Das dunkle Zimmer

Alexander (re.) neben seiner Schwester, 1965 im Seehospiz Kaiserin Friedrich auf Norderney
Alexander (li.) neben seiner Schwester Christiane, 1965 im Seehospiz Kaiserin Friedrich auf Norderney

Der Essay „Das dunkle Zimmer“ von Alexander Kupfer setzt sich mit den langfristigen Folgen von Kindheitserfahrungen als Verschickungskind auseinander. Der Text zeigt, wie Erinnerung funktioniert, warum sie oft bruchstückhaft bleibt und weshalb frühe Erfahrungen von Machtlosigkeit und Anpassungsdruck auch Jahrzehnte später nachwirken können.

Meine Erfahrungen als Verschickungskind in den Sechziger und Siebziger Jahren

Essay von Alexander Kupfer

Manchmal blitzt in meinen Gedanken ein Bild auf: Ich bin am Meer, und da ist ein wunderschöner Stein im Sand, aber ich kann ihn nicht aufheben, denn wir marschieren zügig und man darf nicht stehenbleiben, sonst gibt es Ärger. Auch andere Bilder tauchen ohne ersichtlichen Grund plötzlich auf, aber keins kommt so oft wie dieses. Wenn es kommt, versuche ich inzwischen, es zu ignorieren. Denn wenn ich hinsehe, das weiß ich, zieht sich im nächsten Moment meine Brust zusammen, und von einem Augenblick zum nächsten erfüllt mich eine lähmende Traurigkeit, die keinen Vertrag damit hat, dass ich gerade eben noch fröhlich war oder im Begriff, etwas Wichtiges zu tun.

Es ist lange her, dass ich als Kind in mehreren Kurheimen war, so wie Millionen anderer sogenannter „Verschickungskinder“. Viele von ihnen waren in diesen Heimen, die ihnen eigentlich guttun sollten, einer breiten Palette von Demütigungen und Misshandlungen bis hin zum sexuellen Missbrauch ausgesetzt. Die jüngsten Kinder waren erst zwei Jahre alt, die älteren schon in der Pubertät. Erst vor wenigen Jahren wurde durch einige mutige Initiativen das öffentliche Schweigen gebrochen, seither gibt es zahlreiche Angebote zur Aufarbeitung des begangenen Unrechts.

Auch bei mir haben diese Kuraufenthalte Spuren hinterlassen. Dabei habe ich nicht den Eindruck, durch die Erfahrungen traumatisiert zu sein, denn ich bin nie schreiend aus dem Schlaf erwacht. Aber vielleicht kann Traumatisierung auch etwas anderes sein, weniger dramatisch, aber trotzdem wirksam, etwa so wie ein schleichendes Gift, das Empfindlichkeiten, Launen, Verhaltensweisen und Abneigungen erzeugt, die ich sonst vielleicht gar nicht hätte? Bin ich so, wie ich bin, weil ich in diesen Heimen war? Wäre ich ohne die Heime heute ein anderer Mensch?

Als Kind und Heranwachsender entwickelte ich die Gewohnheit, einen inneren Blick über die Schulter zu werfen, wie jemand, der auf der Flucht ist und ständig aufpassen muss, nicht erkannt zu werden. Nennen wir es Wachsamkeit. Wo das herkommt, weiß ich genau: Es ist ein Verhalten, das während meiner Aufenthalte in verschiedenen Kinderkurheimen entstand, wo es jeden Tag nötig erschien, die Risiken abzuschätzen und bloß nicht aufzufallen. Positiv formuliert: Ich bekam ein Gespür für meine Umgebung, eine sehr feine Antenne für Stimmungen. Doch es ist nicht erfreulich, wenn dieses Radar nie Pause macht. Es ist anstrengend, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere. Zum Glück gelang es mir später, diese Gewohnheit einzudämmen und das nötige Vertrauen aufzubringen, um auch einmal loszulassen, aber ein unbelehrbarer Teil von mir ist immer noch im Verfolgungsmodus.

Meine Erfahrung in den Heimen ist mit einem Wort zu beschreiben: bedrückend. Diese Bedrückung ist aber gar nicht in erster Linie durch die konkreten Dinge begründet, die dort geschahen (Entwürdigungen, Schläge, Einschüchterungen usw.), die geben ihr nur ein Gesicht. Die Bedrückung selbst ist etwas Unsichtbares, sie strahlt schon fühlbar von den Mauern ab, sie liegt in der Luft, sie drückt jeder Lebensfreude die Gurgel zu. Ich bin gerade erst angekommen und weiß sofort, dass ich an keinen guten Ort geraten bin, noch bevor irgendetwas passiert ist, das braucht mir niemand zu erklären. Ich bin verlassen, niemand wird mir helfen. Ich senke den Kopf, blicke auf meine Schuhe und hoffe, dass man mich nicht sieht.

Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass es eine Initiative gibt, die sich um die Aufarbeitung der Geschichte der Verschickungskinder bemüht, war ich überrascht. Ich hatte nie daran gedacht, dass auch andere solche Erfahrungen gemacht haben wie ich – dabei liegt es auf der Hand, denn ich war in den Kinderkuren ja nicht allein. 

Nach der Internet-Lektüre einiger Erfahrungsberichte stand für mich fest, dass ich mich an diesem Austausch unbedingt beteiligen müsste. Ich fing also an, meine Erinnerungen zusammenzutragen.

Der innere Zensor

Doch ich merkte schnell, dass etwas in mir sich dagegen sträubte. Eine innere Stimme sagte: „Mach dich nicht unglücklich“ und meinte, ich sei besser dran, diese Dinge von damals nicht wieder aufzuwühlen. Eine andere Stimme war vorwurfsvoll und sagte: „Spiel dich nicht so auf“. Sie meinte, so schlimm seien meine Erfahrungen doch gar nicht gewesen, auf jeden Fall nicht berichtenswert, und vielleicht sei ich an dem einen oder anderen schlechten Erlebnis ja auch irgendwie selbst schuld gewesen. Ich nenne diese Stimmen den „inneren Zensor“.

Schon bald wurde mir klar, dass es nicht nur darum geht, die erinnerten Gefühle und Erlebnisse aufzuschreiben, sondern auch um das Erinnern selbst. Die Erinnerung ist nämlich kein Fließband, das auf Knopfdruck das Nötige liefert. Oft will sie betrügen oder verweigert den Dienst und man muss ihr die Wahrheit mit Beharrlichkeit entreißen. Sich zu erinnern, ist nichts für Leute, die nur auf dem Sofa sitzen wollen, es kann mühsam sein, und manchmal muss man dafür in einen Ring steigen und gegen sich selbst kämpfen.

Ich gehe davon aus, dass es Betroffene gibt, die sich bisher nicht getraut haben, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Vielleicht, weil ihr innerer Zensor sie einschüchtert und sie Sorge haben, sich damit unglücklich oder zum Affen zu machen. Darum möchte ich hier nicht nur berichten, wie es mir in meinen Kinderkuren erging, sondern auch auf die Schwierigkeiten eingehen, die zu überwinden waren, um diese Erinnerungen tatsächlich aufzuschreiben. Mein persönliches Fazit: Wer sich nicht erinnern und davon berichten möchte, ist deswegen kein Weichei und muss sich bei niemand dafür entschuldigen. Wer sich aber erinnern und davon berichten will, soll sich durch den inneren Zensor nicht beirren lassen und muss sich ebenfalls bei niemand entschuldigen.

Die täglichen Nachrichten vermitteln einen Eindruck von dem, was wirklich schlimm ist. Schlimm ist, was die Hamas in Israel anrichtete und was Israel im Gazastreifen anrichtet. Schlimm ist das Schicksal der Flüchtlinge, die vor den Urlaubsküsten des Mittelmeeres ertrinken, die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan, Tod und Verwüstung in der Ukraine, aber auch das Elend der als Kanonenfutter missbrauchten russischen Jugend. Es geschieht so viel in der Welt, was wirklich schlimm ist. Und da kommst du aus Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, wo das Wasser aus der Leitung und der Strom aus der Steckdose kommt und beschwerst dich allen Ernstes über irgendwelche Grobheiten, die man dir vor langer Zeit antat, als du noch ein Kind warst? Hat man dir das Dach über dem Kopf angezündet? Nein? Hat man dir den abgeschnittenen Kopf eines Verwandten auf die Türschwelle gelegt? Auch nicht? Dann sei doch froh und erzähle uns nicht, dich hätte ein Floh gebissen.

Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mich damit befasste, meine Erinnerungen an die Kinderkuren aufzuschreiben. Ich war dienstlich in Afghanistan und habe gesehen, wie ein Mädchen, das einmal auf eine Mine getreten war, einbeinig und auf Krücken fröhlich mit anderen Kindern spielte. Ich war auf einem armseligen Bazar, wo die Armen den noch Ärmeren Almosen gaben. Der Anblick hat mich beschämt, und ich habe mich, als ich zurück in Deutschland war, mindestens eine Woche lang nicht mehr über die Penner beschwert, die nicht checken, dass die Ampel schon vor vier Sekunden auf Grün gesprungen ist. Kein Wunder, dass ich mich auch jetzt wieder schämte. Ich dachte: „Spiel dich nicht so auf, du hast ja keine Ahnung, was Leid ist.“

Das ist der innere Zensor. Es stimmt ja: viele Menschen auf der Welt haben weitaus Schlimmeres erlebt als ich; sie würden sich wünschen, mit mir tauschen zu können. Aber muss man erst ein Bein verloren haben, bevor man moralisch berechtigt ist, sein Leid geltend zu machen? Die Antwort ist: Nein. Denn das größere Leid anderer Menschen nimmt mir meine eigene Last nicht von den Schultern. Der innere Zensor mag recht haben, wenn er dazu mahnt, unsere Schmerzen im Verhältnis zu sehen, aber er hat unrecht, wenn er meint, es stehe uns nicht zu, dass wir unter unseren geringeren Übeln trotzdem leiden. Uns deswegen den Mund zu verbieten, kommt erst recht nicht in Frage. Man soll sich von ihm bloß nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern ihm die Stirn bieten.

Ich habe in Internet-Foren Berichte ehemaliger Verschickungskinder gelesen, die von sexuellem Missbrauch, von sadistischer Quälerei oder von infamer Erniedrigung handeln, die ihnen im weiteren Verlauf das Lebensglück nahmen, das sie sonst hätten haben können. Das ist schrecklich, und wahrscheinlich waren diese Ereignisse schon zu der Zeit, als sie geschahen, kriminell und strafbar (wenn sie denn verfolgt worden wären). Solche Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Zum Glück. Hier meldet sich wieder der innere Zensor: „Genau“, sagt er. „Du hast nichts dergleichen erleiden müssen. Also erspare uns dein Gewinsel über irgendwelche Kleinigkeiten, mit denen du aus unerfindlichen Gründen nicht klarkommst.“ Ich muss gestehen, dass ich an dieser Stelle bereit war, auf eine Aufzeichnung meiner Erfahrungen mit den Kinderkuren zu verzichten. Fast hätte der innere Zensor sich durchgesetzt.

Aber dann habe ich noch einmal darüber nachgedacht. Warum ist es wichtig, diese Initiative mit meinem eigenen Erfahrungsbericht zu unterstützen? Weil dieser Bericht eins von den Sandkörnern sein kann, aus denen eine Düne entsteht, die weithin sichtbar ist. Die Praxis der Kinderverschickung war mit Unrecht verbunden, und es ist höchste Zeit, darauf hinzuweisen, um den Betroffenen wenigstens eine späte Genugtuung zu verschaffen (auch wenn die Verantwortlichen von damals inzwischen verstorben sind und nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können) und um nach Möglichkeit dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Nicht die Klappe zu halten, auch wenn es wenig sein mag, was ich beitragen kann, ist für mich eine Verantwortung. Dieser Gedanke überzeugte mich, meine fast schon abgebrochene Aufzeichnung fortzuführen.

Ein weiteres Argument des inneren Zensors ist, dass man am Erlittenen auf irgendeine Weise selbst schuld gewesen sei. Ein Klassiker der Schuld-Umkehrung: Eine Frau wird vergewaltigt, aber schuld daran ist ihr Minirock, mithin sie selbst, denn sie hätte ihn ja nun wirklich nicht tragen müssen. Vielleicht war ich, was man damals ein „schwieriges Kind“ nannte. Unangepasst, aufmüpfig, von Ideen und einem Freiheitsdrang erfüllt, die in jener Zeit unangemessen erschienen. Ich weiß es nicht, aber ich gebe zu bedenken, dass ich erst fünf Jahre alt war. War ich ein Anarchist in kurzen Lederhosen? Ein Sicherheitsrisiko?

Bis in die späten 80er waren die Theorien der überzeugten Nationalsozialistin Johanna Haarer, die heute als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet werden, noch gang und gäbe, erst recht in den Kinderkurheimen, von denen zumindest einige noch recht lange nach Kriegsende von früheren Angehörigen der SS geleitet wurden. Demnach waren theoretisch alle Kinder Anarchisten, deren unheilvoller Drang zum Chaos durch eine unnachsichtige Erziehung gebrochen werden müsse, damit aus ihnen nützliche Mitglieder einer funktionierenden Volksgemeinschaft würden. Wer es an der nötigen Härte gegenüber Kindern fehlen ließ, so die Überzeugung, zog Probleme auf zwei Beinen groß.

„Schuld“ ist ein schreckliches Wort, vor allem für Kinder, und in den Kurheimen wurde es wie eine Waffe gebraucht. Diese Waffe funktioniert durch das perfide Verfahren der Schuld-Umkehrung: Den Opfern einer Grenzüberschreitung wird eingeredet, dass sie erlebtes Unrecht still für sich behalten müssten und sich nicht widersetzen dürften, weil sie sonst die vermeintliche Ordnung gefährden und großen Schaden anrichten würden. Wie viele Missbrauchsopfer, die sich trauten, zu reden, haben genau diese Erfahrung gemacht: Anstatt ihnen zu helfen, reagierten die zuständigen Autoritäten – Eltern, Erzieher, Internate, Kirchen usw. – mit Vorwürfen, Drohungen und Einschüchterung, sogar mit Bestrafung. Ein erwachsener Mensch mag manchmal in der Lage sein, die Niedertracht dieses Systems zu durchschauen – auch wenn solche Einsicht oft nicht dazu verhilft, sich gegenüber den Peinigern zu erwehren oder ihnen gar das Handwerk zu legen. Kinder können das nicht. Aus ihrer Perspektive sind die Erwachsenen, denen sie anvertraut sind, diejenigen, die Bescheid wissen, alles können und immer Recht haben, weil sie ja schon groß sind. Außerdem sind sie diejenigen, denen man aus genau diesem Grund gehorchen muss. Wenn sie dir sagen, dass du dies und das tun sollst, dann dürfen die das, und du musst das dann tun. Wenn sie etwas mit dir machen, was weh tut oder dazu führt, dass du ganz traurig wirst, dann dürfen die das auch. Und wenn sie dir sagen, du darfst niemandem davon erzählen, sonst ist deinetwegen alles ganz schlimm, dann darfst du nichts davon sagen.

Wahrscheinlich füllt sich in jedem Kind über die Zeit eine Blase mit Ungesagtem. Sie ist da, aber niemand nimmt sie zur Kenntnis, höchstens später vielleicht mal ein Psychiater, aber dann sind die Ungerechten und die geilen Onkels und die brutalen Tanten von damals wahrscheinlich schon lange tot. Dass man an dem, womit man ein Leben lang hadert, irgendwie selbst schuld gewesen sei, ist ein Lieblingsargument des inneren Zensors. Oft merken wir nicht einmal, dass es nur ein Argument ist, sondern nehmen es für bare Münze und glauben, dass wir damals wohl ein „schwieriges“ Kind gewesen sein müssen. Doch auch hier gilt es, sich nicht täuschen zu lassen: Es gibt keine unheilvolle Genetik, die Kinder dazu verdammt, von Geburt an schwierig zu sein. Allenfalls gibt es schwierige Lebensumstände, die ein Kind sich nicht aussucht, aber trotzdem prägende Wirkung haben; dann habe ich, weil meine Umwelt es dringend nahelegt, vielleicht schon als Achtjähriger einen Schlagring und ein Springmesser in der Tasche. Da ich selbst lange geglaubt habe, dass die bedrückenden Erfahrungen in den Kinderkuren letztlich von mir selbst verschuldet wären, weil ich ein geborener Querulant und grundsätzlich nicht liebenswert sei, gab es keinen Anlass, mich zu beschweren. Ich hielt mich selbst für das Problem.

Heute erscheint es undenkbar, dass Lehr- oder Betreuungspersonal ein Kind schlägt. Gewalt gegen Kinder ist gesellschaftlich unakzeptabel und außerdem inzwischen strafrechtlich verboten. Aber das ist noch nicht lange so. Aus heutiger Sicht endete die Steinzeit in der Bundesrepublik erst in den 1990er Jahren, das ist kaum dreißig Jahre her: Bis 1973 war jede Form von Homosexualität ein Verbrechen, das mit Gefängnisstrafen geahndet wurde, das diskriminierende Gesetz wurde indessen erst 1994 vollständig aus dem BGB gestrichen. Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 kein Straftatbestand, ebenso wenig wie das Schlagen von Kindern, das an den Schulen erst 1998 gesetzlich verboten wurde. Ein gesetzliches Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben Kinder aber erst seit 2001. In der Zeit davor herrschte ein anderes Klima. Leitsätze der Erziehung, die auch ich in meiner Kindheit kannte (obwohl es bei uns zuhause so gut wie keine Prügel gab), waren „Wer nicht hören will, muss fühlen“, „Ein Klaps zur rechten Zeit hat noch niemandem geschadet“ oder die entschuldigende Rede von der „ausgerutschten Hand“. Dazu kamen Bestrafungen wie Hausarrest, in der Ecke stehen oder ohne Essen ins Bett. Anderswo, aber nicht bei uns, gab es die Tracht Prügel, „dass du drei Tage nicht mehr sitzen kannst“, den Gürtel, den Stock oder die Rute. Kurz: Gewalt gegen Kinder war vielfach noch ein pädagogisches Prinzip nach dem Motto „Wen ich liebe, den züchtige ich“.

Hatten wir also bloß das Missgeschick, in eine Zeit geboren zu werden, in der man mit Kindern anders umging als man es heute empfiehlt? Ist das, was uns belastet, dann sozusagen gar nicht so schlimm, weil es dem entspricht, was damals normal war?

Auch das ist der innere Zensor. Diesmal will er uns einreden, dass wir in einer damaligen Normalität nicht „normal“ gewesen seien, weil wir mit den Schlägen, Grobheiten oder dem Fehlen von Anerkennung und Zuwendung entgegen den damaligen Gepflogenheiten nicht einverstanden waren. „Anderen Kindern hat das doch auch nicht geschadet, aber du musst aus allem ein Drama machen.“ Aus solchem Nährboden wachsen Pflänzchen wie ich, Personen, die widersprechen, sich nicht einfügen und alles unnötig kompliziert machen. „Früher hätte man dir schon beigebracht, wo der Hase langläuft, da hätte man so etwas unterbunden, aber ganz schnell.“ Diese Zitate sind nicht, was meine Eltern oder andere Erwachsene mir damals sagten, sondern was mein innerer Zensor mir sagte, mithin: ich selbst. Lehnte ich mich also nur gegen mich selbst auf? War mein Problem nichts anderes, wie wenn einer in den Spiegel blickt und seine Nase nicht schön findet? Nein, denn der innere Zensor ist kein Organ, das immer schon da ist wie die Niere oder die Milz. Er ist eine Instanz, die sich aus der Summe unserer Erfahrungen herausbildet, das heißt, er kommt von draußen, nistet sich bei uns ein und setzt sich aus allem möglichen zusammen, was wir gehört, gesehen, gefühlt oder vielleicht auch missverstanden haben. Kurz gesagt: Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, den Werten der Zeit vor fünfzig Jahren nicht entsprochen zu haben. Tatsache ist: Wir wurden verletzt, der Schmerz hat uns immer begleitet und ist auch heute noch da. Es hilft nicht, belehrt zu werden, dass ein erlittenes Leid damals, als es uns traf, „normal“ war.

Ein weiterer Aspekt des Zensors hängt damit zusammen, dass jeder von uns geliebt und anerkannt sein möchte. Wir wollen dazu gehören, strahlen und angestrahlt werden. Wir wollen Gewinner sein, Champions; die Welt soll bemerken, dass es uns gibt. Auf keinen Fall wollen wir dieses Kind ohne Multi-Sanostol sein, das müde, deprimiert und einsam das Schulgebäude verlässt, nachdem die anderen Kinder johlend schon auf und davon sind.

Von dem perfiden Prinzip der Schuld-Umkehr war schon die Rede. Es bewirkt, dass nicht der Täter, sondern das Opfer in einem schlechten Licht erscheint. Opfer sind Verlierer, niemand will ein Opfer sein. Man mag Opfer nicht, weil sie der Gesellschaft ein schlechtes Gewissen machen und weil sie die Vorstellung vom Guten und Schönen stören. Im Extremfall stiftet man ihnen eine Plakette, manche bekommen vielleicht sogar das Bundesverdienstkreuz, aber dann soll es auch gut sein. Wenn sie trotzdem noch nachts im Schlaf schreien, dann bitte irgendwo, wo die Wände nicht so dünn sind. Opfer haben in unserer Spaßgesellschaft keinen Platz, sie stören. „Du Opfer“ ist auf unseren Schulhöfen ein geläufiges Schimpfwort. Auch ich möchte kein Opfer sein, doch wie geht das? Wie kommt man aus dieser Rolle wieder heraus?

Die Antwort ist einfach, der Weg mühsam: Um kein Opfer zu sein, muss man sich von der Passivität des Erlittenen verabschieden, aus dem eigenen Leid ein scharfes Schwert schmieden und sich trauen, die Stimme zu erheben. Sich nicht mit einer Rolle am Rand begnügen, sondern in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen. Die mutigen Beiträge, die ehemalige Verschickungskinder im Internet und anderen Medien veröffentlichten, sind ein Beispiel dafür. Nicht bloß, um Täter zur Strecke zu bringen, was oft gar nicht mehr geht, weil diese längst friedlich entschlafen sind, sondern vor allem, um zu zeigen: Wir sind noch da, obwohl uns etwas angetan wurde, das uns hätte zerstören können, aber wir waren stärker als dieses Unrecht, und wer heute leidet, soll sich getrost an uns anlehnen, denn wir wissen, wie das ist.

Ich bin aber immer noch nicht fertig mit dem, was ich den inneren Zensor nenne. Denn da gibt es noch etwas, und es ist das, was mich am meisten beschäftigt: Ein dunkler Fleck, wie ein Zimmer mit halboffener Tür, in das ich nicht hineintreten mag, eine Quelle des Unbehagens, die ich seit meiner Kindheit kenne und die in mir manchmal wie aus heiterem Himmel eine große Verzweiflung aufsteigen lässt, die ich nicht erklären kann. Ich bin mir sicher, dass dieses Unbehagen aus den Kinderkuren stammt, aber ich habe keinen Schimmer, ob es einfach nur die kindliche Schockerfahrung spiegelt, zum ersten Mal nicht liebevoll behandelt zu werden oder ob sich etwas Handfesteres ereignet hat, das ein Selbstschutzmechanismus bis heute beharrlich ausblendet. Ich vermute das Letztere: dass etwas geschah, was nicht hätte geschehen dürfen. Kammer des Schreckens. Der Zensor ist jetzt ganz auf meiner Seite. Er sagt mir: „Du musst da nicht reingehen, wenn du nicht magst.“ Er sagt: „Quäl dich nicht, lass es gut sein.“

Meine Verschickungs-Erfahrungen

Fünfmal war ich in einer sogenannten Kinderkur, das erste Mal mit fünf, das letzte Mal mit dreizehn Jahren. Es ist nicht viel, woran ich mich heute noch erinnern kann, und trotzdem haben mich diese fern von zuhause verbrachten Zeiten immer wie ein Schatten begleitet. Auch heute noch.

Mein erster Aufenthalt in einem Kinderkurheim war 1965, es war das Seehospiz „Kaiserin Friedrich“ auf Norderney. 1966 folgte ein Aufenthalt in Dr. Schedes Kindersanatorium in Ühlingen (Schwarzwald), 1967 erneut das Seehospiz. 1968 brachte mich meine Familie zu einem Ehepaar in dem belgischen Küstenort Knokke, weil wir damals in Belgien wohnten. Ich wusste nicht, was das für Leute waren, wir konnten uns kaum verständigen, und ich war entsetzt, als die Familie ohne mich wieder nach Hause fuhr. 1973 war ich im Kinderkurheim „Goldene Schlüssel“ in St. Peter Ording.

Was bleibt

Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, um diese wenigen Erinnerungen zusammenzutragen und aufzuschreiben. Immer wieder blieb das Vorhaben liegen, bestimmt ein Dutzendmal verwarf ich es, ignorierte es mehrfach wochenlang, um es dann doch wieder aufzunehmen, manchmal wie besessen bis in den Morgen schreibend, wütend, gehetzt, später müde und unkonzentriert im Büro, am Abend das in der vorigen Nacht Geschriebene lesend, kopfschüttelnd, es aus tiefstem Grund verachtend. Aber nun habe ich mich entschlossen, diese Sache zu Ende zu bringen und den Text in eine lesbare Form zu bringen. Die Mühe, die ich hatte, zeigt mir, wie sehr die Erfahrungen meiner Kindheit mich auch heute noch aufwühlen, und ich weiß, dass das nie anders sein wird; sie sind untrennbar mit mir verwoben. Das dunkle Zimmer bleibt, was es seit sechzig Jahren ist; die Tür ist nur angelehnt, aber ich werde nicht hineingehen.

Hat sich die Mühe also gelohnt? Ich glaube schon, denn es wird mindestens deutlich, dass ein scheinbar so kurzer Zeitraum wie einige Wochen im Kinderkurheim viel mehr anrichten kann als man sich vorstellen mag, und zwar auch dann, wenn die Erinnerung keine haarsträubenden Details erlittener Misshandlung enthält. Für mich sind diese Wochen eigentlich nie zu Ende gegangen, weil ihre Wirkung immer noch anhält. Diese Wirkung hat ihre Wurzeln in der Erschütterung des kindlichen Vertrauens, geschätzt und geborgen zu sein. Manche werden dem vielleicht entgegenhalten, dass solche Krisen zu dem gehören, was man Lebenserfahrung nennt, unvermeidlich und nötig. Aber darum geht es nicht. Natürlich gehört die Erfahrung von Schlechtem und Schmerz zum Leben dazu, und keine Kindheit ist ein Rosengarten, so behütet sie auch sein mag. Aber der pädagogische Faschismus meiner Kinderkuren, so viel ist klar, hat mit seiner Freud- und Lieblosigkeit etwas zerstört, das ich gern im Gepäck meines Lebensweges behalten hätte. Etwas Gutes, Wertvolles, Schönes, schimmernd wie ein Bernstein mit dem Abdruck eines Seeigels. Es wäre mir eine Freude gewesen, dieses Etwas mit anderen zu teilen, meiner Frau, meinen Kindern, den Eltern, Freunden und Kollegen. Doch das soll nicht mein Schlusswort sein; ich möchte diesen Artikel positiv beenden.

Als ich zum ersten Mal nach Norderney kam, war ich ein Vorschulkind, einen Kindergarten hatte ich nicht besucht. Das Seehospiz war meine erste Erfahrung, in der die Familie durch eine andere Art des Zusammenlebens ersetzt wurde, und ich kam von dort mit einem Ohnmachtsgefühl nach Hause, das ich vorher nicht gekannt hatte, gedemütigt und überzeugt, nicht liebenswert zu sein. Natürlich kann man mit so einer Einschätzung nicht leben, man muss ihr etwas entgegensetzen, um in der Lage zu sein, noch fröhlich an einer Blume zu riechen. Ich reagierte darauf mit einem starken Geltungsbedürfnis, das manchmal belohnt und zehnmal so oft frustriert wurde, aber vor allem mit einem ausgeprägten Hang zu Kreativem, zur künstlerischen Freiheit und zum Humor. Ich schreibe, male und zeichne Cartoons, die andere Leute zum Lachen bringen. Anders gesagt: Ich habe meinen Weg aus der Misere gefunden. Es ist kein schlechter Weg. Die Gespenster von damals sind zwar nicht ganz verschwunden, aber sie beherrschen mich nicht. Ich bin kein Opfer. Wenn ich heute unterwegs bin und einen schönen Stein am Boden sehe, bleibe ich stehen, erfreue mich an seinem Anblick, und niemand soll mir das jemals wieder verbieten können. Manchmal hebe ich ihn sogar auf und nehme ihn mit, ich bin so frei.

Und damit möchte ich den Blick nach vorn richten, so wie die Initiativen zur Aufarbeitung der Kinderverschickung ihre Rückblicke unternehmen, um die Perspektiven in die Zukunft zu verbessern. Denn wenn das Geschehene auch nicht mehr ungeschehen zu machen ist, so kann man aus seiner Kenntnis doch die Schlüsse ziehen, die nötig sind, damit so etwas nicht wieder geschieht. Das ist nicht selbstlos, wie mir erst vor kurzem klar wurde, als ich ein Interview mit einem früheren Verschickungskind zur Kenntnis nahm:  Die Person wurde gefragt, warum sie sich in ihrem fortgeschrittenen Alter überhaupt noch mit diesen Dingen aus der Kindheit befasse, nachdem sie es ein halbes Leben lang nicht getan habe. Die Antwort traf mich wie ein Blattschuss: Es könnte sein, dass auf meine Altersgruppe in einiger Zeit der nächste Heimaufenthalt zukommen könnte. Nochmal ins Heim? Wieder in die Abhängigkeit von Leuten geraten, die hinter hohen Mauern mit mir machen können, was sie wollen? Meine erste Reaktion war: Dann lieber tot sein. Aber so geht es nicht. Wir müssen etwas tun, damit die Verhältnisse sich ändern. Dieser Artikel soll ein Beitrag dazu sein.

Zur Person

Alexander Kupfer, Jahrgang 1960, ist Autor von Sachbüchern und Literatur, freier Journalist und Künstler. Auf der Webseite https://www.mousographs.com/ präsentiert er Cartoons und Texte in deutscher und englischer Sprache, die Themen unseres Alltags humorvoll, aber auch nachdenklich aus der Perspektive von Mäusen aufs Korn nehmen. Er lebt in Bonn und ist im Hauptberuf als Experte für internationale Hochschulprojekte tätig

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