Positive Erinnerung eines Verschickungskindes
Uns erreichte vor einiger Zeit die E-Mail eines Betroffenen, der von positiven Erfahrungen im Haus Tüskendör berichtete. Zu seinem Aufenthalt schrieb er:
„Ich erinnere mich immer noch gern an die beiden Aufenthalte. Das mag u. a. folgende Gründe haben:
- Anlass für die Aufenthalte war mein starkes Asthma, unter dem ich als Kind litt, das aber vollständig ausgeheilt ist.
- Ich war beim ersten Mal mit fast 11 Jahre kein kleines Kind mehr.
- Durch meine zwei Aufenthalte habe ich detailliertere Erinnerungen an die Zeiten.
- Ich war beide Male im Sommer dort (immer zu Hälfte in den NRW-Schulferien und zur anderen Hälfte in der Schulzeit).
- Bei den privaten (?) Betreibern und den beiden wichtigsten Betreuerinnen, den Schwestern J. für die Jungen und Schwester J. für die Mädchen (beide keine Nonnen, sondern ausgebildete Kinderkrankenschwestern) war eine hohe personelle Kontinuität (ergänzt um weitere Erzieherinnen).
An das Kinderheim Tüskendör habe ich noch recht gute Erinnerungen. Zum einen war ich beim ersten Mal schon fast 10 Jahre alt; zum anderen war ich dort zwei Mal (jeweils 6 Wochen), und zum dritten habe ich gute Erinnerungen an diese Zeit, also vermutlich wenig verdrängt.“
Gruppe mit Erzieherin „Tante C.“; P. W. steht in der ersten Reihe ganz links. Fotograf: unbekannt, Quelle: P. W.
Laut Aussage von P. W. wurde diese Erinnerungstafel, die vom Erbauer und Betreiber des Heims angebracht wurde, inzwischen gestohlen.
Laut Aussage des Sohnes der Inhaber FPK handelt es sich um die Bauzeit des gesamten Gebäudekomplexes. Wann diese Tafel entwendet wurde, ist nicht zu ermitteln.
Das Haus Tüskendör heute
Ich war auch später mit meiner Frau und unseren zwei Kindern wiederholt auf Borkum zu Besuch.
P. W.
Erinnerungen des Sohns der Betreiber, der im Kinderkurheim Haus Tüskendör aufwuchs
von FPK / Januar 2026
Haus Tüskendör war ein privates Kinderkurheim unter der Leitung des Ehepaares Doris und Fritz Kohl.
Ich zog 1952 mit meiner Familie als 2-jähriger nach Borkum. Das Kinderheim wurde Ende der Fünfziger Jahre erbaut und später erweitert. Die Kinder wurden durch Begleiter der Betriebskrankenkasse nach Borkum gebracht. Sie kamen zum großen Teil aus dem Ruhrgebiet, und viele litten unter Atemwegserkrankungen. Nach der Eingangsuntersuchung durch einen Borkumer Kurarzt im Heim, wurden die erforderlichen Maßnahmen festgelegt (z.B. Inhalation, besondere Ernährung, etc).
Am Anfang war es für viele Kinder schon schwer, alleine so weit weg von Zuhause zu sein. Da flossen schon mal Tränchen, aber die gab es auch, wenn sie wieder abreisen mussten. Meine Mutter hat die Kinder immer sehr umsorgt. Abends hatte sie ihre „Extra-Sprechstunde“, um sich Sorgen anzuhören oder kleine Wehwehchen zu verarzten. Das hat sie mit Hingabe gemacht. Die Kinder haben bei uns immer sehr viel unternommen. Neben dem obligatorischen Spielen am Strand oder auf dem Gelände vor dem Haus, gab es z.B. Schnitzeljagden, Nachtwanderungen, Picknick auf dem Ostland oder Ausflüge mit Pferd und Wagen. Alle Betreuerinnen waren ausgebildete Kindergärtnerinnen, Kinderpflegerinnen und Auszubildende im Heim.
Meine Mutter hat jeden Tag mit einem Team für die ca. 75 Kinder gekocht. Es gab zwei Gerichte: eins für die Kinder, die zunehmen sollten und eins für die, die abnehmen sollten. Diese Kinder taten mir schon ein bisschen leid, aber das war eben die Vorgabe der Ärzte, die die Kuren verordnet hatten. Am Ende jeder Kur wurden die Kinder von dem hiesigen Kurarzt nochmals untersucht. Zwischendurch kam auch ein Frisör, um den Kindern die Haare zu schneiden.
Jeden Abend hat mein Vater oder eine Kindergärtnerin eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen. Zwischendurch gab es Kinovorführungen (Trickfilme) oder Spieleabende im Speisesaal.
Am Ende einer Kur gab es eine große Abschluss-Party mit Tanz und Gesang. Der Esssaal wurde dafür von den „Tanten“ und Kindern geschmückt. Auch heute kommen noch ehemalige Kinder als Besucher, die sich gerne an ihre Zeit im Heim erinnern. Man sollte die Schilderungen auch unter dem Aspekt sehen, dass es sich um die Nachkriegszeit handelte, und die weiten Reisen für Kinder noch nicht so verbreitet waren.
Als Kinderheim wurde Tüskendör nach unseren Recherchen wahrscheinlich von 1953 – Ende der 60ger Jahre geführt. Dann wurde es verpachtet und für Jugend- und Familien- Freizeiten genutzt.
Anmerkung der Redaktion: FPK musste nach der 10. Klasse sein Elternhaus verlassen, um auf ein Internat zu gehen, denn zur damaligen Zeit war es nicht möglich, auf Borkum Abitur zu machen.
Weitere Berichte
zu Haus Tüskendör sind hier auf der Seite Verschickungsheime.de zu finden.
Erinnerungen teilen
Wer ebenfalls im Haus Tüskendör war und seine Erfahrungen in Form eines anonymen Zeitzeugenberichts teilen möchte, ist herzlich eingeladen, diesen per E-Mail an projekt@akv-nrw.de zu schicken.
Stichwort: Haus Tüskendör
Oder nutzt unser anonymes Zeitzeugenportal hier
Redaktion: Michaela Stricker
Haus Tüskendör auf Borkum: Nutzung durch die Betriebskrankenkasse der August Thyssen-Hütte
Für diesen Themenschwerpunkt zum Haus Tüskendör auf Borkum hat Astrid Dörnemann von der thyssenkrupp Services GmbH, Corporate Archives Duisburg, eine Recherche in den Archivbeständen von thyssenkrupp vorgenommen. Nachfolgend wird dargestellt, welche Erkenntnisse sich aus den überlieferten Beständen ergeben.
Von Astrid Dörnemann / Dezember 2025
„Die werkseigene gesetzliche Betriebskrankenkasse (BKK) der August Thyssen-Hütte AG hat Kinder von Mitarbeitenden der August Thyssen-Hütte (ATH) zur Erholung an die Nordsee, aber auch in das Sauerland verschickt. Die Verschickung erfolgte auf Antrag der Eltern, die ihre gesundheitlich gefährdeten oder erholungsbedürftigen Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren für sechs Wochen für eine solche Fahrt anmelden konnten. Den Ort legte der Vertrauensarzt der gesetzlichen Betriebskrankenkasse fest, der die Kinder vorher genau untersuchte. Anmeldung und Organisation erfolgten über die Betriebskrankenkasse. Träger der Erholungsheime waren z. B. die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, aber es gab auch private Träger – wie das Haus Tüskendör auf Borkum.
Aus Berichten in der Werkzeitung geht hervor, dass das Erholungsheim Haus Tüskendör auf Borkum zwischen 1957 und 1968 von der BKK der ATH genutzt wurde. Haus Tüskendör war in privater Trägerschaft des Ehepaars Jörg (?) und Doris Kohl. Die genaue Anzahl der Betten ist nicht bekannt. Träger der Kuren war die BKK, die die Verträge abgeschlossen und die Fahrten organisiert hat. In unseren Beständen sind Angaben zur Anzahl der verschickten Kinder und zu den Kosten überliefert, da die Hütte sich mit einem Betrag an den Kosten beteiligt hat. In unseren Archivbeständen gibt es weder Namen noch Fallakten oder Hinweise auf pädagogische Konzepte, Essens- oder Hauspläne.
Unterlagen der BKK dazu liegen in unseren Archivbeständen nicht vor. Der Bestand BKK in unserem Archiv enthält 34 Akten. Es handelt sich dabei um eine Splitterüberlieferung. Der Bestand enthält Einzelstücke, die zwischen 1872 und 2010 datiert sind. Darunter befinden sich weder Unterlagen zur Verschickung von Mitarbeiterkindern noch Einzelfallakten oder Findbücher von Haus Tüskendör. Diese Unterlagen wären gegebenenfalls bei der Nachfolgegesellschaft der BKK überliefert.
In den Werkzeitungen erschienen jedes Jahr kurze Berichte zu den Kuren bzw. wie Mitarbeitende diese für ihre Kinder bei der Betriebskrankenkasse beantragen konnten. Wir haben in den Ausgaben 1957 bis 1968 recherchiert und stellen Ihnen im Anhang konzentriert unser Ergebnis gerne zur Verfügung. Sie können in der Werkzeitung aber auch selbst recherchieren, denn sie liegt digital vor und ist auf unserer Webseite einsehbar unter diesem Link.
Die Recherche nach Fotografien war leider nicht erfolgreich. Originalfotografien zu den Fahrten nach Borkum sind nicht in unseren Beständen überliefert. Die Aufnahmen der Fahrten hat nicht der Werksfotograf gemacht, sondern vermutlich ein Fotograf der BKK.
Zur Info: Die „Phoenix-Rheinrohr AG Vereinigte Hütten- und Röhrenwerke“ hat Haus Tüskendor ebenfalls genutzt. Sicherlich lohnt auch die Durchsicht der Werkzeitung von Phoenix-Rheinrohr auf unserer Seite.
Archiv-Tipps / Links
Wir sind auf dem Portal archive.nrw.de vertreten, vielleicht möchten Sie Ihre Webseite mit diesem Portal oder mit unserer Webseite verlinken? Auf unserer Webseite finden Sie Literatur zur Geschichte der August Thyssen-Hütte AG.