Von: T.Z.
Meine ersten fünf Lebensjahre verbrachte ich mit Eltern, Großeltern und Urgroßmutter, samt Hund und Katz´ und zwei Sandkasten-Freundinnen im einsamen Großelternhaus am Rande alter Heidelandschaften inmitten der wunderschönen südhessischen Wälder.
Dann sind wir (nur meine Eltern und ich) 1959 in den Taunus – wieder weit weg von jeglichem städtischem Leben – in ein urtümliches Bauerndorf umgezogen (damals noch ohne Traktoren, dafür mit Gänseherden Kuh- und Pferdefuhrwerken).
Wir wohnten äußerst beengt in einem Zimmer und kleiner Küche mit Plumpsklo auf dem Hof und meine Mutter war schwanger mit meiner Schwester.
Da musste ich wohl mal vorübergehend „aus dem Weg geräumt werden“ und wurde deshalb mit sechs Jahren für sechs Wochen in das DRK- „Kindererholungsheim“ nach Wittdün auf Amrum verschickt.
Die nächtliche Zugfahrt mit lauter mir fremden Kindern und einer freundlichen aber mir ebenso fremden „Fürsorgerin“ war das Erste, an das ich mich erinnere.
Dann kam die Ankunft an der Küste, und ich sah zum ersten Mal in meinem Leben eine Riesen-Pfütze, die mir großen Eindruck machte. Das war das Meer.
Dann Ankunft im Heim, große weiße Räume, weiße Stahlrohrbetten, weiße Fensterrahmen und ebenso weiße, nach Zahnpasta riechende Waschräume und zum ersten Mal richtiges Heimweh.
Ich habe mir sofort Gedanken darüber gemacht, wie ich aus dem Fenster steigen könnte und mit der „Fürsorgerin“ wieder zurück nach Hause fahren könnte. Habe den Plan aber aus irgendwelchen Gründen wieder fallenlassen.
Die sechs Wochen waren sehr hart. Ich hatte zuhause schon nie Fleisch essen wollen, bzw. können und sollte das jetzt lernen. Ich habe es versucht, aber alles wieder auf den Teller erbrochen. Man hat mich damit auf´s Klo geschickt und ich sollte es dort essen.
Eine „Tante C.“, die ich heute noch dafür in mein Herz geschlossen habe, hat mich daraus errettet und den Inhalt des Tellers im Klo entsorgt.
Es war sechs Wochen lang ein täglicher Kampf um´s Fleischessen und um die Brief-Zensur und insgesamt sehr hart.
Aber ich hatte den Kampf wohl schließlich gewonnen, denn die Heimleiterin – Frau H. – hat mich am Schluss noch vor allen Anderen als „Bock“ bezeichnet.
Als ich das hörte, spürte ich Triumphgefühle in mir aufsteigen. Meine Frau meint immer mal wieder, diese „Bocknatur“ sei mir bis heute eigen – und ich esse auch noch immer kein Fleisch…
Entschädigt für die leidvolle Zeit hat mich die wunderschöne Insel-Natur, das Meer – und die „Tante C.“!
Als mir allerdings zwei Jahre später meine Eltern eröffneten, dass ich ein weiteres Mal „In Erholung“ fahren sollte, diesmal nach Borkum, war ich entsetzt und verzweifelt.
Anonymisierungs-ID: aws