Von: R. St.
Der Träger ist mir nicht bekannt. Ich weiß nur, dass es eine Empfehlung unseres Hausarzt war.
Ich sollte wohl aufgepäppelt werden. Ob ich untergewichtig war, weiß ich aber nicht.
Es gibt da nicht so vieles, woran ich mich erinnere. Ich schätze, ich habe einiges verdrängt. Denn der Aufenthalt ist und bleibt immer präsent. Sobald ich nur daran denke, kommen mir Tränen in die Augen. Und das noch nach fast 58 Jahren.
Ich kann mich daran erinnern, dass mich meine Eltern in den Zug setzten. Ab da kann ich mich nur vage an die Fähre erinnern.
Die Klinik war ein rotes Backsteingebäude. Es gab einen Holzanbau, in dem wir spielen konnten. Ich konnte mich an eine Frl. B. erinnern, der ich mich in der ganzen Zeit meines Aufenthalts anvertraute. Ich meine zu wissen, dass Sie nicht zum normalen Personal gehörten. Ich kann mich an eine Wanderung durch die Dünen erinnern und an den Besuch in einem Salzwasserwellenbad.
Leider aber auch noch an den Jungen der übergewichtig war. Er saß im Essenssaal an einem Einzeltisch. Es kann aber auch sein, dass er der letzte am Tisch war, denn er wollte den Milchreis, den es wiederholt gab, nicht essen. Aber er musste ihn essen. Das machte er weinend, solange, bis er in seinen Teller erbrach. Die Aufsicht bestand darauf, dass er das trotzdem essen müsse. Eine ganz schlimme Situation. Ich werde heute noch nervös, wenn ich daran denke.
Ich war wohl zum aufpäppeln da, denn ich wurde jeden Tag gewogen. Sollte ich mich nicht täuschen, habe ich eine Zunahme von 8 Kg in den 6 Wochen im Kopf. Das ist viel, aber die Zahl habe ich so im Kopf.
Nach jedem Mittagessen mussten wir bis 15:00 Uhr im Schlafsaal ins Bett.
Wer auf die Toilette musste, musste warten bis irgendwer zur Kontrolle kam, um dann den Toilettengang zu genehmigen.
Natürlich bleiben Kinder in einem Schlafsaal nicht ruhig. Kinder eben. Aber das gewöhnte man uns schnell ab, weil man dann die Zeit bis 15:00 Uhr in der Ecke stehen musste. Da war schnell Ruhe im Saal.
Nachts war Ruhe. Ich kann mich an nichts erinnern, was Kinder in einem Schlafsaal anstellen könnten. Ich verstehe diese Ruhe nicht. Wir waren doch Kinder in einem großen Schlafsaal. Aber ich kann mich nur an eine Stille erinnern.
Es gab regelmäßige Untersuchungen. Ich kann mich erinnern, dass wir nur mit der Unterhose bekleidet in einer Reihe warten mussten und so an dem untersuchenden Arzt kamen. Was bei mir hängen geblieben ist, dass man uns an die Brustwarzen gefasst hat. Bei dem Kind vor mir sagte man, dass es nicht normal sei, dass nach dem Anfassen die Brustwarzen sich nicht versteifen würde. Mehr weiß ich nichts über die Untersuchung, aber das ist bis heute präsent geblieben.
Einen Brief durften wir auch schreiben. Ich hab wohl über das schlechte Essen geschrieben. Denn ich bekam irgendwann zu hören, dass ich ja der sei, der seinen Eltern mitteilen wollte, dass das Essen hier schlecht sei. Also war mein Brief geöffnet worden.
Meine Eltern haben keinen Brief von mir erhalten. Ob da sonst noch was gewesen war, kann ich nicht sagen, da ist alles schwarz. Für mich war auf jeden Fall das Frl. B. extrem wichtig. Warum? Ich weiß es nicht. An die Rückreise kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter sagte irgendwann, dass sie einen anderen Jungen zurückbekommen habe und wäre nicht mehr sicher, ob die Verschickung für mich gut gewesen sei. Was sie damit meinte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich seit meiner Verschickung den Kontakt zu der Verwandtschaft gemieden habe. Das ist bis heute noch so. Ich bin aktuell 68 Jahre alt. Aber es gibt immer noch Bilder vom Essenssaal, dem Schlafsaal, der Untersuchung, der Strafecke und die schwarzen langen Haare von meinem Frl. B. und habe immer Tränen in den Augen und bin sehr traurig. Weiß aber nicht so recht warum.
Sollten Sie etwas damit anfangen können, würde ich mich über eine kurze Info freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Anonymisierungs-ID: awg