Von: L.E.
Dauer der Verschickung:
Bericht: Im Sommer 1989 wurde ich einige Wochen auf die Insel Borkum ins Adolfinenheim geschickt.
Die Berichte die ich bisher über die Verschickungen gelesen oder gesehen habe, sind keineswegs übertrieben. Ich habe in diesem Sommer ebenfalls schwerste Traumata erlitten. Es wurde für mich eine Kur angeordnet, da ich damals schwere Probleme mit den Nasennebenhöhlen hatte und die gute Seeluft mir helfen sollte. Ich war dort in einer Jungengruppe untergebracht. Es waren überwiegend Kinder die ich als persönlich als eher „schwierig“ einstufen würde und die für mich in ihrer Art sehr fremd waren. Die Gruppen im Haus waren strikt voneinander getrennt und die Abteilung bei uns war geschlossen. Wir sind in diesen Wochen nur bei einer Handvoll Ausflügen nach draußen gekommen. Obwohl es einen Garten oder Hof gab, konnten wir diesen nicht betreten. Das Duschen lief so ab, dass wir uns nackt in einer Reihe aufzustellen hatten und nach und nach von einer der Betreuerinnen mit einem Schlauch eiskalt abgespritzt wurden. Natürlich gab es dort auch ein paar Jungs, die etwas lebhafter waren und abends in den Zimmern noch etwas rumgeturnt haben. Egal ob man dazugehörte oder nicht, sobald eine der Betreuerinnen das Zimmer betrat, wurden wir angeschrien, wir haben uns mit dem Gesicht zur Wand zu drehen und mucksmäuschenstill zu sein. Es wurde mir so eingetrichtert, dass ich es Jahre später nicht geschafft habe einzuschlafen, ohne mich zur Wand zu drehen, da ich mich sonst nicht sicher gefühlt habe. Auch heute kann ich nur auf der Seite einschlafen, was dort seinen Anfang genommen hat. Der Raum in dem die WCs waren, war zwar sauber, aber es war ein Gestank darin der so ekelhaft war, dass man sich beherrschen musste sich nicht zu übergeben. Es roch wie nach verwesendem Kadaver. Ich meine ich war 6 Wochen dort. In dieser Zeit waren wir so glaube ich 2-mal zum Schwimmbad gefahren. Es war ein öffentliches Bad. Das war eines der Highlights. Dann haben wir einmal eine Wanderung unternommen zum Strand und in die Stadt. Wir hatten alle ein paar Mark mitbekommen, die wir für Souvenirs ausgeben sollten. Es ging weniger darum etwas Schönes zu kaufen sondern mehr darum das Geld, was wir mitbekommen hatten, auszugeben. Es gab im Adolfinenheim eine Art Dampfbad in der wir Inhalieren sollten. Wir waren dort einmal, was für mich mit meiner Nebenhöhlenproblematik wahrscheinlich sehr gut war. Ich kann mich an einen Nachmittag erinnern an dem gebastelt wurde. Ich habe dort gelernt wie ich aus einem Blatt Papier, welches gerollt wurde und oben eingeschnitten und dann irgendwie gedreht, eine Palme basteln konnte. Auch habe ich ein paar Bilder gemalt zb. eine Insel. Es war aber eher eine Trauminsel, die ich mir vorgestellt habe und auf der ich gerne gewesen wäre, nicht so eine Insel auf der ich mich befand. Jeden Morgen gab es einen Morgenappell, bei dem alle Gruppen des Heims zusammenkamen. Ich glaube ich habe die Kinder aus den anderen Gruppen immer nur morgens gesehen. Wir sangen Lieder wie „my bonnie is over the ocean“ oder „What Shall We Do with the Drunken Sailor?“ Ich möchte das Singen am Morgen sehr gerne und fand es auch gut andere Kinder aus dem Heim zu sehen. Wir durften dort nicht miteinander reden und musste auch auf dem Weg zum Versammlungsort und zurück ruhig sein. Ich bin mir sehr sicher, dass ich 6 Wochen dort war. 2 der Wochen war meine Mutter in einem Hotel auf der Insel. Sie wollte mich im Heim besuchen und mit mir einen Ausflug über die Insel machen. Es muss unheimlich schwierig gewesen sein, mich für einen Nachmittag aus dem Heim zu bekommen, da „es einfach nicht üblich war“, dass Mütter ihre Kinder dort besuchen. Ich war kurz mit meiner Mutter in ihrem Hotel und habe dort im Foyer eine Runde Billard „gespielt“ Es war das erste Mal, dass ich dieses Spiel „gespielt“ habe. Danach machte ich mit meiner Mutter einen Spaziergang durch das Naturschutzgebiet durch die Dünen und am Strand entlang. Ich habe an diesem Nachmittag mehr von der Insel gesehen als in den restlichen Wochen. Ich bin am während dieses Treffens in Tränen ausgebrochen und habe meine Mutter angefleht sie solle mich mit nach Hause nehmen. Ich habe versucht meiner Mutter verständlich zu machen, wie schrecklich es in dem Heim war. Ich glaube sie hat dies auch zum Teil verstanden, aber es war ihr nicht einfach möglich mich dort rauszuholen. Vieles in diesem „Urlaub“ ist in meinen Erinnerungen verschüttet. So harmlos schlimm sich meine Schilderungen anhören, es war die HÖLLE! Ich glaube sogar, dass dies System hatte und das Trauma was erzeugt wurde ein Teil dessen war was erreicht werden sollte, um den Kindern klarzumachen dass das Leben kein Zuckerschlecken ist und umso härter der Urlaub ist, desto mehr würden die Kinder sich freuen wieder zu Hause zu sein. Und ja auch wenn ich es zu Hause auch sehr schwer hatte, ich war froh wieder zurückzukönnen. Die Rückfahrt ging mit der Fähre von Borkum los und dann mit der Bahn wieder nach Düsseldorf. Ich war mehr als 10 Jahre in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Als ich während eines Gesprächs mit einer Psychiaterin diesen „Urlaub“ ansprach, wurde mir sofort unmissverständlich klar gemacht, dass ich darüber nicht weitersprechen soll. Ich werde noch ein paar Unterlagen, die ich noch hier habe, schicken. Sie können gerne meine Erlebnisse wie ich sie hier geschildert habe mit in Ihre Arbeit einfließen lassen, bitte Sie jedoch darum, dass ich selbst in diesem Zusammenhang anonym bleiben möchte.
Anonymisierungs-ID: ayy