Menge kämpfte. Wenn der

Teller endlich leer war und ich meinte, ich müsse platzen, brachte sie ihn in die Küche und

ließ ihn erneut füllen. Ich schluckte und würgte und oft genug klatschte ein Mundvoll auf den

Teller zurück, doch es gab kein Erbarmen. Im Speisesaal sind nur noch ich und meine

Peinigerin. Noch ein Löffel und noch einer. Ich verschlucke mich und der Kartoffelbrei quillt

aus meiner Nase. Mach voran, stell dich nicht so an. Es gibt Berichte anderer

Verschickungskinder, die sich erbrachen und das Erbrochene aufessen mussten. So etwas habe

ich nicht in Erinnerung, aber meine Mastsitzungen waren nicht weit davon entfernt und sehr

schmerzhaft. Aus der Sicht des Heimes war es sicher subversiv und strafbar, dass ich mich

unmittelbar nach dem Essen von meiner schmerzenden Last befreite, schon allein, weil die

Benutzung der Toiletten zu dieser Zeit nicht gestattet war. Trotzdem schlich ich mich immer

dorthin und sehe mich noch heute in einer der leeren Kabinen sitzend, horchend, ob Schritte

sich nähern, wie ein Dieb auf der Flucht, ein Verbrecher, ein Querulant. Aber ich wurde nie

erwischt.

Süßigkeiten waren rar, aber dort, wo ich war, nicht verboten. Wenn in St. Peter Ording ein

Kind ein Päckchen bekam, wurde der Inhalt nicht konfisziert und auch nicht zwangsweise

unter allen Kindern verteilt. Ich bekam einmal ein Päckchen, in dem sich auch eine Tüte mit

Gummibärchen befand. Ich teilte sie mit den anderen Jungs in meinem Zimmer. Anstatt sie zu

14essen, lagen wir auf unseren Betten, lutschten die Gummibärchen an, bis sie schön klebrig

waren und warfen sie dann mit Schmackes an die Zimmerdecke, wo sie fest hafteten und

lustige bunte Muster erzeugten. Wir fanden das sehr witzig. Am nächsten Morgen weckte uns

Tante R. unfreundlich wie immer. Vom Bett aus sahen wir die Gummibärchen-Pracht, die

immer noch an der Decke klebte und hofften inständig, dass keins von ihnen herunterfiel.

Glück gehabt, Tante R. blickte nicht nach oben, und vielleicht sind die Gummibärchen noch

heute dort.

Die Anwendungen

Anwendungen wie Inhalationen, Sole-Bad u. ä. fanden meist im Lauf des Vormittags statt.

Manche von ihnen waren unangenehm, andere kreuzlangweilig. Zur Behandlung von

Neurodermitis wurden die Kinder am ganzen Körper dick eingecremt und mussten dann

stundenlang in der Liegehalle ausharren, fest eingepackt in eine Wolldecke, bewegen

verboten. Wenn man Glück hatte, schlief man dabei ein. Arzt-Kontakte wird es gegeben

haben, aber ich kann mich an keine erinnern. Da die heute üblichen Kinder-Impfungen (z. B.

MMR gegen Masern, Mumps und Röteln) bis zu Beginn der 1970er Jahre noch nicht üblich

oder verfügbar waren, gab es bis dahin in den Kinderkurheimen auch immer wieder

Infektionen und die damit verbundene Notwendigkeit der strengen Isolierung. Viele

Verschickungskinder der 50er und 60er verbrachten daher einen guten Teil ihrer Kuren, ohne

einen Schritt nach draußen zu machen, abgeschirmt, allein oder in Mehrbettzimmern,

manchmal mit anschließenden Transfers ins nächstgelegene Krankenhaus und von dort leider

auch manchmal auf den Friedhof. Auch ich war als kleines Kind aus solchem Grund zunächst

isoliert und später im Krankenhaus. In meiner Erinnerung verschmelzen diese Orte zu einem

einzigen grauen unfreundlichen Ganzen.

Die anderen Kinder

Mädchen und Jungs begegneten sich im geregelten Tagesablauf kaum, Ausnahmen waren die

Essenszeiten und einige Gemeinschaftsaktivitäten. In der eigenen Gruppe kam es nach meiner

Erfahrung selten zu Freundschaften, sondern es ergaben sich eher kurzlebige Allianzen und

Zweckgemeinschaften. Mit keinem Kind aus meinen Kuraufenthalten hielt ich über die Kur

hinaus Kontakt. Auf Norderney ergab sich durch eine ansteckende Erkrankung eine

Freundschaft im Isolierzimmer, an die mich dunkel erinnere, doch sie endete abrupt, als mein

Zimmergenosse zur Verlegung in ein Krankenhaus abgeholt wurde, wo er an einer

Lungenentzündung verstarb. In St. Peter Ording war ich mit einem türkischen Jungen aus

Berlin befreundet. Doch in der Regel gab es in unserer Gruppe nichts Verbindendes außer der

Sorge, nicht unter die Räder zu kommen. Man konnte sich in der Gruppe verstecken, um nicht

aufzufallen, so dass andere herausgepickt wurden, um stellvertretend für den Rest eine

gescheuert zu bekommen. Wichtig war aber auch, nicht in der Gruppe selbst zur Zielscheibe

zu werden.

Der Umgang in unserer Jungs-Gruppe war ziemlich rau, und ich glaube, dass dies von den

Tanten nicht nur geduldet, sondern unterstützt wurde. Ich erinnere mich, dass wir oft „Elfer

raus!“ spielten. Es ging dabei nicht so sehr um das Spiel selbst, sondern das, was geschah,

wenn eine Runde zu Ende war. Der Verlierer musste dem Gewinner seine Hand hinhalten,

entweder den Handrücken oder die Unterseite von zwei ausgestreckten Fingern, und bekam

die Zahl seiner Minuspunkte in harten Schlägen mit dem Kartenstapel zugeteilt – obwohl es

eine Frage der Ehre war, sich das nicht anmerken zu lassen, tat das höllisch weh und war auch

manchmal blutig. Wer Schläge austeilte, die nicht wehtaten, war ein Waschlappen, also legte

man in seine Hiebe alle verfügbare Kraft. Die Tanten tolerierten das, denn es entsprach wohl

ihrer Vorstellung, dass Kinder zur Härte zu erziehen seien. (Ich habe diese Art, das Spiel zu

15spielen, zuhause auch meinen Freunden und Geschwistern nahebringen wollen, aber die

zeigten mir einen Vogel, als ich darauf bestand, dass die Schläge mit äußerster Härte

auszuführen seien, das tue doch weh. Gut so. Da es außer mir keine Idioten gab, die sich

darauf einlassen wollten, war dieser Ansatz meiner in St. Peter Ording erworbenen Verrohung

schnell wieder fort.)

Und es wurde geklaut; man musste auf seine Sachen gut aufpassen. Einmal fand ich bei einer

Rast am Strand einen Bernstein mit dem Abdruck eines fossilen Seeigels. Was für ein Schatz!

Ich hätte ihn niemandem zeigen sollen, denn am Abend war er fort und kam nicht mehr

wieder.

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