Erinnerungen an meine 1. Verschickung nach Sylt 

Sabine Müller-Jursch / ©Volker Müller

Von Sabine Müller-Jursch

Dieser kurze Text ist ein Auszug aus meinem bisher unveröffentlichten Manuskript. Ich suche zurzeit einen Verlag, der mein Manuskript als Buch veröffentlicht. Mir tut die Aufarbeitung meiner Erlebnisse während den Verschickungen sehr gut. Hierdurch konnte ich ein anderes Selbstbild entwickeln. Ich möchte meine Geschichte veröffentlichen, um anderen ehemaligen Verschickungskindern bei ihrer Aufarbeitung helfen zu können.

Ankunft auf Sylt am 26.01.1972

Meine 1. Verschickung habe ich in der Zeit vom 26.01. bis zum 03.03.1972 in Rantum auf der Insel Sylt verbracht. Wir Kinder waren zur Erholung in einer früheren Wehrmachtskaserne untergebracht. Diese wurde nach dem Krieg als Kaserne für die Bundeswehr weiterhin genutzt. Die Kaserne war ein großes Gebäude mit mehreren Eingängen. In einem Teil des Gebäudes lebten Menschen, die Uniformen und Gewehre trugen. Diese Menschen machten mir große Angst. Heute weiß ich, dass es Soldaten waren.

Damals war ich sechs Jahre alt. Bei der Einschulungsuntersuchung hatte der Schularzt vom Gesundheitsamt meinen Eltern empfohlen, mich vor der Einschulung an die Nordsee zu schicken. Ich hatte oft Bronchitis und der Arzt sagte zu meiner Mutter, dass mir die Nordseeluft guttun würde.

Mit der Empfehlung des Schularztes ging meine Mutter mit mir zu der Kinderärztin, bei der ich schon seit meiner Geburt in Behandlung war. Ich mochte die Ärztin und hatte Vertrauen zu ihr. Sie befürwortete die Empfehlung des Schularztes und meine Eltern stellten für mich einen entsprechenden Antrag.

Am 26.01. brachten mich meine Eltern und meine Schwester zu dem Bahnhof in Wuppertal. Von da aus musste ich allein mit einer fremden Frau und fremden Kindern mit dem Zug nach Sylt fahren. Ich fand es komisch, dass meine Eltern mich mit einer unbekannten Frau fahren ließen. Bevor ich nach Sylt fuhr, habe ich oft mit anderen Kindern draußen gespielt. Meine Eltern hatten mir immer wieder gesagt, dass ich nicht mit fremden Menschen mitgehen darf, weil es erwachsene Menschen gibt, die böse zu Kindern sein können. Ich fragte mich, woher meine Eltern wussten, dass die fremde Frau nicht böse ist.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich nach der Zugfahrt auf einmal vor einem riesigen dunklen Gebäude stand. Das Haus wirkte unheimlich und bedrohlich auf mich. Mit mir waren viele andere Kinder dort, die ich alle nicht kannte. Einige von ihnen liefen aufgeregt hin und her und andere standen starr und bewegungslos auf dem großen Platz vor dem Gebäude. Einige der Kinder weinten laut. 

Erwachsene Menschen waren auch dort, überwiegend Frauen. Die Frauen schimpften mit den Kindern, die hin- und herliefen und auch mit den Kindern, welche weinten. Alles, was ich sah und erlebte, war sehr verwirrend für mich. In meinen Augen waren Tränen. Ich wollte auf keinen Fall, dass jemand auf mich aufmerksam wurde und mit mir schimpft. Deshalb versuchte ich meine Tränen hinunterzuschlucken. 

Diese Situation an diesem unbekannten Ort war mir unheimlich und ich hatte große Angst. Es war kalt und ich fror, obwohl ich eine warme Winterjacke trug. Ich fragte mich, wo ich bin und wo meine Eltern und meine Schwester sind. Dann fiel mir ein, dass ich ohne meine Familie mit einer fremden Frau und fremden Kindern im Bahnhof Wuppertal in einen Zug eingestiegen bin. An die Fahrt konnte ich mich nur dunkel erinnern.

Ich war müde und mit den vielen Eindrücken um mich herum vollkommen überfordert. Wir Kinder wurden aufgefordert, in das unheimliche Gebäude zu gehen. Ängstlich befolgte ich die Aufforderung. In dem Haus überwältigten mich viele unbekannte Eindrücke. Es roch sehr komisch und unangenehm. Das riesige Gebäude verwirrte mich, es gab viele lange Gänge und war vollkommen unübersichtlich. Meine Angst war riesengroß.

Für mich war es unverständlich, warum meine Eltern mich zu so einem schrecklichen Ort geschickt hatten. Meine Eltern und die Kinderärztin hatten doch gesagt, dass es auf Sylt schön ist. Einen solchen fürchterlichen Ort hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt weder gesehen noch erlebt. Ich fragte mich, warum meine Eltern mich belogen hatten. War ich böse oder hatte ich etwas falsch gemacht?

Am liebsten wäre ich sofort wieder nach Hause gefahren, aber das ging ja nicht. 

Ich fühlte mich klein und hilflos und wollte unbedingt alles richtig machen. Auf keinen Fall wollte ich bestraft werden. Auch ausgeschimpft zu werden war für mich eine Bestrafung. Vor meinen inneren Augen sehe ich mich, wie ich an einer Wand stand und das ganze unverständliche Geschehen um mich herum beobachtete. Hierbei machte ich mich so klein und unsichtbar wie möglich.

Die Frauen wollten, dass wir sie Tanten nennen. Auch das verwirrte mich und ich fragte mich, warum ich die fremden Frauen Tanten nennen soll. Zu Hause hatte ich viele Tanten und Onkel. Sie waren alle sehr nett und schimpften nicht mit mir. Ich verstand nicht, warum an diesem Ort alles anders war. Meine Erlebnisse passten nicht zu meinen Erfahrungen von zu Hause.

Die „Tanten“ führten uns Kinder in einen großen Raum mit vielen Tischen und Stühlen. Jedes Kind bekam einen Platz zugewiesen. Uns wurde gesagt, dass wir uns diesen Platz merken sollten. Während der Zeit auf Sylt sollten wir uns bei den Mahlzeiten immer auf diesen Platz setzen.

Ich machte mir Sorgen, dass ich mir meinen Platz nicht merken kann und fragte mich: Was passiert, wenn ich morgen nicht mehr weiß, auf welchen Platz ich mich setzen muss? Schimpfen die Frauen dann mit mir?

Wir bekamen Brot zu essen und Hagebuttentee zu trinken. Ich weiß, dass mir der Tee nicht schmeckte, trank ihn aber trotzdem. Ich beobachtete Kinder, die weder essen noch trinken wollten. Die „Tanten“ schimpften mit ihnen. Ich wollte nicht, dass mit mir geschimpft wurde.

Am nächsten Morgen bekamen wir Milchsuppe zum Frühstück. Die Milchsuppe fand ich ekelig, trotzdem habe ich sie gegessen. Von zu Hause war ich gewohnt, dass der Teller leer gegessen wurde.

Es gab Kinder, die würgen mussten, weil sie die Milchsuppe nicht mochten. Sie wurden von den „Tanten“ ausgeschimpft und gezwungen, ihren Teller leer zu essen. Obwohl ich zu Hause auch meinen Teller leer essen sollte, war es für mich fürchterlich zu sehen und zu hören, wie diese Kinder behandelt wurden. Sie taten mir sehr leid und ich hätte ihnen gerne geholfen, aber ich wusste nicht wie.

Diese Situation wiederholte sich während der gesamten sechs Wochen auf Sylt an jedem Tag und bei jeder Mahlzeit. Jedes Mal reagierte ich körperlich auf diese, für mich unerträgliche, Situation. Mir war übel, ich fühlte einen dicken Kloß im Hals und hatte Bauchschmerzen.

Leider waren wir auf Sylt nicht oft draußen und konnten nicht viel auf dem Strand am Wasser spielen. Am Wasser fand ich es sehr schön und ich freute mich jedes Mal, wenn wir nach draußen gehen durften. Dort konnte ich vorübergehend das schreckliche Gebäude vergessen, in dem wir untergebracht waren. Aufgrund der Jahreszeit war es sehr kalt und wir Kinder verbrachten den größten Teil des Aufenthalts auf Sylt in der dunklen und unangenehm riechenden Kaserne.

Von meiner Verschickung nach Sylt habe ich noch alle Briefe und Postkarten, die meine Eltern mir geschrieben und welche ich (geschrieben durch eine der Tanten) an meine Eltern gesendet habe. Durch das Lesen der Briefe und Postkarten sind sehr viele Erinnerungen in mein Bewusstsein gekommen.

Darüber hinaus habe ich in dem Archiv auf Sylt und auch in anderen Archiven recherchiert. Meine Recherche hat dazu geführt, dass ich einzelne Erinnerungsbruchstücke zu einer umfangreichen Erinnerung an die Ereignisse der Verschickungen zusammenfügen konnte.

Sabine ist Teil der Recherchegruppe des Citizen-Science-Projekt-Kinderverschickungen-NRW. Außerdem ist sie Teil der Ausstellung „In fremde Hände – Kinderverschickung sichtbar machen.“

Wann: Ausstellung vom 19.07. – 22.11.2026

Wo: Westfälische Salzwelten, An der Rosenau 2, 59505 Bad Sassendorf

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