Ein Bericht von Michaela Stricker
Austausch, Workshops und gemeinsames Essen: Beim Kraftquellentag in Köln kamen am 21. März 43 ehemalige Verschickungskinder zusammen. So haben wir den Tag genannt – weil es genau darum ging.
Der Tag begann mit einem offenen Ankommen und ersten Gesprächen im Allerweltshaus in Köln – einem Ort, wo sich Vereine treffen und austauschen können.
Auch ein Kamerateam war da und drehte für die Staatskanzlei NRW einen Film über den AKV-NRW, der das Unterstützungsprogramm der Staatskanzlei NRW mit Weiterbildungsangeboten für Vereine nutzt.
Ein ganz besonderer Gast
Gina ist mit ihrem Begleithund Emma gekommen. Für sie ist dieser Tag etwas ganz Besonderes.
„Es ist eine absolute Premiere für uns beiden. Ich bin total nervös und aufgeregt. Ohne meinen Hund Emma wäre ich heute nicht hier.“
Zum ersten Mal seit fünf Jahren kann sie wieder an einer Veranstaltung mit vielen Menschen teilnehmen. Gina lebt mit einer frühkindlichen komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS).
„Wie sehr ein Hund bei KPTBS helfen kann, ist noch viel zu wenig bekannt“, erklärt sie.
Emma ist darauf trainiert, kleinste Veränderungen wahrzunehmen. Sie erkennt über den Geruch, wenn sich bei Gina durch Stress etwas verändert, und stupst sie dann an. Für Gina ist das die Voraussetzung, überhaupt teilnehmen zu können – auch wenn es für sie noch nicht den ganzen Tag möglich war:
„Ich habe aus der (leider doch recht kurzen) Zeit bei euch ganz viel Wärme, Zuwendung und Akzeptanz mitgenommen und bin immer noch ganz erfüllt davon.Auch, dass Emma so liebevoll empfangen wurde, fand ich wunderschön.“
Ein emotionaler Moment
Bei der Begrüßung durch Detlef Lichtrauter wurde es emotional. Regina, die langjährige AKV-Vorsitzende und im Projekt für die Finanzen verantwortlich, zieht sich Ende April mit Projektende zurück.
Detlef dankte ihr für ihren sehr verantwortungsvollen Umgang mit den Projektgeldern. Dabei flossen auf beiden Seiten Tränen.
Scham verstehen: das zentrale Thema für Verschickte
Im Anschluss sprach Erika Jäger, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestaltungstherapeutin, über das Thema Scham. Hier sind ihre wichtigsten Aussagen zusammengefasst:
Scham ist eines der zentralen, oft unsichtbaren Themen vieler Verschickungskinder. Sie betrifft nicht einzelne Handlungen, sondern den ganzen Menschen. Sie zeigt sich in dem Gefühl:
„Ich bin nicht richtig.“
Gerade in den Verschickungsheimen entstand diese Form der Scham häufig durch wiederholte Grenzüberschreitungen – etwa durch Kontrolle, Bloßstellung oder Zwang. Für viele Kinder gab es keinen Ort, um diese Erfahrungen zu verarbeiten. Zurück blieb oft ein Gefühl von Alleinsein.
Die Folgen sind bis heute spürbar:
- Rückzug und Vermeidung sozialer Situationen
- übermäßiger Leistungsdruck und Perfektionismus
- Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen oder Grenzen zu setzen
- ein dauerhaft angespanntes Nervensystem
Diese Reaktionen sind für viele ein erlernter Schutzmechanismus.
„Bei dem Scham-Vortrag bin ich einmal durch mein ganzes Leben gegangen – und wieder zurück. So ging es vielen von uns."
Sonja
Unterschiedliche Workshops – ein gemeinsames Ziel
Der Kraftquellentag bot verschiedene Workshopangebote: Fotografie, Qigong, eine Vertiefung des Themas Scham, Jonglage und einen Kochworkshop.
„Der Mix macht den Tag so besonders“, sagte Matthias.
Kochworkshop – Gemeinsam kochen, gemeinsam essen
Dietmar, selbst Betroffener und Hobbykoch mit eigener Online-Community, hat gemeinsam mit seiner Frau Marion nicht nur einen Workshop angeboten, sondern auch das Mittagessen für alle übernommen.
Die Nudeln waren selbst gemacht – vier Tage lang hatten die beiden dafür jeweils acht Portionen produziert.
Elke war zum ersten Mal bei einem Treffen von Verschickungskindern. „Ich brauche einen vertrauten Rahmen, um etwas von mir preis zu geben. Ein Kochworkshop finde ich eine gute Gelegenheit, mir erst einmal alles anzuschauen.“ Elke wurde zwei Mal verschickt – nach Bad Rappenau und nach Neustadt Pelzerhaken an der Ostsee „Ich wurde zum Essen von panierten Koteletts gezwungen. Aber da ich mit 11 Jahren sehr gut Konzertflöte spielen konnte, bin ich zur Oberin gegangen und habe gesagt: Wenn ich das weiterhin essen muss, spiele ich nicht weiter Konzertflöte.“ Auch bei der zweiten Verschickung fand sie Wege, heimlich Briefe an ihre Eltern zu schicken. „Ich habe schon immer Sicherheitslücken erkannt. Das habe ich später auch zu meinem Beruf bei der Bank gemacht.“
Erinnerungen sichtbar machen
Im Fotografie-Workshop von Karl-Heinz Strötzel ging es darum, persönliche Erinnerungen sichtbar zu machen. Die Teilnehmenden brachten Gegenstände mit, die für ihre Geschichte stehen. Daraus entstanden Stillleben.
„Fotos von persönlichen Gegenständen sind ein sehr gutes Kommunikationsmittel für Menschen, denen es schwer fällt, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Über die dingliche Ebene kommt man schnell in die Tiefe.“ (Karl-Heinz Strötzel)
Der Scham-Workshop
Beim Scham-Workshop stellte Erika Übungen vor, die helfen können, den Körper aus dem Stressmodus zu holen und den Vagusnerv – den „Beruhigungsnerv“ – zu aktivieren.
Geplant war eine kurze Vorstellungsrunde. Daraus entwickelte sich eine intensive Gesprächsrunde. „Durch den Vortrag zum Thema Scham waren viele angetippt“, erklärte Petra. „Wir sind in der Austauschgruppe stecken geblieben“, sagte Matthias.„Ich hatte am Anfang etwas anderes erwartet, dachte aber dann: Ist doch wunderbar, offener geht es doch gar nicht“, erzählte Svatna. „Sehr spannend fand ich die Berichte von jedem Einzelnen“, sagte Volker.
Austausch, der etwas verändert
„Man denkt ja immer, das geht nur einem so. Erst wenn man die Möglichkeit hat, sich mit anderen Menschen persönlich auszutauschen, kommt all das Erlebte aus einem heraus“, sagte Matthias. Ein Detail blieb an diesem Tag nicht unbemerkt: Der Raum blieb kalt. Das Allerweltshaus ist eine alte Schule mit hohen Decken. Trotz Heizung wurde es nicht richtig warm.
„Aber irgendwie passt auch die Kälte zum Thema – dass wir uns, die als Kinder in der Verschickung nur Kälte erlebt haben, uns in einem kalten Raum treffen…“, so Svatna.
Viele Teilnehmende wünschen sich eine dauerhafte Gruppe, die sich weiter mit dem Thema Scham beschäftigt.
Bewegung und Ausgleich
Das Wetter spielte mit, sodass der Jonglagekurs mit Tobias und Regina draußen stattfinden konnte. „Es hat so viel Freude gemacht, so viele Sachen auszuprobieren“, erzählte Frauke. Sie unterstützt den Verein mit regelmäßigen Yoga-Angeboten, auch beim Begegnungstag in Dorsten. „Aber ich habe es heute sehr genossen, auch nur mal Gast zu sein und mich ganz viel auszutauschen.“
Beim Qigong vermittelte Florian die Grundlagen. Teilnehmende wünschen künftig mehr körperorientierte Angebote.
Nach dem Mittagessen gab es eine Jonglage-Einlage von Tobias, bevor Dietmar ein gesundes Dessert aus Datteln und Pistazien servierte.
Was bleibt, wenn der Tag vorbei ist
„Ich finde am allerbesten, dass wir zwar eine Gemeinschaft mit ganz verschiedenen Menschen sind, die aber durch ein Thema verbunden sind. So bleiben wir nicht in der Opferrolle."
Frauke
„Man denkt ja immer, nur mir geht es so. Aber erst durch den persönlichen Kontakt kommt alles heraus. Daher ist Sprechen so wichtig“
Matthias
„Ich bin erst seit einem dreiviertel Jahr hier dabei. Ich empfinde aber schon jetzt die Verschickungskinder als meine Austauschgruppe. Auch wenn ich erst seit so kurzer Zeit ein Teil bin - jedes Mal, wenn ich zu einem Treffen mit anderen Betroffenen komme, fühlt es sich an wie bei einem Memory-Spiel: Bei jedem Kontakt decke ich zwei bis drei Memorie-Karten meiner eigenen Geschichte auf. Das tut sehr gut. Es hat mir sehr gefallen.“
Sonja
Ein großer Dank an alle ehrenamtlich Helfenden, die diesen Tag möglich gemacht und zu etwas Besonderem werden ließen
Fotos von Michael Millgramm + Michaela Stricker