Von: A.K.
Es ging mir nicht gut. Den Beginn meines zweiten Schuljahres verbrachte ich überwiegend in
der Bonner Kinderklinik, von dort ging es im Sommer erneut zum Seehospiz nach Norderney,
diesmal ohne meine Schwester. Auf Postkarten fragen meine Eltern, ob mein schlimmer
Husten inzwischen besser geworden sei, und sie berichten vom bevorstehenden Umzug nach
Brüssel. An Übergriffe, Gewalt und dergleichen kann ich mich nicht erinnern, aber wie beim
ersten Aufenthalt im Seehospiz blieb ein finsterer Eindruck zurück. Dass die Erinnerung an so
viele Dinge im Dunkeln liegt, mag daran liegen, dass ich noch so klein war, aber eigentlich
erinnert man sich an das, was man im Alter von 7 Jahren erlebt hat, oder nicht? Ein anderes
Verschickungskind erwähnte bei einem kürzlichen Video-Treffen den Löffel mit Honig, den
es abends immer gegeben habe und den man nicht zurückweisen durfte. Genau, der Löffel mit
Honig! Ich hatte ihn völlig vergessen, doch mir fiel wieder ein, dass es ihn gab und dass er ein
Ritual war, dem man sich nicht entziehen durfte. Wann und wo ich ihn bekam, weiß ich aber
nicht mehr. War er mit einem Mittel zur Sedierung versetzt? Könnte das erklären, warum ich
8mich an fast nichts mehr aus dieser Zeit erinnere? Aus den erhaltenen Unterlagen weiß ich,
dass mein Vater mich abholte und wir danach mit der Familie in den Urlaub nach Holland
fuhren, an den ich mich sehr gut erinnere: Wieder Meer, Strand und Dünen, aber diesmal
waren sie Orte der Freude. Wir ließen Drachen steigen, bauten Sandburgen, aßen Eis, in dem
kleine Plastik-Windmühlen steckten, suchten verlorenes Kleingeld im Sand, von dem wir uns
neues Eis kauften, sammelten Seesterne, fischten mit Netzen nach Garnelen, bewarfen uns
quietschend vor Vergnügen mit den zahlreichen angespülten blauen Quallen, aßen
Honigkuchen und saßen in der Ferienwohnung vor dem Fernseher. Ich kann mich sogar noch
an die holländischen Werbespots erinnern und dass wir einmal ein Konzert der Beatles sahen.
Mein Vater fragte mich, ob es normal sei, dass die Musiker so wackeln oder ob es sich
vielleicht um eine Bildstörung handeln könne. Es ist doch erstaunlich, dass die Erinnerung im
einen Fall gar nicht, im anderen aber glasklar vorhanden ist.