Von: D.Z.
Name des Trägers: Bundesbahnsozialwerk (BSW)
Kostenträger: KVB
Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: So klein war ich? Gerade 8 jahre, zweites Schuljahr, in den Weihnachtsferien hatte ich die Masern gehabt, innerhalb von zwei Monaten war ich kurzsichtig geworden, dünn, blass und altklug. Ja, ich war vom Vorschlag des Kinderarztes begeistert: 6 Wochen Ferien, Erholung. In meine Strickjacke und alle Sachen wurde mein Name eingenäht, ich durfte mir eine Kulturtasche aussuchen und einen Bademantel. Meine Eltern sind vorher mit mir nach Bad Salzuflen gefahren, wir haben die alte Villa besichtigt, Fotos gemacht… der Kurort war mir nicht fremd. „Heidiiheido, wir Bundesbahner-Kinder wir sind froh“ haben wir im Zug gesungen. Zur Begrüssung wurden uns Süßigkeiten, Getränke & Proviant abgenommen. Abendessen, da lagen die gestapelten nicht gegessenen Brote- wo sind meine??? Vorsichtig versuchte ich den Stapel umzuschichten. „Hast du nicht was vergessen?!“ wurde ich angeranzt. „Was macht man vor dem Essen?“ -„Händewaschen! Habe ich gemacht.“ Gebet. Wieso soll ich Jesus für die Brote danken, die meine Mutter geschmiert hat? Wo sind sie überhaupt? Fremde Brote wollte ich nicht, dann gibt es gar nichts. Roten Tee lauwarm. Mir egal. Ich erzähle die Geschichte der Kinderkur gerne in erprobten Anekdoten – ich erinnere mich, dass Kinder bloßgestellt, geohrfeigt, zum Essen gezwungen wurden. Ich nicht, ich hatte gesehen, dass meine Mutter aufgeschrieben hatte, dass mich keiner zum Essen zwingen darf. Dass ich nicht zunehmen muss. Dass ich abgeholt werde, wenn es schlimm wird. Telefonieren war nicht erlaubt. Nur Briefe schreiben. Also habe ich geschrieben! Viel. Alles, was ich am Telefon gesagt hätte… ich hab mir so sehnsüchtig gewünscht, die Stimmen meiner Eltern zu hören. Doch ja, es war auch schön… wir hatten ein kleines Schwimmbecken draußen, ich fand die Solebäder nicht schlimm, mochte den Kurpark, wir haben viel gesungen. Dieses Wochenende mit meinem Kammerchor „und in dem Schneegebirge“- das ist mir seit der Kinderkur nicht wieder untergekommen. Und je tiefer ich mich in den Text und Terzen und Ausdruck einarbeiten musste… auf einmal klebte mir die Zunge am Gaumen. Wir hatten einen Kühlschrank mit großer Getränkeauswahl und ich griff zur Zitronenlimo und leerte die Flasche ruckzuck. „So manchen kühlen Trunk“- das wars, ich hab in der Kinderkur beim Singen von klarem Sprudel mit Kohlensäure geträumt. Ich hab nicht nur vor Heimweh geweint, sondern weil mir der Kasten Sprudel zuhause wie ferner Luxus erschien. Es gab eine Tasse Früchtetee zum Frühstück und eine zum Abendessen. Sonst nichts. Dieser schreckliche Durst. Mittagessen ohne Getränk, Horror. Wer beim Trinken am Wasserhahn erwischt wurde, bekam Ärger. Bettnässer bekamen auch zum Abendessen nichts. Schlafsaal mit Nachtwachen vor der Tür, so viele Kinder haben geweint. Einige hatten Gitterbetten bei denen die Gitter hochgemacht waren. Dabei waren sie nicht viel jünger als ich, ist das nicht für Babys? Es war nicht schlimm, ich hab nur ein kleines Trauma davongetragen: die Sache mit den eiskalten Duschen zum Abhärten. Kaltes Wasser ist seither mein Horror. Aber ich bin auch gelobt worden, fürs Vorlesen! Auch das fällt mir erst jetzt wieder ein… ich habe vorgelesen, weil auch das für viele kinder kein Vergnügen war. Zweite und dritte klasse, einige haben gestottert vor Angst. Schimpfen, ich bin ein Mal geohrfeigt worden, aus heiterem Himmel im Gruppenraum. A.! Auf einmal fällt mir der Name der Betreuerin ein. „Sie dürfen keine Kinder schlagen.“ habe ich gesagt und mich wundert bis heute, dass ich dafür nicht noch eine kassiert habe. „Mir wurde keine Gewalt angetan“ habe ich im Fragebogen des ersten Betroffenenvereins angegeben. Ja, ich habe Gewalt gesehen, aber ich war resilient, ich hatte Glück… dann holt mich ein blödes Volkslied aus Schlesien ein und ich merke, dass es nicht stimmt. Ja wieso haben die uns nichts zu trinken gegeben? Warum Ohrfeigen? Warum Angst machen, wovor hatten wir Angst? Sechs Wochen waren so lang und ich so klein. Vielleicht naseweis, altklug, aber frech war ich in dem Alter nicht. Ständig bin ich bestraft worden: kein Eis am Sonntag zum Nachtisch. Am letzten Tag vor der Abreise sollte ich gönnerhaft auch ein Eis bekommen, obwohl ich es „nicht verdient“ hätte. „nein, danke!“
Wir hatten Taschengeld aber keine Gelegenheit es auszugeben, einmal mit der ganzen Mädchengruppe zur italienischen Eisdiele- da sollten wir quasi ein Ständchen singen. Ein böses (rassistisches) Spottlied „ich bin ein kleiner Italiano und komme aus dem Lande der Gitarro- mein Name der ist Antoni-oho-Makkaroni-oho“ in der 2. Strophe „meine Frau die heißt Antonella, sie frisst den Salat mitsamt dem Teller“- das sollte lustig sein!! Ich hab mich so geschämt, es vor der Eisdiele zu singen. Kinderlieder waren nicht im Repertoire- lauter alte Wanderlieder und viel Tod, Abschied.
https://www.lz.de/lippe/bad_salzuflen/23214433_Verschickungskinder-Von-verlorenem-Vertrauen-und-totaler-Verlassenheit.html
Datum: 16. März 2026
Zeit: 00:51
Anonymisierungs-ID: awn