Ein Bericht von Detlef Lichtrauter
Vom 26. März bis zum 1. April 2026 nahm ich in Detmold an einer internationalen Fortbildung zur Geschichte der Kinderverschickungen teil. Veranstaltet wurde sie von der Kreisau-Initiative e. V., die Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammenbringt. Ziel ist es, Geschichte besser zu verstehen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Der Name der Initiative verweist auf das historische Gut Kreisau, einen zentralen Ort des Widerstands gegen das NS-Regime: Hier traf sich während des Zweiten Weltkriegs der sogenannte Kreisauer Kreis.
Lernen im internationalen Austausch
Besonders eindrücklich war für mich, dass der Kurs nicht nur die Situation in Deutschland beleuchtet hat. Ich habe gelernt, dass es ähnliche Strukturen und Erfahrungen auch in anderen europäischen Ländern gab. Im Austausch mit den anderen Teilnehmenden wurde deutlich, wie weit verbreitet solche Formen institutioneller Gewalt waren – und wie lange sie kaum hinterfragt wurden. Dieser europäische Blickwinkel hat mir geholfen, das Thema noch umfassender zu verstehen.
Ein wichtiger Aspekt des Trainings war für mich auch die internationale Zusammensetzung der Gruppe. Teilnehmende aus Belgien, Kroatien, Tschechien, Deutschland, Italien, Polen, Rumänien, der Slowakei und der Türkei waren vor Ort. Dieser vielfältige Austausch hat das gemeinsame Lernen enorm bereichert. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich der Trainingskurs gezielt an Pädagog:innen, Fachkräfte aus der Jugend- und Sozialarbeit, Historiker:innen sowie an alle richtet, die sich für Zeitgeschichte, Kinderrechte und Erinnerungskultur interessieren. Viele der Teilnehmenden brachten genau diese Hintergründe mit. Besonders angesprochen sind Menschen, die sich intensiver mit den Auswirkungen institutionellen Unrechts auf Kinder befassen möchten und nach Wegen suchen, dieses sensible Thema verantwortungsvoll in ihre Bildungsarbeit zu integrieren.
„Recreation“: Geschichte anders erfahrbar machen
Ein zentraler Bestandteil des Seminars war der Ansatz der sogenannten „Recreation“. Dabei geht es – anders als der Begriff vermuten lässt – nicht um Erholung, sondern um die bewusste Auseinandersetzung mit Geschichte. Durch kreative Methoden wie Film, Fotografie und biografisches Erzählen wurden Zugänge geschaffen, die über reines Faktenwissen hinausgehen. Für mich war das eine neue Erfahrung: Geschichte nicht nur zu verstehen, sondern auch emotional nachzuvollziehen.
Begegnungen, die bleiben
Besonders bewegt haben mich die persönlichen Berichte von anderen Zeitzeug:innen. Ihre Geschichten haben dem Thema eine Tiefe gegeben, die kein Buch und kein Vortrag allein vermitteln kann. Es war eindrucksvoll und auch erschütternd, aus erster Hand zu hören, welche Spuren diese Erfahrungen bis heute hinterlassen haben.
Brücke zur Gegenwart
Gleichzeitig hat mich der Kurs immer wieder dazu angeregt, den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Ich habe mich gefragt, welche Parallelen es zu heutigen Strukturen gibt und wie wir sicherstellen können, dass sich solche Formen von Vernachlässigung und Machtmissbrauch nicht wiederholen. Die Auseinandersetzung mit Kinderrechten, Kinderschutz und institutioneller Verantwortung hat für mich dadurch eine ganz neue Bedeutung bekommen.
Erinnern durch Film
Ein weiterer prägender Moment war die Filmvorführung von „Heimgesucht“ im Rahmen des Trainings. Der Film von Silas Degen begleitete Erwachsene, die als Kinder selbst in einem Kurheim waren und viele Jahre später dorthin zurückkehrten. Zu sehen, wie sie sich ihren Erinnerungen stellen und gemeinsam darüber sprechen, hat mich sehr berührt. Es wurde deutlich, wie wichtig Räume für Erinnerung, Austausch und Aufarbeitung sind.
Ein Ort, der Geschichte greifbar macht
Der Besuch des ehemaligen Kinderkurheims Johannaberg in Berlebeck hinterließ bei allen Teilnehmenden einen nachhaltigen Eindruck. Besonders beeindruckend war, dass sich Teile des Gebäudes noch im Originalzustand der 1950er- und 1960er-Jahre befinden. Die unmittelbare Begegnung mit diesem authentischen Ort ermöglichte eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik und verlieh den Berichten eine eindringliche, greifbare Dimension.
Warum dieses Unrecht nicht in Vergessenheit geraten darf
Für mich war dieser Trainingskurs eine intensive und bereichernde Erfahrung. Ich habe nicht nur aus einer neuen Perspektive viel über ein lange verdrängtes Kapitel der Nachkriegsgeschichte gelernt, sondern auch darüber, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen – damals wie heute.
Besonders wertvoll war für mich auch der Austausch mit den anderen Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern. Gemeinsam haben wir Perspektiven geteilt, voneinander gelernt und erste Ideen für zukünftige Zusammenarbeit entwickelt.
Ich nehme aus diesem Training vor allem eines mit: Die Geschichte der Verschickungskinder darf nicht in Vergessenheit geraten. Sie sichtbar zu machen und ihre Aufarbeitung voranzutreiben, ist eine wichtige Aufgabe, nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, sondern auch für den Schutz von Kindern in der Gegenwart und Zukunft.
Eindrücke und Stimmen der Teilnehmenden
Die Gräueltaten, die an Kindern in Heimen begangen wurden, gehören zu den schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und hinterlassen ein Erbe generationenübergreifender Traumata. Die Welt muss diese Geschichten hören, um den Kreislauf des Leidens zu durchbrechen, die Täter zu entlarven und dieses Unrecht durch längst überfällige Gerechtigkeit wieder gutzumachen.
John Paul Jose, Belgien
Viele der Verschickungskinder haben sich oft erst Jahrzehnte nach ihrem Aufenthalt in einem Verschickungsheim ihren Eltern oder nahestehenden Bezugspersonen anvertraut. Die erdrückende Erkenntnis, dass die Erfahrungen der Betroffenen bis heute als verklärte Kindeserinnerungen dementiert und jegliche Stellungnahme oder Verantwortung zurückgewiesen werden, hat mich zutiefst erschüttert und enorme Anerkennung für die charakterliche Stärke der Betroffenen in mir ausgelöst."
Elisa Mielke, Deutschland
Ich wurde sechsmal in Kinderheilanstalten geschickt (jeweils zwei Monate Aufenthalt), ich kenne weitere Fälle aus der Tschechoslowakei. Die im Vergleich zur Tschechoslowakei härteren Bedingungen und Methoden in der BRD haben mich sehr überrascht. Am meisten schockiert hat mich das Fehlen von Schulunterricht in den deutschen Sanatorien.
Miroslav Prokeš, Tschechien
Diese Erfahrungsberichte anzuhören, war zugleich bewegend und inspirierend. Als Sozialforscher spornt es mich dazu an, die Grenzen zwischen Systemen der Fürsorge und Systemen der Kontrolle und Unterdrückung zu erforschen. Als erwachsener und als Mann hilft es mir, einen Prozess der Selbstreflektion und des kritischen Nachdenkens über die Gefahr anzustoßen, unbewusst, Formen von Gewalt oder Dominanz gegenüber anderen zu reproduzieren. Als Mensch stärkt es mein Einfühlungsvermögen und meine Dankbarkeit gegenüber den außergewöhnlichen Menschen, die sich dafür entschieden haben, ihr Leiden in eine kollektive Chance für Veränderung zu verwandeln. Heute bin ich wirklich dankbar und schätze mich glücklich.
Andrea Rampini, Italien
Am meisten überrascht hat mich die Präsenz der Verschickungskinder. Sie dabei zu haben, machte es uns viel leichter, das Thema zu verstehen. Ich nehme die wichtige Lektion des Überlebens mit. Selbst nach schweren Erfahrungen kann man ein schönes Leben führen und lächeln.
Ioana Stefanica, Rumänien
Ich wollte vor allem wegen meines großen Interesses am Zweiten Weltkrieg und an der europäischen Nachkriegsgeschichte an diesem Projekt teilnehmen. Meine Familie stammt aus Wałbrzych (ehemals Waldenburg), daher möchte ich aufgrund meiner lokalen deutschen Geschichte gerne mehr über die deutsche Geschichte erfahren. Als Absolventin des Jurastudiums interessiere ich mich für Menschenrechte und Kinderrechte; ich bin fasziniert davon, wie Geschichte unsere Zukunft prägt. Nicht zuletzt engagiere ich mich seit 2019 im Jüdischen Gemeindezentrum in Krakau, sodass die Gelegenheit, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten zu hören, einen tiefen Bezug zu meiner Arbeit dort hat.
Magdalena Dereń, Polen
Ich bin in einer Heimeinrichtung aufgewachsen, daher interessieren mich Themen rund um Menschen, die in Heimen aufwachsen, sehr. Ich habe an vielen Projekten auf lokaler und nationaler Ebene mitgewirkt, war aber auch sehr neugierig auf die internationale Arbeit in diesem Bereich. Zum ersten Mal hörte ich von einem europäischen Projekt, dass sich mit Menschen befasst, die in Heimen waren. Diese Gelegenheit, an einem solchen Projekt mitzuwirken, konnte ich mir nicht entgehen lassen.
Prof. Davut Elmaci, Türkei
Ich denke, dass man aus den Erfahrungen und dem Leid der Verschickungskinder vor allem lernen kann, dass wir Kindern mehr zuhören müssen und Berichte über Gewalt oder Missbrauch nicht als kindliche Fantasien abtun dürfen. Außerdem müssen Behörden ihrer Pflicht gegenüber Kindern nachkommen, Einrichtungen für Kinder strenger und öfter inspizieren und bei Missständen sofort entschieden handeln.
Janek Stockhaus, Deutschland
Interview mit Eva Kell, Organisatorin Kreisau-Initiative
Impressionen aus dem ehemaligen Kurheim Johannaberg in Berlebeck, einem Ortsteil von Detmold
Fotografiert von Detlef Lichtrauter
Redaktion: Michaela Stricker