St. Peter Ording, 1973.
Meine Mutter hatte mich bewusstlos unter meinem Schreibtisch gefunden. Ich weiß noch, dass ich, bevor das passierte, mit Buntstiften ein Bild malte: Häuptling Schneller Hirsch kämpft mit einem Bären. Der Bär brüllt, in seiner Brust steckt das Messer des Häuptlings, Blut spritzt heraus, sehr cool. Ich hatte damals gelegentlich zerebrale Krampfanfälle. Wenn sie auftraten, hörte ich die Stimmen meiner Umgebung plötzlich nur noch wie aus großer Ferne und dann war ich weg. Es war übrigens der letzte dieser Anfälle, aber das konnte man damals noch nicht wissen. Auf ärztlichen Rat wurde beschlossen, dass ich erneut eine Kinderkur machen sollte, Reizklima und so weiter. Diesmal war der Ort das Sanatorium „Goldene Schlüssel“ in St. Peter Ording.

Dass ich erneut an die Nordsee sollte, gefiel mir gar nicht, denn das Unbehagen der beiden früheren Aufenthalte war mir noch sehr bewusst. Doch es gab einen Unterschied zu früher: Ich war nun schon groß und zuversichtlich, dass ich Herr der Lage sein würde. Ich fühlte mich wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht und dachte: Ich werde es euch schon zeigen. Doch als ich in St. Peter Ording ankam, war vom Ritter nicht mehr viel übrig, kein Ross, kein Schwert und keine Lanze. Aber Schild und Helm hatte ich noch, und ein vorsichtiges Gespür, wie ich mich schützen könnte. Tatsächlich zeigte sich, dass dieses Gespür sehr hilfreich war; ich lernte, wie man es anstellt, in bedrohlichen Situationen unsichtbar zu werden, aber ich merkte nicht, wie sehr mich diese Wachsamkeit erneut veränderte und dass mir durch sie ein weiteres Stück meiner vorigen unbekümmerten Freiheit abhandenkam.
Ich weiß nicht mehr, welche Nummer oder welchen Namen unser Haus hatte. Ich erinnere mich daran, dass man draußen ein paar Stufen hinaufsteigen musste, man kam durch eine Glastür und gleich linker Hand war das Vierer-Zimmer, dem ich zugewiesen war. Auf einer Ansichtskarte ist das Gebäude unten links zu sehen (auf dieser Treppe musste einer der Jungs aus unserem Zimmer einmal eine halbe Nacht lang im Schlafanzug stehen. Siehe Bild).
Mein Bett war das erste; es stand vor den Spinden, in denen wir unsere persönlichen Sachen aufbewahrten. Meine Zimmergenossen kamen aus Berlin, an einige Namen kann ich mich noch erinnern. Im Unterschied zu mir waren sie auf Veranlassung einer Krankenkasse in der Kur – das Heim musste der Krankenkasse berichten, und diese entschied dann, ob der Aufenthalt verlängert werden sollte. Ich weise darauf hin, weil sich hieraus ein wirkungsvolles Druckmittel ergab, mit dem den Kindern gern gedroht wurde, falls sie nicht spuren sollten: die jederzeit mögliche Verlängerung des Aufenthaltes, mutmaßlich unbegrenzt, was wie der pure Horror erschien. Mich betraf das nicht, aber ich erinnere mich gut, dass diese Drohungen bei den anderen Jungs ein großes Einschüchterungspotenzial hatten.
Betreut wurden wir fast ausschließlich von Frauen, wir mussten sie „Tante“ nennen. Die für meine Gruppe zuständige Betreuerin war Tante Reni. Nur ein Betreuer war männlich. Er war jünger als die Tanten und hatte keinen Titel, wir nannten ihn einfach nur bei seinem Vornamen: Thomas. Er schien uns dadurch näher zu sein als die Tanten, hatte langes Haar und wirkte fast wie ein großer Bruder, den man hätte bewundern können. Aber er war kein großer Bruder, das war nur eine Masche. Er war auch kein Hippie (oder „Gammler“, wie man in Deutschland damals sagte), sondern eher ein Feldwebel. Er war dafür zuständig, nachdem wir von Tante Reni geweckt worden waren, uns noch vor dem Frühstück zu langen Gewaltmärschen durch die Dünen und über den Strand zu hetzen. Dass die meisten von uns an akutem Asthma litten, spielte dabei keine Rolle, denn der Zweck der Übung war, uns Kinder abzuhärten. Stehenbleiben war verboten, nicht einmal, um die aufgelösten Schnürsenkel neu zu binden. Nur Thomas entschied, wann man innehielt. Bei einem dieser Stopps prahlte er mit seiner Erfahrung bei der Bundeswehr, wo man nur anhalte, um das Blut aus den Schuhen zu kippen. Wahrscheinlich war das ein Scherz, aber ich konnte nicht darüber lachen, denn ich konnte gar nichts mehr, meine Bronchien pfiffen, ich schnappte nur noch nach Luft und dachte, ich müsste sterben, noch vor dem Frühstück.
Nach dem Dauerlauf war Thomas dafür zuständig, die Qualität der von uns gemachten Betten zu überprüfen. Einfach die Decke über das Laken zu breiten, war keine Option. Thomas schlug die Decke zurück, fand eine Falte im Laken, meistens irgendwo an den Ecken der Matratze, riss alles heraus und warf die Bettwäsche auf den Boden, damit wir das Ganze noch einmal von vorn machten, aber diesmal ordentlich. Das konnte sich mehrmals wiederholen, und es bestand die Gefahr, dass man das Frühstück verpasste. Es kam mehrfach vor, dass ich der Letzte im Schlafraum war, darauf wartend, dass Thomas kam und mein gemachtes Bett endlich abnahm, damit ich zum Frühstück konnte. Offensichtlich habe ich mich in einem Brief an meine Mutter über diese Schikane beklagt; er ist leider nicht mehr erhalten. Doch es gibt noch die Antwort meiner Mutter, in der sie schreibt, dass sie es gar nicht verkehrt finde, dass Thomas da so beharrlich sei, denn auf diese Weise würde ich lernen, wie man ein Bett macht und könne später einmal meiner Frau zeigen, wie das geht.
Nach dem Frühstück folgten meist irgendwelche Anwendungen, und danach das Mittagessen. Von beidem wird noch die Rede sein. Nachmittags folgten weitere Gewaltmärsche, und schließlich ging es in den Schuhkeller, wo unsere Schuhe in Regalen aufbewahrt wurden. Wir saßen auf hölzernen Bänken und bekamen Schuhcreme und Bürsten. Dann bürsteten und polierten wir, als hinge das Glück der Welt davon ab. Der Anspruch war, dass man sich im Glanz der Schuhe spiegeln könne. Wieder war es Thomas, der die Resultate inspizierte, und wieder saß ich, manchmal zusammen mit anderen Jungs, gefühlte Ewigkeiten im Schuhkeller fest, weil Thomas mit der Qualität der Schuhpolitur nicht zufrieden war.
Einmal waren ich und Stefan D. die Letzten im Schuhkeller, alle anderen waren schon fort, während wir darauf warteten, dass Thomas zu uns herunterstieg und unsere geputzten Schuhe endlich für gut befand. Eigentlich hatten wir zwei nie viel miteinander zu tun gehabt, aber an diesem Tag schon. Leider weiß ich nicht mehr, worum es ging und ob es wirklich wichtig war. Aber ich erinnere mich noch genau, dass wir uns prügelten und ich danach trachtete, seine Brille zu zerbrechen und ihn totzuschlagen. Ich habe es versucht, aber es ist mir nicht gelungen. Nie zuvor und auch seither nicht mehr habe ich allen Ernstes danach getrachtet, jemanden zu töten. Damals schon. Ich weiß nicht mehr, wie es war, als Thomas in den Schuhkeller kam, um unsere Schuhe zu begutachten. Ich weiß nur noch, dass es für uns beide eine Frage der Ehre war, unseren Streit vor ihm zu verbergen. Vielleicht hat er mitbekommen, dass etwas nicht in Ordnung war, wahrscheinlich sogar, jedenfalls hat er uns aus dem Schuhkeller entlassen, und ich kann mich nicht erinnern, dass Stefan D. und ich danach noch jemals miteinander Kontakt hatten. Ich erwähne das, um zu veranschaulichen, dass die Brutalität der Kinderkuren nicht nur von den Betreuern ausging, sondern auch von den Kindern selbst. Auch darauf werde ich noch näher eingehen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass Tante Reni in unserer Gegenwart jemals gelacht oder uns Kindern etwas Nettes gesagt hätte. Wahrscheinlich sah sie so etwas nicht als ihre Aufgabe an. Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie heute auf mich wirken würde, wenn wir uns als gleichberechtigte Erwachsene begegneten. Immerhin muss sie selbst doch auch mal ein Kind gewesen sein, mit Ängsten, Hoffnungen, Freuden und Sehnsüchten. Doch es gelingt mir nicht. In meiner Vorstellung bleibt sie für immer diejenige, die sie aus meinem Kinderblick war: Eine Maschine der Gewalt, die dich so richtig zum Kotzen findet. Permanent schlecht gelaunt und nur auf die nächste Gelegenheit wartend, diese ekelhaften kleinen Maden zu verdreschen. Ob sie wohl selbst Kinder hatte? Der Gedanke erscheint mir absurd, denn ich bin mir sicher, dass sie Kinder verabscheute. Schwächliche Kinder, undeutsche Kinder, Kurkinder, kleine kackende Kakerlaken, was für ein unerträglicher Dreck! Wahrscheinlich wird diese Wahrnehmung ihr nicht gerecht, aber sie zeigt, wie ihr Regime auf mich wirkte.
Wir Jungs mussten in einem großen Waschraum nackt antreten, jeder vor einem Waschbecken. Die Regel lautete, sich immer von oben nach unten zu waschen, d.h. mit dem Gesicht beginnend und die Füße erst ganz zum Schluss. Tante Reni stand in der Tür und sah uns zu. Ich hatte mit dem Waschen noch nicht begonnen und bemerkte irgendetwas an meinem Fuß, ich weiß nicht mehr, was. Um es näher zu betrachten, hob ich den Fuß auf den Rand des Waschbeckens. Ich wollte ihn ja gar nicht waschen, nur ansehen, aber für Tante Reni sah es wie ein Verstoß gegen die Regel aus. Wie ein Blitz schoss sie heran und versetzte mir eine Ohrfeige. Da ich nur auf einem Bein stand, verlor ich das Gleichgewicht, schlitterte über den nassen Boden und knallte an die Wand. Ich weiß nicht mehr, wie es weiterging, ob ich mich verletzte oder nicht und wie Tante Reni darauf reagierte. Sicher nicht betroffen, erschrocken oder gar mitleidig.
In den Schlafräumen hatte nachts absolute Ruhe zu herrschen. Morgens erzählte die Nachtschwester der Tante Reni, in welchem Zimmer jemand nicht ruhig gewesen war. Das musste dann meist die ganze Zimmerbelegschaft ausbaden. Einmal hatte die Nachtschwester sich anscheinend über unser Zimmer beschwert. Wir mussten morgens immer die Decke zurückschlagen und uns fürs Fiebermessen mit heruntergezogener Schlafanzughose auf den Bauch legen. Tante Reni schimpfte schon, als sie das Zimmer betrat. Sie zog mir das Thermometer heraus und schimpfte noch mehr, dann ging sie zum nächsten Bett, wo Thomas B. lag, zog auch ihm das Thermometer heraus und verdrosch ihm ohne Vorwarnung den Hintern nach Strich und Faden. Er war gar nicht der Urheber der nächtlichen Unruhe gewesen, aber das spielte keine Rolle.
Einer aus unserer Gruppe wurde während des Heimaufenthaltes 15 Jahre alt. Ab 15 Jahren wurde man eigentlich in einer anderen Gruppe untergebracht und war berechtigt, das Gelände ohne Aufsicht zu verlassen, man durfte dann gehen, wohin man wollte – Freiheit! Tante Reni sagte dem Geburtstagskind: „Aber du möchtest trotzdem bei uns bleiben.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Das Geburtstagskind nickte, und ich dachte: Wie blöd kann man sein?
Tante Reni war eine konstante Bedrohung. Um ihr zu entkommen, legte ich mir eine Strategie zurecht: Immer unter dem Radar bleiben, die Augen senken, die Klappe halten, das Leid der anderen nicht zu meinem eigenen machen, wachsam sein. Und zu versuchen, so gut wie ein Dreizehnjähriger das kann, in unvermeidlichen Konfrontationen die Waffen der Erwachsenen zu benutzen, d.h. nicht kindlich zu reagieren, sondern mit Sprache. Das konnte ich gut. Ich vermute, dass ich in St. Peter Ording gerade deshalb als „Querulant“ bezeichnet wurde, das war sozusagen meine verbale Ohrfeige. Ein Querulant ist jemand, der nicht dazu gehört. Jemand, der nicht einmal Schläge verdient, von dem man sich abwendet, als wäre die Person gar nicht da. Es ist keine schöne Erfahrung. In den „Goldenen Schlüsseln“ hat sie mir einige blaue Flecken erspart, aber nur auf der Haut, nicht auf der Seele.
Die Erwachsenen, mit denen ich in St. Peter Ording zu tun hatte, waren grundsätzlich unfreundlich, doch ich erinnere mich an eine Ausnahme: die Krankenschwester, die mich massierte und mit Salbe dick eincremte, bevor ich in eine Wolldecke gewickelt in die Liegehalle kam. Während sie mich eincremte, unterhielt sie sich mit mir. Das war ungewöhnlich, denn eigentlich waren die Kinder für die Erwachsenen keine Gesprächspartner, sondern nur Subjekte, denen sie Anweisungen erteilten. Diese hier aber fragte mich, ob ich vielleicht eine Idee hätte, was sie zuhause zum Mittagessen kochen könnte. Ich schlug ihr Kasseler mit Sauerkraut vor, und sie fand, das sei eine sehr gute Idee und bedankte sich für die Anregung. Ich war sehr stolz, nach meiner Meinung gefragt worden zu sein und ihr einen so erwachsenen Rat gegeben zu haben.
Ein Kind erzählte mir damals, man nenne das Kurheim „Goldene Schlüssel“ unter der Hand auch „Schlagende Schlüssel“. Ich weiß nicht, ob das stimmt und glaube es eher nicht, denn Prügel und Gewalt waren in den Kinderkurheimen damals völlig normal und wären von den Eltern, wenn sie davon erfahren hätten, teilweise wahrscheinlich als gut und richtig gebilligt worden. Wer zuhause geschlagen wurde, musste sich im Heim nicht großartig umgewöhnen. Schlimm war es eher für Kinder, die aus liebevollen Familien kamen, in denen man so etwas nicht tat und die nun zum ersten Mal Opfer körperlicher Gewalt wurden oder sie miterleben mussten. Für mich war die Erfahrung ein Schock, am schlimmsten wohl während des ersten Aufenthalts auf Norderney (obwohl ich davon fast nichts Konkretes mehr weiß), aber auch St. Peter Ording bot noch genug Raum für Verzweiflung und Empörung.
„Bück dich!“ Die Aufforderung ist mir noch im Ohr und vertraut genug, um nahezulegen, dass ich sie wohl öfter zu hören bekam, aber ich kann mich an nichts Konkretes mehr erinnern. Nur an den Grimm darüber, an meiner Entwürdigung selbst mitzuwirken zu müssen, indem ich folgsam meinen Hintern präsentierte. Das Gefühl der Erniedrigung war offenbar schmerzlicher als die Schläge: Dass mein Kopf und mein Gesicht nicht mehr gefragt waren, sondern die Angelegenheit kurz und bündig an meinem anderen Ende ausgetragen wurde, als wäre ich keine Person, mit der man spricht, sondern ein Klotz auf der Werkbank.
Natürlich wurden die Kinder im Kurheim „Goldene Schlüssel“ geschlagen, das geschah jeden Tag. Es gab Ohrfeigen, Schläge auf den Hinterkopf, auf die ausgestreckten Finger und den Hintern, Züchtigungen mit der bloßen Hand oder mit Gegenständen. Beim Mittagessen führte eine furchteinflößende alte Frau die Oberaufsicht, von uns Kindern wurde sie „der Drache“ genannt. Ich weiß ihren richtigen Namen nicht mehr, aber sie war auch für die anderen Betreuerinnen eine Respektsperson und wohl die Chefin im Bereich der Mädchengruppen, mit denen wir nie zu tun hatten. Während des gemeinsamen Mittagessens saß sie wie ein schwarzer Krake in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl, an dem ein Gehstock lehnte, vor dem andere Kinder mich warnten. Wenn ich den Raum betrat und verließ, achtete ich darauf, dass ich nicht in ihr Gesichtsfeld geriet.
Weitere Formen der Bestrafung waren der Ausschluss vom Mittag- oder Abendessen oder von Gruppenaktivitäten (so wurde ich einmal bestraft, indem man mich vom ersehnten Ausflug ins Wellenbad ausschloss, stattdessen musste ich den Nachmittag allein in der Liegehalle verbringen, während eine Betreuerin, die im angrenzenden Gebäude irgendwelche Schreibarbeiten machte, darauf achtete, dass ich mich nicht bewegte oder gar aufstand, denn das war verboten).
Ein anderes Mittel war Isolation, dann musste das Kind mit oder ohne Decke in einer Kammer, im Waschraum oder auf dem Flur lange reglos auf einem Stuhl sitzen. Einmal wurde in unserem Zimmer laut geredet. Die Nachtschwester kam herein und wählte nach dem Zufallsprinzip einen von uns aus (nicht mich), der zur Strafe im Schlafanzug vor die Tür geschickt wurde, wo er in der kühlen Nacht stehen musste und erst wieder in sein Bett durfte, als wir anderen längst schliefen. Demütigungen in der Gruppe waren ein weiteres und oft angewendetes Mittel der Bestrafung, besonders wenn ein Kind ins Bett oder in die Hose gemacht hatte, was oft geschah, da man die Toiletten nur zu festgelegten Zeiten und nicht in der Nacht benutzen durfte. Es wurde dann vorgeführt und dem Spott der anderen Kinder ausgesetzt. Unter uns „Großen“ war das kein Thema, aber bei den kleineren Kindern schon. Meine Schwester und ich machten entsprechende Erfahrungen, als wir vier- und fünfjährig auf Norderney waren.
Eine weitere potenzielle Strafe und ein Druckmittel, von dem schon die Rede war, war die Androhung, bei der Krankenkasse eine Verlängerung des Aufenthaltes zu erwirken. Hier wird die Kur selbst zur Strafe, die unter solchen Vorzeichen gar nicht mehr als Mittel zum Zweck der Genesung, sondern als fortgesetzte Schikane zum Einsatz kommt.
Für mich waren in den Kinderkuren aber nicht die Strafen das Schlimmste, sondern der stets vermittelte Eindruck, als Kind etwas grundsätzlich Unerfreuliches zu sein, wie ein Fleck auf dem Hemd, etwas, das niemand haben möchte und das zu nichts gut ist. Die vielen Berichte über Kinder, die aus diesen Kuren ernst und schweigsam zurückkehrten und plötzlich „schwierig“, „verstockt“ oder irgendwie anders waren, finde ich daher überhaupt nicht erstaunlich. Ich selbst mag mich seither nicht mehr so gut leiden, neige zu überzogener Selbstkritik und einem nicht erfüllbaren Bedürfnis, es allen recht zu machen. Aber Schwamm drüber, ich habe mich mit mir selbst zusammengerauft und komme zurecht.
Ich kann mich an das Essen nicht mehr gut erinnern. Es gab viel Matschiges, also etwa Haferschleim, Graupensuppe usw., das Gemüse war zerkocht, auch das Fleisch war mit Knorpeln, Sehnen und schwabbeligen Anteilen oft kein Vergnügen. Als Nachtisch gab es Kaltschalen und manchmal gekochten Pudding mit einer widerlichen Haut obendrauf. Ebenso heiße Milch und Kakao, auch hier durfte man die Häutchen nicht beiseitelegen, sondern musste sie herunterschlucken. Der verschwitzte Küchengeruch, der sich außerhalb des Gebäudes verbreitete, war ekelerregend. Auf den Fluren verband er sich sehr markant mit den Ausdünstungen von Reinigungsmitteln, Terpentin, Bohnerwachs. Ab und zu bin ich diesem Geruch noch als Erwachsener begegnet, der mich jedes Mal in die Zeit meiner Kuraufenthalte zurückversetzt und mit einer spontanen Traurigkeit erfüllt hat.
Neben der medizinischen Indikation, die mich in die Kur nach St. Peter Ording brachte, war auch notiert worden, dass ich bei dieser Gelegenheit ruhig ein paar Kilo zunehmen solle, da ich zu schmächtig sei. Nichts ist leichter messbar als eine Gewichtszunahme, für ein Heim ist sie daher ein willkommener Indikator des Kur-Erfolgs. Man legte es daher darauf an, mich zu mästen. Mein Teller war immer voller als die der anderen Kinder. Zeitweise nahm eine Betreuerin neben mir Platz und sah zu, wie ich mich durch die Menge kämpfte. Wenn der Teller endlich leer war und ich meinte, ich müsse platzen, brachte sie ihn in die Küche und ließ ihn erneut füllen. Ich schluckte und würgte und oft genug klatschte ein Mundvoll auf den Teller zurück, doch es gab kein Erbarmen. Im Speisesaal sind nur noch ich und meine Peinigerin. Noch ein Löffel und noch einer. Ich verschlucke mich und der Kartoffelbrei quillt aus meiner Nase. Mach voran, stell dich nicht so an. Es gibt Berichte anderer Verschickungskinder, die sich erbrachen und das Erbrochene aufessen mussten. So etwas habe ich nicht in Erinnerung, aber meine Mastsitzungen waren nicht weit davon entfernt und sehr schmerzhaft. Aus der Sicht des Heimes war es sicher subversiv und strafbar, dass ich mich unmittelbar nach dem Essen von meiner schmerzenden Last befreite, schon allein, weil die Benutzung der Toiletten zu dieser Zeit nicht gestattet war. Trotzdem schlich ich mich immer dorthin und sehe mich noch heute in einer der leeren Kabinen sitzend, horchend, ob Schritte sich nähern, wie ein Dieb auf der Flucht, ein Verbrecher, ein Querulant. Aber ich wurde nie erwischt.
Süßigkeiten waren rar, aber dort, wo ich war, nicht verboten. Wenn in St. Peter Ording ein Kind ein Päckchen bekam, wurde der Inhalt nicht konfisziert und auch nicht zwangsweise unter allen Kindern verteilt. Ich bekam einmal ein Päckchen, in dem sich auch eine Tüte mit Gummibärchen befand. Ich teilte sie mit den anderen Jungs in meinem Zimmer. Anstatt sie zu essen, lagen wir auf unseren Betten, lutschten die Gummibärchen an, bis sie schön klebrig waren und warfen sie dann mit Schmackes an die Zimmerdecke, wo sie fest hafteten und lustige bunte Muster erzeugten. Wir fanden das sehr witzig. Am nächsten Morgen weckte uns Tante Reni unfreundlich wie immer. Vom Bett aus sahen wir die Gummibärchen-Pracht, die immer noch an der Decke klebte und hofften inständig, dass keins von ihnen herunterfiel. Glück gehabt, Tante Reni blickte nicht nach oben, und vielleicht sind die Gummibärchen noch heute dort.
Anwendungen wie Inhalationen, Sole-Bad u. ä. fanden meist im Lauf des Vormittags statt. Manche von ihnen waren unangenehm, andere kreuzlangweilig. Zur Behandlung von Neurodermitis wurden die Kinder am ganzen Körper dick eingecremt und mussten dann stundenlang in der Liegehalle ausharren, fest eingepackt in eine Wolldecke, bewegen verboten. Wenn man Glück hatte, schlief man dabei ein. Arzt-Kontakte wird es gegeben haben, aber ich kann mich an keine erinnern. Da die heute üblichen Kinder-Impfungen (z. B. MMR gegen Masern, Mumps und Röteln) bis zu Beginn der 1970er Jahre noch nicht üblich oder verfügbar waren, gab es bis dahin in den Kinderkurheimen auch immer wieder Infektionen und die damit verbundene Notwendigkeit der strengen Isolierung. Viele Verschickungskinder der 50er und 60er verbrachten daher einen guten Teil ihrer Kuren, ohne einen Schritt nach draußen zu machen, abgeschirmt, allein oder in Mehrbettzimmern, manchmal mit anschließenden Transfers ins nächstgelegene Krankenhaus und von dort leider auch manchmal auf den Friedhof. Auch ich war als kleines Kind aus solchem Grund zunächst isoliert und später im Krankenhaus. In meiner Erinnerung verschmelzen diese Orte zu einem einzigen grauen unfreundlichen Ganzen.
Mädchen und Jungs begegneten sich im geregelten Tagesablauf kaum, Ausnahmen waren die Essenszeiten und einige Gemeinschaftsaktivitäten. In der eigenen Gruppe kam es nach meiner Erfahrung selten zu Freundschaften, sondern es ergaben sich eher kurzlebige Allianzen und Zweckgemeinschaften. Mit keinem Kind aus meinen Kuraufenthalten hielt ich über die Kur hinaus Kontakt. Auf Norderney ergab sich durch eine ansteckende Erkrankung eine Freundschaft im Isolierzimmer, an die mich dunkel erinnere, doch sie endete abrupt, als mein Zimmergenosse zur Verlegung in ein Krankenhaus abgeholt wurde, wo er an einer Lungenentzündung verstarb. In St. Peter Ording war ich mit einem türkischen Jungen aus Berlin befreundet. Doch in der Regel gab es in unserer Gruppe nichts Verbindendes außer der Sorge, nicht unter die Räder zu kommen. Man konnte sich in der Gruppe verstecken, um nicht aufzufallen, so dass andere herausgepickt wurden, um stellvertretend für den Rest eine gescheuert zu bekommen. Wichtig war aber auch, nicht in der Gruppe selbst zur Zielscheibe zu werden.
Der Umgang in unserer Jungs-Gruppe war ziemlich rau, und ich glaube, dass dies von den Tanten nicht nur geduldet, sondern unterstützt wurde. Ich erinnere mich, dass wir oft „Elfer raus!“ spielten. Es ging dabei nicht so sehr um das Spiel selbst, sondern das, was geschah, wenn eine Runde zu Ende war. Der Verlierer musste dem Gewinner seine Hand hinhalten, entweder den Handrücken oder die Unterseite von zwei ausgestreckten Fingern, und bekam die Zahl seiner Minuspunkte in harten Schlägen mit dem Kartenstapel zugeteilt – obwohl es eine Frage der Ehre war, sich das nicht anmerken zu lassen, tat das höllisch weh und war auch manchmal blutig. Wer Schläge austeilte, die nicht wehtaten, war ein Waschlappen, also legte man in seine Hiebe alle verfügbare Kraft. Die Tanten tolerierten das, denn es entsprach wohl ihrer Vorstellung, dass Kinder zur Härte zu erziehen seien. (Ich habe diese Art, das Spiel zu spielen, zuhause auch meinen Freunden und Geschwistern nahebringen wollen, aber die zeigten mir einen Vogel, als ich darauf bestand, dass die Schläge mit äußerster Härte auszuführen seien, das tue doch weh. Gut so. Da es außer mir keine Idioten gab, die sich darauf einlassen wollten, war dieser Ansatz meiner in St. Peter Ording erworbenen Verrohung schnell wieder fort.)
Und es wurde geklaut; man musste auf seine Sachen gut aufpassen. Einmal fand ich bei einer Rast am Strand einen Bernstein mit dem Abdruck eines fossilen Seeigels. Was für ein Schatz! Ich hätte ihn niemandem zeigen sollen, denn am Abend war er fort und kam nicht mehr wieder.