25826 St. Peter-Ording, 1977

Sexuelle Berühungen durch den Bruder der Heimleiterin

Von: J.G. Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: In aller Frühe brachten mich meine Eltern von der Eifel zum etwa 100 Kilometer entfernten Bonner Hauptbahnhof. Der Abschied durfte nicht zu traurig ausfallen. Ich solle mich nicht so anstellen, hieß es.
Immerhin sei es etwas ganz Besonderes, dass ich verreisen dürfe.
Wohin ich fuhr und was mich dort erwartete, wusste ich nicht. Ich war 10 oder 11 Jahre alt. Allein dieser Gedanke erscheint mir heute grausam.
Es ging nach St. Peter-Ording.
Meine Eltern fuhren während dieser Zeit in den Urlaub. Als Kind konnte ich mir das nicht vorstellen.
Damals konnte ich das nicht begreifen. Ich verstand nicht, warum ich allein fortgeschickt wurde, während meine Eltern gemeinsam in den Urlaub fuhren. Dieses Gefühl des Zurückgelassenwerdens ohne jede Erklärung ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Natürlich waren die Zugfahrt und die Ankunft aufregend. Doch schon von Beginn an wurden sie von Strenge und Kontrolle bestimmt.
Bereits beim Umsteigen und auf dem Weg zum Heim mussten wir – wie von
diesem Zeitpunkt an immer – in Zweierreihen marschieren.

Beim Essen durfte man nicht reden.
Das Essen war ohnehin grauenhaft. Nichts schmeckte. Mittags gab es meist eine dünne Wassersuppe, in der vielleicht drei Möhrenstücke schwammen. Manchmal bekamen wir Brot dazu, manchmal etwas anderes, das ebenso wässrig und geschmacklos war. Nichts machte satt. Wir hatten ständig Hunger.

Ich erinnere mich daran, dass ich einmal bis in den späten Nachmittag allein im Speisesaal sitzen musste, weil ich diese Wassersuppe nicht essen wollte. Ich sagte, das sei keine Suppe. Ausgerechnet ich bekam immer größere Portionen als die anderen Kinder, weil ich zunehmen sollte.

Alles wurde überwacht. 
Mit den neu gewonnenen Freundinnen und Freunden durfte man nie unbeobachtet zusammen sein. Selbst wenn man glaubte, einen Moment für sich zu haben, stellte sich schnell heraus, dass man doch beobachtet worden war. Flüstern oder Kichern waren grundsätzlich verboten.
Wir durften nicht an unsere Kleidung. Der Schrank wurde ein, max. zwei Mal in der Woche kontrolliert geöffnet und Kleidung herausgegeben.
Im Schlafsaal durfte nichts Persönliches aufbewahrt werden.
Tagsüber war der Schlafsaal grundsätzlich tabu – selbst dann, wenn man dort etwas beim morgendlichen Anziehen vergessen hatte, das man dringend brauchte. Lagern durfte man dort nichts. Das Vergessene war dann eben weg, verräumt worden.

Briefe durften wir nur an einem Tag in der Woche schreiben. Sie durften nicht zugeklebt werden, weil sie kontrolliert wurden. Angeblich sollten darin „Fehler“ korrigiert werden.
Nach der ersten Briefschreibaktion erfuhren wir, was damit
tatsächlich gemeint war: Es wurde kontrolliert, ob ein Kind etwas über das Heim oder das Personal geschrieben hatte, das aus Sicht der Heimleitung „nicht stimmte“. Gemeint war jede Form von Kritik.
Schon beim ersten Mal wurde ein Kind herausgegriffen. Sein Brief wurde im Speisesaal vor allen Kindern vorgelesen. Anschließend wurde das Kind öffentlich beschimpft und zur Heimleiterin zitiert. Wir hörten Schreie und Weinen. Danach war das Kind mindestens einen Tag weggesperrt.
Leider schrieb dieses Kind später noch einmal etwas Kritisches.
Wieder wurde sein Brief öffentlich vorgelesen, wieder wurde es vor allen bloßgestellt und diesmal für drei Tage weggesperrt. Wieder hörte man Schreie und Weinen. Anschließend wurde es abgeholt und musste es nach Hause
fahren. Unter welchen Umständen das geschah, weiß ich nicht mehr.
Ein anderes Kind wurde ebenfalls von seinen Eltern abgeholt.

Immer wieder wurde uns als Strafe angedroht, dass unsere Eltern den gesamten Kuraufenthalt selbst bezahlen müssten, wenn wir vorzeitig nach Hause geschickt oder abgeholt werden müssten – etwa wegen Heimwehs, angeblichen Fehlverhaltens oder eines „falschen“ Briefes. Nicht die Krankenkasse, sondern unsere Eltern müssten dann die Kosten tragen.
Für uns Kinder war das eine große Belastung. Wir hatten Angst, unseren Eltern finanzielle Schwierigkeiten zu bereiten, und wagten deshalb oft nicht, etwas zu sagen.
Hilfe und Oder Trost haben wir nie erwartet. Wir hatten längst gelernt, dass wir zu funktionieren und zu gehorchen hatten.

„Onkel“ U., der Bruder der Heimleiterin, kam zu den Spiel- und Strandnachmittagen. Beim Spielen, aber besonders bei den Spielen am und im Wasser, rutschten ihm ständig die Hände aus und fassten zufällig dorthin, wo es für uns Mädchen am unangenehmsten war, in die Bikinihose, in das Bikinioberteil, in den Hosenschritt, an die kleinen Brüste, die unter dem T-Shirt sichtbar und fühlbar waren… Wir empfanden diese Berührungen nicht als zufällig.
Seine Schwester hat das gesehen und ekelhaft lächelnd gebilligt. Es war widerlich.
Der ganze Typ war für uns ekelhaft, einer, den Kinder, besonders Mädchen in dem Alter, als unangenehm empfinden, ein „schmieriger“ Typ.
Wir Mädchen haben heimlich darüber geredet und wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Uns war klar, dass das, was geschah, nicht in Ordnung war. Gleichzeitig wussten wir nicht, wie wir uns dagegen wehren sollten.
Wir hatten erlebt, dass Beschwerden bestraft wurden. Deshalb schwiegen wir.
Überhaupt herrschte in diesem Heim ein Klima der Angst. Wer einen vermeintlichen Fehler machte oder als ungehorsam galt, wurde angeschrien, vor allen anderen im Speisesaal gedemütigt und bestraft.

Als ich wieder zu Hause war, glaubte mir niemand.
Man sagte mir, das könne nicht sein. Dann hätten sich doch längst andere Kinder beschwert. Meine Eltern könnten doch nicht die Ersten sein, die dort nachfragen würden. Das sei alles Unsinn. 
Außerdem kenne man ja meine „blühende Fantasie“. Ich sei ohnehin nie besonders brav gewesen, sondern eher kritisch und aufmüpfig. Da könne eine Bestrafung auch nicht geschadet haben und sei wohl berechtigt gewesen.
Auch meine Berichte über die Übergriffe durch „Onkel U.,“ wurden nicht ernst genommen. Stattdessen wurde angedeutet, ich hätte ihn wahrscheinlich gereizt oder mich entsprechend verhalten. Mit 10 oder 11 Jahren!

Und wenn alles wirklich so schlimm gewesen wäre, hätte ich ja darüber schreiben können. Meine Briefe seien schließlich immer positiv gewesen.
Überhaupt habe ich immer vergessen, den Rest der Familie zu grüßen.
Das sei meinen Eltern sehr unangenehm gewesen.
Die Kontrolle der Briefe und Karten haben meine Eltern gutgeheißen.

Datum: 22. Juli 2026
Zeit: 21:44

Schlafentzug, Drill, Toilettenverbot

Anonymisierungs-ID: ayk

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