26571 Juist, 1968

Kinderseele wurde zerstört

Von: S.B. 

Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: Als ich zur Kur kam war ich 7 Jahre alt. Es war mir schon unheimlich, dass ich auf dem Meer aussteigen sollte um in einen Zug umzusteigen. Ich habe mich auf der Fahrt nach Juist ziemlich verloren gefühlt, viele Menschen und ich allein.

Bei meiner Ankunft im Heim mussten wir alle in einen großen Saal und unsere Koffer wurden durchwühlt. Persönliche Sachen, darunter mein Teddy wurden mir weggenommen. 
Mittags mussten wir immer ruhen im Bett. Dazu musste man sich auf die Seite legen, mit dem Rücken zur Tür. Die Nonne stopfte die Bettdecke unter der Seite fest, bewegen durfte man sich nicht, dann gab es Strafe. Auch sprechen oder flüstern mit anderen Kindern wurde bestraft. Die Nonne patrouillierte auf dem Flur und kontrollierte dass wir auch so liegen blieben. 

Zum Essen ging es immer in das Jungenhaus in den großen Speisesaal. Hier musste alles aufgegessen werden. Einzig positives, eine weltliche Erzieherin las uns beim Essen vor, Rasmus und der Landstreicher.

Zu den Nächten fehlt mir jegliche Erinnerung. Scheint mein Körper komplett verdrängt zu haben. Ich hatte schreckliches Heimweh und Angst, mir wurde immer gesagt, ich darf nie wieder nach Hause. 

Jede Woche schrieben wir Briefe nach Hause, mein erster Brief wurde vor meinen Augen zerrissen, es wurde geschimpft, ich hatte wohl geschrieben, dass ich nach Hause will, dann diktierte man mir immer, was ich schreiben musste.

Es bekamen Kinder die Röteln, die legte man zunächst in ihren Schlafraum. Später machte man aus meinem Schlafraum ein Krankenzimmer. In meinem Schlafraum standen weniger Betten. Wir mussten in die Betten der infizierten Kinder, die nicht frisch bezogen wurden, so bekam ich auch die Röteln und durfte am Ende der Kur nicht nach Hause. Ich sehe die Nonne heute noch als sie mir sagt: „Ich habe doch gesagt, du darfst nicht mehr nach Hause“. Meine Eltern hatte man nicht informiert, sie standen am Zug und wunderten sich, dass ich nicht ausstieg. Drei Tage später wurde auch ich endlich abgeholt. Es war eine sehr schlimme Zeit, als ich jetzt auf Juist war und von der Ausstellung erfuhr und vor dem Mädchenhaus stand flossen die Tränen. Ein dunkles Kapitel in meinem Leben, meine Kinderseele wurde in den sechs Wochen zerstört. Ich leide heute unter massiven Schlafstörungen und unerklärlichen Schmerzen.

Ich suche Zeitzeugen, die im Sommer 1968 mit mir auf Juist waren.
Vielen Dank

Datum: 10. Juni 2026
Zeit: 20:15

Anonymisierungs-ID: axu

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