42489 Aprath, 1960

Mit 4 Jahren für 3 Monate eingesperrt nur mit Puppe Toni

Von: C.F.

Dauer der Verschickung: ca. 3,5 Monate
Bericht: Kurz nach meinem vierten Geburtstag, im Juni 1960, wurde ich von meinem Vater in die „Kinderheilanstalt“ Aprath gebracht. Meine Mutter war schwanger, die Ehe meiner Eltern steckte in einer Krise – und ich sollte nicht im Wege stehen. Weil bei mir angeblich Tuberkulose festgestellt worden war, wurde ich in ein Lungensanatorium verschickt.
Es gab nie einen Hinweis darauf, dass ich damals an einer ansteckenden Form der Tuberkulose litt. Trotzdem wurde ich über mehr als drei Monate vollständig isoliert.
Dort begann für mich eine Zeit, die mein Leben bis heute prägt.
Nach einer Untersuchung in einer Garage* wurde ich allein in einem großen Zimmer untergebracht. Von dort konnte ich die anderen Kinder hören: ihr Lachen, ihr Toben, ihre Stimmen. Ich selbst durfte nicht zu ihnen. Ich war ausgeschlossen.
Etwa drei Monate lang begegnete ich anderen Menschen nur, wenn mir Essen gebracht wurde oder wenn ich zu medizinischen Untersuchungen geführt wurde. Ansonsten war ich vollkommen allein – mit mir selbst und meiner Puppe „Toni“ als einzigem Spielzeug.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in dieser Zeit jemand mit mir gesprochen hätte. Niemand spielte mit mir, niemand tröstete mich, niemand erklärte mir, warum ich dort war.
Heute weiß ich, dass eine derart lange Isolation schwerwiegende psychische Folgen haben kann. Internationale Gerichte und Menschenrechtsorgane berücksichtigen bei der Beurteilung von Isolationshaft insbesondere deren Dauer. Nach den sogenannten Nelson-Mandela-Regeln gilt bereits eine Einzelhaft von mehr als 15 aufeinanderfolgenden Tagen als „langanhaltende Einzelhaft“. Sie soll grundsätzlich nicht angewendet werden, weil das Risiko schwerer psychischer Schäden erheblich steigt.
Wenn bereits bei erwachsenen Gefangenen eine Isolation von mehr als 15 Tagen als menschenrechtlich hoch problematisch angesehen wird, stellt sich die Frage, welche Folgen mehr als drei Monate vollständiger Isolation für ein vierjähriges Kind haben mussten.
Dann gingen eines Tages die Gummibänder kaputt, die Arme, Beine und Kopf meiner Puppe zusammenhielten. Auch sie zerfiel.
Ich erinnere mich daran, regungslos im Bett gelegen zu haben und mir vorgestellt zu haben, ich sei tot. An die grenzenlose Leere. An Schuldgefühle, die ein kleines Kind gar nicht hätte empfinden dürfen – und die ich dennoch spürte.
Ich bin überzeugt, dass dort der Grundstein für die depressive Erkrankung gelegt wurde, die mich mein Leben lang begleitet hat.
Als ich mich als Erwachsene – auf den Tag genau vierzig Jahre später – erneut ausgegrenzt und verlassen fühlte, unternahm ich einen Suizidversuch. Erst viele Jahre später erkannte ich den Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und den frühen Erfahrungen in Aprath. Für mich war das kein Zufall.
Erst nach mehr als drei Monaten kam ich gemeinsam mit anderen Kindern in ein Zimmer. Doch nicht, weil die Isolation beendet war, sondern um mich mit Masern und Keuchhusten anzustecken und diese Krankheiten unter Aufsicht durchzumachen.
Warum?
Bis heute stelle ich mir diese Frage. Wissenschaftliche Forschungen haben inzwischen nachgewiesen, dass in der Kinderheilstätte Aprath Medikamentenversuche an Kindern durchgeführt wurden. Ob ich selbst davon betroffen war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, was ich erlebt habe.
Als Erwachsene wurde ich Erzieherin. Mich trieb der Wunsch an, dass kein Kind jemals das erleben muss, was ich in Aprath erfahren habe: psychische Gewalt unter dem Deckmantel der Medizin.
Über viele Jahrzehnte blieb ich mit meiner Geschichte allein. Weder meine Eltern noch meine späteren Therapeutinnen und Therapeuten wollten sich wirklich auf meine Erinnerungen einlassen.
Erst im Sommer 2023 änderte sich das. Durch die Initiative von A. R. begegnete ich erstmals Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Zum ersten Mal musste ich meine Geschichte nicht mehr allein tragen.
Wenn es mir heute schlecht geht und ich mich einsam fühle, wiederholt sich etwas von dem, was damals in Aprath begann. Ich ziehe mich zurück, isoliere mich selbst und verliere oft jede Kraft, meinen Alltag zu gestalten. Dann sitze ich einfach nur da und vegetiere vor mich hin. Erst viel später habe ich verstanden, dass dieses Verhalten die Fortsetzung dessen ist, was ich als vierjähriges Kind lernen musste: Alleinsein. Aushalten. Warten.
Aprath liegt mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Doch für einen Teil von mir ist diese Zeit nie zu Ende gegangen.

*Die Historikerin Carmen Behrend dokumentierte, dass in einer Garage Tierversuche an Ratten durchgeführt wurden (Forschungsbericht vom 22.01.2024). Ob meine Untersuchung in dieser Garage mit diesen Forschungen in Zusammenhang stand, lässt sich heute nicht belegen.

Datum: 26. Juli 2026
Zeit: 14:03

Anonymisierungs-ID: ayo

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