„An Tagen wie diesen freut man sich ganz besonders darauf, Leidensgenossen, Freunde und Bekannte wiederzutreffen. Gemeinsam Erinnerungen teilen, miteinander reden, zuhören, lachen und vielleicht auch die ein oder andere Träne zu lassen. Es sind Begegnungen mit Menschen, die ganz besondere Erfahrungen miteinander verbinden. Schön, dass wir uns heute wiedergesehen haben.“
Marion + Dietmar, Gästebuch
Diese Zeilen hinterließen Marion und Dietmar am Ende des Tages in unserem Gästebuch. Sie erzählen von dem, was auch an diesem Begegnungstag immer wieder zu spüren war: wie wichtig das Wiedersehen, der Austausch und das Miteinander für viele sind.
Fast 100 Menschen sind am 3. Oktober wieder in den Treffpunkt Altstadt nach Dorsten gekommen. Manche kannten sich längst, andere begegneten sich zum ersten Mal. Es wurde erzählt und zugehört, gemeinsam gelacht, gesungen, getanzt, gekocht und recherchiert – und immer wieder ging es auch um das, was ihnen als Kinder während ihrer Verschickungen widerfahren ist und unter dem viele bis heute leiden.
„Wir werden immer mehr“
Vereinsvorsitzender Detlef Lichtrauter begrüßte am Morgen Betroffene aus NRW ebenso wie Menschen, die als Kinder nach Nordrhein-Westfalen verschickt worden waren. Und die Gemeinschaft wächst weiter:
„Die gute Nachricht ist: Wir werden immer mehr. Es engagieren sich immer mehr Menschen.“
Detlef Lichtrauter
„Wenn viele Menschen viele kleine Schritte machen, dann kann was Großes entstehen. Danke für diesen gelungenen Tag, für die Wertschätzung der Teilnehmenden, das Programm. Ich komme gerne wieder und freue mich über die inspirierenden Gespräche auch darüber hinaus.“
Anja, Gästebuch
„Wir haben eine Verantwortung“
„Solche Veranstaltungen wie hier heute sind ein ganz großes Geschenk für uns als Behörden.“
Mit diesem Satz machte Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff deutlich, welchen Stellenwert der Begegnungstag auch aus Sicht der Stadt hat. Stockhoff dankte den Betroffenen dafür, dass sie sich treffen, ihre Erfahrungen berichten und damit auch Behörden die Möglichkeit geben, aus der Vergangenheit zu lernen.
„Ein Bürgermeister kann nicht persönliche Verantwortung für das übernehmen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Ich kann ein Stückchen Verantwortung für das übernehmen, was die Behörde damals falsch gemacht hat. Aber ich habe eine Verantwortung und das haben alle Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger in den Jugendhilfeausschüssen, in den Jugendämtern, in den verschiedenen Institutionen, nämlich zu gucken, dass sich so etwas nicht wiederholt. Und das genau muss unsere Aufgabe sein.“
Zum Abschluss gab es für den Dorstener Bürgermeister noch eine kleine Tradition mit Fortsetzung: Im vergangenen Jahr hatte Detlef ihm das Kinderbuch „Das kleine Ich bin ich“ mitgegeben. Dieses Mal überreichte er ihm „Der Löwe in dir“ – für die zweijährige Tochter des Bürgermeisters. Stockhoff fand den Titel offenbar gut gewählt: Das passe, meinte er – seine Tochter sei mittlerweile „zu einer kleinen Löwin geworden“.
Auch nach seiner Rede suchten mehrere Betroffene noch das Gespräch mit Stockhoff und bedankten sich für seine Worte. Dann rückte das in den Mittelpunkt, wofür viele an diesem Tag nach Dorsten gekommen waren: Begegnung, Austausch und gemeinsames Tun.
Erinnern, recherchieren – und gemeinsam Zeit verbringen
Fotos: M. Millgramm + M. Stricker
Am Vor- und Nachmittag gab es ganz unterschiedliche Angebote: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen Tipps für die Recherche zur eigenen Verschickung, beschäftigten sich mit Scham, Schuld und Trauma oder kamen beim Nähen, Kochen, Singen und Line-Dance zusammen. Auch eine Stadtführung durch Dorsten gehörte dazu. Fast 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten am Nachmittag den Dokumentarfilm ‚Schwarze Häuser‘ sehen.
Seit zwei Jahren bin ich in der „Aufarbeitung“ meiner sehr frühen Verschickung. Seither fühle ich mich so oft reich beschenkt. Wie heute. Nur Schönes habe ich erlebt. Kochen mit Dietmar, Nähen mit Bea, lecker essen, Austausch, lachen vor allem Herzwärme.
Ingrid Gästebuch
Auf Spurensuche zur eigenen Verschickung
„Wo finde ich Unterlagen zu meiner Verschickung? Welche Archive können weiterhelfen – und wie beginne ich überhaupt mit der Suche? Antworten und ganz praktische Tipps gab es beim Recherche-Coaching mit Dr. Recha Allgaier-Honal und Dr. Sylvia Wagner.“
Für den Rechercheworkshop konnten mit Dr. Recha Allgaier-Honal und der Pharmaziehistorikerin Dr. Sylvia Wagner zwei ausgewiesene Expertinnen gewonnen werden. Wagner forscht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen und war an der vom Land NRW geförderten Studie beteiligt, die auch den Arzneimittelmissbrauch im Rahmen der Kinderverschickung untersucht hat. Gemeinsam unterstützten die beiden die Betroffenen dabei, den Spuren ihrer eigenen Verschickung nachzugehen und offene Fragen zu klären.
„Auch ich empfinde meinen Verschickungsort als Sog, wo es mich hinzog, um etwas Licht in das Dunkle zu bekommen, um die Lücken in meiner Erinnerung zu schließen, um das „Warum“ und „Wieso“ zu klären, um den bohrenden Fragen zu begegnen, um Frieden zu finden. "
Gästebuch-Eintrag
Mutig sein!
Nach der Mittagspause gab es eine besondere Überraschung: Janus Fröhlich, Gründungsmitglied der Kölner Kultband Höhner, kam zu Besuch. Mitgebracht hatte er „Echte Fründe“. Das Lied ist eng mit „Arsch huh“ verbunden, der Kölner Initiative gegen Ausgrenzung und für Demokratie. Dafür engagieren sich seit den 1990er-Jahren zahlreiche Kölner Künstlerinnen und Künstler. Warum Janus sich gerade an diesem Tag für „Echte Fründe“ entschieden hatte, erzählte Janus Fröhlich selbst.
Was von diesem Tag bleibt
"Ich beschäftige mich nun seit ungefähr fünf Jahren mit dem Thema „Kinderverschickung“. Nun war ich das erst Mal bei einer „realen“ Veranstaltung dabei und haben ein Wechselbad der Gefühle erlebt! Von Spannung, Vorfreude, aber auch Nervosität vor Beginn des Tages über Neugierde, Interesse und Entspannung bis zum Mittagessen (das übrigens sehr lecker war!) bis hin zu Trauer, großer Betroffenheit und auch Wut beim Film „Schwarze Häuser“. Ich sehr nachdenklich, aber auch mit einem sehr guten Gefühl, hier eine Community gefunden zu haben, die versteht! Danke für diesen Tag! "
Annemone, Gästebuch
Wie lange so ein Tag nachwirkt, zeigt eine Mail, die uns eine Woche später erreichte. Gudrun Güth war bereits zum dritten Mal in Dorsten dabei – und schrieb:
„Ich hätte selbst nicht gedacht, dass mir bei meinem dritten Begegnungstag in Dorsten vieles – die Gespräche, der Workshop, der Film – so nah gehen würde. Dabei war ich davon ausgegangen, dass ich mit meinem Buch ‚Irrlichtern‘ alle traumatischen Erfahrungen abgearbeitet hatte. Stimmt also nicht wirklich. Daher habe ich mein drittes Dorsten jetzt in ein Gedicht verwandelt.“
Gudrun Güth, Autorin des Romans "Irrlichter"
Nachsorge von Gudrun Güth
Was die Haut zu erzählen hat
sind Geschichten von Klammergriffen
aus Eisen aus Stahl
von Wundblasen Schmerzpocken
Druckstellen und Narben
von tiefen Herzragaden
zum Glück häutet sie sich
wirft wie eine Schlange
die alte Schuppenhaut ab
ist dünn, aber samtweich
eben anders normal
das Erzählen darüber
unter versteckten Tränen
immer hautnah
Bericht: Michaela Stricker