„Schwarze Häuser“ feiert Premiere: Kinderverschickungen erstmals als Kinofilm

Berlin, 17. April 2026

Die Premiere des Dokumentarfilms Schwarze Häuser von Regisseurin Katrin Sikora fand im Rahmen des achtung berlin filmfestival statt.
Detlef Lichtrauter schildert die Premiere aus persönlicher Perspektive:

Detlef mit Regisseurin Katrin Sikora (2.v.r) und dem Filmteam / ©TONDOWSKI FILM

Zwischen Vorfreude und Unsicherheit

Ich fahre mit einem zwiespältigen Gefühl nach Berlin. Einerseits ist da die Vorfreude: endlich zu sehen, woran so lange gearbeitet wurde – der erste Kinofilm über Kinderverschickungen, der später als 90-minütige Dokumentation im ZDF laufen wird. Zum ersten Mal werde ich den fertigen Film sehen – und damit auch meine eigene Geschichte im Kino, auf der Leinwand – nicht allein, sondern vor Publikum.

Auf der anderen Seite ist da eine Unsicherheit, die mich nicht loslässt.

Ich gehe die Gespräche und Interviews noch einmal im Kopf durch und frage mich, ob ich zu allem, was ich damals gesagt habe, heute noch genauso stehen würde – und ob es dem aktuellen Stand entspricht. Eine meiner größten Sorgen: dass ich an der einen oder anderen Stelle Dinge gesagt habe, die innerhalb der betroffenen Community auf Widerstand stoßen. Kritik aus den eigenen Reihen wiegt schwerer als jede von außen.

Dann ist da noch der persönliche Teil des Films – die Szenen, die Katrin unbedingt wollte. Die Tage im Wohnmobil, der Campingplatz Wehlingsheide. Sehr nah, sehr ungeschützt.Ich bin mir nicht sicher, wie sich das anfühlen wird, das gemeinsam mit einem Publikum zu sehen.

Fünf Jahre Zusammenarbeit

Fünf Jahre ist es her, dass Katrin mich zum ersten Mal kontaktierte. Aus einem Interview wurde ein großes Projekt – und eine intensive, vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Viele Vorgespräche, lange Spaziergänge, dann schließlich Dreharbeiten an ganz unterschiedlichen Orten – und immer wieder die Frage, wie sich dieses Thema angemessen erzählen lässt. Ich habe dabei nicht nur meine eigene Geschichte eingebracht, sondern auch meine Erfahrungen aus der Arbeit mit Betroffenen.

Über all die Zeit hinweg ist ein Arbeitsverhältnis entstanden, das von großer Offenheit und Vertrauen geprägt war. So sehr, dass selbst die beiläufigen Momente ihren Weg in den Film gefunden haben – etwa Spaziergänge mit meiner Dackeldame Elfie.

Ankommen bei der Premiere

Vor dem Kino habe ich mich mit einigen Betroffenen getroffen. Und dann wurde es doch ein bisschen aufregend.

Es gab einen kleinen roten Teppich, ein Fotoshooting draußen, und das komplette Filmteam war da.

Es war ein großes Hallo, ein herzliches Wiedersehen. Viele von denen, die in den letzten Monaten an der Fertigstellung gearbeitet haben, kannten mich bereits aus dem Material – und begrüßten mich entsprechend vertraut.

Auch mit denen, die ich von den Dreharbeiten kannte, war sofort wieder diese Nähe da.

Großes Wiedersehen mit dem Filmteam / ©TONDOWSKI FILM
Interview Detlef - Ausschnitt aus Schwarze Häuser / ©TONDOWSKI FILM

Der Moment auf der Leinwand

Ich war überrascht, als der Film auf der Leinwand lief, wie sehr er mich emotional getroffen hat.

Vor allem in den Momenten, in denen ich selbst sehr persönliche und belastende Inhalte teile – Dinge, die mich schon in der Interviewsituation an meine Grenzen gebracht haben.

Das wiederzusehen, gemeinsam mit einem Publikum, war noch einmal etwas anderes. In manchen Szenen hat es mich erneut mitgenommen.

Besonders deutlich wird das in einer Szene im Wohnmobil. Dort erzähle ich von einem Telefonat mit einem älteren Betroffenen, der mir sehr persönliche Dinge anvertraut hat – Dinge, die er nach eigener Aussage nicht einmal mit seiner Familie geteilt hatte. Allein darüber zu sprechen, geht mir nahe. Und es im Film zu sehen, noch mehr.

In diesem Moment schaue ich nur auf den Boden.

Resonanz und Austausch

Die Resonanz im Publikum im Anschluss war überwältigend.

Nach dem Film gab es langen, anhaltenden Applaus. Katrin Sikora und ihr Team wurden auf der Bühne gefeiert. Der Film ist für den Hauptpreis des Filmfestivals nominiert, die Jury war im Raum.

Kinderbuchautor Sabine Ludwig mit AKV-Vorsitzenden Detlef Lichtrauter / ©TONDOWSKI FILM

Ein Abend der Anerkennung

Im Anschluss ging es zu einem Austausch auf die Empore. Der Raum war überfüllt, alle Plätze besetzt, viele standen oder saßen auf dem Boden. Die Resonanz war durchweg positiv – und sehr konkret. Es wurde nachgefragt, diskutiert und hinterfragt: zur Idee des Films, zu einzelnen Szenen und zur Umsetzung.

Auch wir, die im Film zu sehen sind, wurden einbezogen. Neben mir sitzt die Kinderbuchautorin Sabine Ludwig. Sie wurde selbst zweimal verschickt und hat darüber den Roman Schwarze Häuser geschrieben, nach dessen Titel der Film benannt ist.

Ich habe die Gelegenheit genutzt, meine Sicht auf den Film zu schildern – als ein Projekt, das verschiedene Ebenen zusammenbringt: persönliche Geschichten, historische Einordnung und eine künstlerische Form, die das Thema weiterträgt.

Am Ende blieb vor allem eines: große Anerkennung.

Zum Film

SCHWARZE HÄUSER von Regisseurin Katrin Sikora wird in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma TONDOWSKI FILM realisiert und von ZDF KLEINES FERNSEHSPIEL gefördert.
Der 90-minütige Dokumentarfilm stellt ausgehend von den Geschehnissen während der so genannten Kinderverschickungen zwischen 1950 und 1990 die Frage, wo heute noch vergleichbare Strukturen den Nährboden für gewaltsamen Umgang mit Kindern bieten.

Die Länge und das Budget des Projektes lassen es erstmals zu, tiefer in die Thematik einzusteigen und sich auch mit den Zusammenhängen und Auswirkungen in unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen.
Es finden zahlreiche Stimmen ehemaliger Verschickungskinder Gehör. Ihre teils anonymen Schilderungen bebildern, wie viele Kinder über so viele Jahre, in ganz Deutschland, unter dem System Verschickung leiden mussten.

Filmausschnitt Schwarze Häuser / ©TONDOWSKI FILM

 

Außerdem begleitet der Film das Jugendensemble des Deutschen Theaters bei der Realisierung eines Theaterstück zum Thema Verschickung. Die jugendlichen Theaterakteur*innen erhalten ihrerseits Unterstützung von ehemaligen Verschickungskindern, die ihnen als Zeitzeug*innen zur Seite stehen.
Die Mutter der Regisseurin ist selbst Verschickungskind, weshalb sie mit diesem sehr persönlichen Projekt auch die eigene Familiengeschichte verarbeitet.

Redaktion: Michaela Stricker

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