Erinnerungen an das Kinderheim Strandnelke auf Borkum

Kinderkur auf Borkum – für viele ein Ort der Angst. Auch für Thomas Z. beginnt 1962 seine Kinderverschickung auf die Nordseeinsel mit Verzweiflung und Tränen. 

Zwei Jahre zuvor war er bereits als Sechsjähriger für sechs Wochen in ein Kindererholungsheim auf Amrum verschickt worden. Die Zeit dort ist geprägt von Zwang, Heimweh und täglichen Kämpfen – etwa ums Essen und zensierte Briefe nach Hause.

Als seine Eltern ihn 1962 erneut „zur Erholung“ schicken wollen, diesmal nach Borkum, ist er entsetzt und verzweifelt.

Doch im Kinderheim Strandnelke auf Borkum kommt alles anders: Zwischen Watt, Nordseesturm und der Sturmflut von 1962 erlebt er sechs Wochen Freiheit – und rückblickend die vielleicht schönste Zeit seiner Kindheit.

Ein Bericht von Thomas Z.

Als mir  zwei Jahre später meine Eltern eröffneten, dass ich ein weiteres Mal „in Erholung“ fahren sollte, diesmal nach Borkum, war ich entsetzt und verzweifelt. 

Doch es hat alles nichts geholfen, man hat mich weinend in den Zug gesetzt. Einzig die Aussage des Betreuers im Zug, dass das „Heim“ auf Borkum ein Bauernhof sei, mit Pferden, auf denen wir auch reiten könnten, hat mir etwas Hoffnung gemacht. 

Die Zugfahrt war dennoch von übelsten Erwartungen erfüllt.

Nach der Überfahrt mit wildem Wellengang und Seekrankheit ging es mir an Land sofort wieder gut und dann noch besser, als wir wirklich auf einem Bauernhof ankamen und es statt einer befürchteten stärkenden Fleischmahlzeit zur Begrüßung Marmeladenbrote gab. 

"Eine eingeschworene Gemeinschaft" - Thomas (ganz links), daneben sein Zimmernachbar. Die drei älteren Jungen rechts haben ein Zimmer geteilt und es gab ein Fünferzimmer / Fotograf: unbekannt, Quelle Thomas Z.

Wir waren also im „Kinderheim Strandnelke“ angekommen, und wir sieben kleine Steppkes waren mit drei etwas älteren Buben die einzigen Sechs-Wochen-Gäste. 

Bauernhof statt klassischem Kinderheim

Bei einer ersten Erkundung mit „Tante Inge“ der Bauersfrau, wurden wir mit dem Knecht, den Kühen, Pferden, Schweinen, Schafen und den Hunden bekannt gemacht.

Einer von uns (der Blonde mitte-links ganz hinten an der weißen Wand auf dem Foto mit dem großen auf dem Pullover – Gruppenbild siehe oben, hintere Reihe, 3. v.li), blieb fast von Stund an im Stall und das sechs Wochen lang. Wir sahen ihn meist nur beim Schlafengehen und er hat auch immer entsprechend gerochen. 

Strandnelke
Die Kurkinder mit der Leiterin der Strandnelke Tante Inge (2.v.re) / Quelle: Thomas Z.

Freiheit auf der Insel: Sechs Wochen zwischen Strand, Watt und Bauernhof

Wir anderen hatten sechs Wochen lang ein sehr freies Leben, konnten teilweise alleine die Insel-Umgebung unsicher machen, waren aber auch regelmäßig mit „Tante Inge“ am Strand unterwegs, haben Muscheln und von den Fischerbooten verlorene Schwimmer aus echtem Kork gesammelt. 

Aus den gesammelten, gut faustgroßen Korkbrocken haben wir Schiffchen geschnitzt, sie mit Stöckchen und Papiersegeln versehen und mit der fast ständig wehenden „Steifen Brise“ über den Hausteich schwimmen lassen.  

Einmal sind wir auch – nur zu zweit und ohne Tante Inge – beim Anlaufen der Flut beinahe im Watt stecken geblieben. 

Das Watt war nur wenige Meter vom Hof entfernt, getrennt von diesem nur durch den gefühlt haushohen ‚Tüskendör-Deich‘, der sich ziemlich genau vor der Haustür dahinzog. Der sollte den Hof und das gesamte Hinterland vor Überflutungen schützen. 

Der dunkelhaarige Bub ganz links auf dem Gruppen-Foto bin übrigens ich, und der „zweite im Watt Steckengebliebene“ ist der ebenfalls Dunkelhaarige gleich rechts neben mir. 

Gegen Abend sind wir öfter alle miteinander entlang der Reedestraße ins Dorf marschiert. Dort hatten unsere Bauersleute ein kleines Insel-Lokal „Zum Störtebeker“, das es wohl heute noch gibt. 

Im dortigen Wohnzimmer durften wir fernsehen: An „Die Kinder aus Bullerbü“ und an „Funkstreife Isar 12“ mit dem legendären Barockengel“-BMW 501 kann ich mich noch gut erinnern. Außerdem gab es dort jedes Mal für 50 Pfennige (wir hatten ein bisschen Taschengeld) vakuumverpackte Erdnüsse.  

Im Dunkeln ging´s dann wieder nachhause. 

Borkum Strandnelke
Thomas (li) und sein Zimmernachbar am Deich Tüskendör / Quelle: Thomas Z.

Sturmflut 1962: Als das Wasser bis zum Deich vor unserem Haus stand

Das alles war in dem für die friesische Küste denkwürdigen Frühjahr 1962 als Hamburg in der Sturmflut unterging. 

Auch auf Borkum sind Deiche gebrochen, der Flugplatz stand wohl unter Wasser. Wir Buben fanden das aufregend und haben uns vorgenommen, falls das Wasser käme, würden wir aus unseren Betten auf die Schränke klettern und damit dann auf den Fluten herumschwimmen… 

Viel hat wohl nicht gefehlt und wir hätten zur Tat schreiten müssen, denn am Deich vorm Haus stand das Wasser bereits knapp unter der Deichkrone, also wohl höher als unser Dachfirst. Wir standen im Sturm dort oben, direkt am Wasser, wurden fast weggeweht und tauschten unsere fachkundigen Prognosen aus! 

Angst hatten wir keine (soweit ich mich erinnere). 

Unsere Eltern wussten wohl nicht viel über unsere konkrete Situation und man hat sie auch nicht weiter informiert, bzw. sie nicht beunruhigen wollen. 

Von Angst und Sorge um uns haben sie jedenfalls auch später nichts berichtet. 

 

Bedeutung von „Tüskendör“

Mehrere Quellen zur Geschichte Borkums erklären, dass „Tüskendör“ im Borkumer Platt „zwischendurch“ bedeutet.
In einem Informationsheft des Nordseeheilbads Borkum heißt es etwa, die Sandfläche zwischen Ost- und Westland sei „Tüskendör“ genannt worden, „= Borkumer Platt für ‚zwischendurch‘“.

Borkum bestand bis ins 19. Jahrhundert aus zwei Inselteilen (Westland und Ostland), die durch einen Priel voneinander getrennt waren.
Dieser Durchbruch bzw. Prielbereich wurde Tüskendör genannt und bei Hochwasser komplett überflutet, also floss dort Meerwasser „zwischen durch“.

Deich/Wall und heutige Situation

Zur dauerhaften Verbindung der beiden Inselteile wurde zwischen 1862 und 1864 der Tüskendörwall aufgeschüttet; der Name „Tüskendör“ markiert die frühere Trennlinie.
Spätere Deichbaumaßnahmen und Ausbaggerungen führten dann u.a. zur Entstehung des Tüskendörsees; der Bereich ist heute eingedeicht bzw. durch Wälle und Deiche gesichert.

Freiheit auf dem Bauernhof

Das „Kinderheim Strandnelke“ auf Borkum, als Bauernhof mit Kühen, Pferden, Schafen, Hunden etc. und der leider so früh verstorbenen Ingeborg Wybrands, die uns die Große Freiheit gelassen und aus ihrer bäuerlichen Genügsamkeit heraus für waldorftypische Kreativität „mach´ was aus Nichts“ (aus Strandgut, Kork und Muscheln – und der ganzen Insel als Spielplatz!) gesorgt hat, steht für mich außerhalb jeder Konkurrenz. 

Mit 20 Jahren kehrte Thomas nach Borkum zurück, um seine Gastmutter aus dem Kinderheim Strandnelke wiederzusehen – doch zu seinem großen Bedauern war sie bereits schon verstorben. / Foto: Thomas Z.

Das war Paradies pur. Die schönsten sechs Wochen meines bisherigen Lebens. Samt Sturmflut. Ich wollte ja gar nicht mehr weg von dort. 

Den einzigen traurigen Moment erlebten wir bei der Abreise, als unser „Dickerchen“, das eigentlich abnehmen sollte – dem ich aber immer meine Fleisch-Portionen zugeschoben hatte – eröffnet bekam, dass er zu wenig Gewicht verloren hatte und er deswegen weitere sechs Wochen bleiben sollte. Das gefiel ihm gar nicht – aber ich beneidete ihn. 

Redaktion: Michaela Stricker

Newsletter-Anmeldung

SPENDEN

Vielen Dank, dass Sie sich für eine Spende interessieren:

AKV NRW e.V.

IBAN DE98 3206 1384 1513 1600 00

Für eine Spendenquittung bitte eine E-Mail an:
Detlef.Lichtrauter@akv-nrw.de

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, um Dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.