Von: J.
„Wer bist du?“ –
Die unsichtbaren Spuren von Bad Sassendorf Zeitzeugenbericht von J. über ihre Zeit als Verschickungskind im Jahr 1982
Der Rahmen des Schweigens.
Im Jahr 1982, als ich gerade einmal fünf Jahre alt war, wurde ich als sogenanntes Verschickungskind auf eine sechs wöchige Kur geschickt. Der Kostenträger damals war die Krankenkasse DAK, die mich in ihr eigenes Kinderkurheim, das Haus Hamburg nach Bad Sassendorf, verschickte. Hingeschickt wurde ich kurz vor meiner Einschulung, weil ich nach damaligen Kriterien „zu dünn“ war – ein Grund, den meine Patentante schon damals nicht nachvollziehen konnte. Für mich bedeutete dies die erste lange, vollkommene und radikale Trennung von meiner Familie und meiner gewohnten Umgebung.
Das große Vergessen und die Angst der Nacht.
Meine bewusste Erinnerung setzt erst im Zug ein. Ich weiß noch, wie ich mit einer DAK-Karte um den Hals ganz al leine in das Abteil gesetzt wurde und die Reise ins Ungewisse antrat. Was nach der Ankunft geschah, bleibt bis heute im Dunkeln. Mein Gehirn hat wie zum reinen Selbstschutz eine massive Wand vor die Erlebnisse gezogen: Ich sehe weder das Haus Hamburg vor mir, noch weiß ich, wie der Empfang war, wie die Pflegerinnen aussahen oder was tagsüber mit uns geschah.
Diese gähnende Leere in meiner Erinnerung ist jedoch nicht friedlich. Sie ist besetzt von einem tiefen, durchdringen den, sehr negativen Gefühl, das über allem schwebt. Es ist eine ungreifbare, düstere Last, die ich mit mir herumtrage. Dieses Gefühl ist so intensiv, dass es mich manchmal schier verrückt macht: Die Ungewissheit, nicht zu wissen, was dort damals alles mit mir passiert ist. Mein Körper und meine Psyche haben die Schrecken gespeichert, während mein Verstand keinen Zugriff darauf hat. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an eine unbekannte Vergangenheit ist eine dauerhafte emotionale Zerreißprobe.
Die einzige, tiefe Erinnerung, die sich wie ein Mahnmal aus dieser Zeit in mein Gedächtnis eingebrannt hat, betrifft die Nächte. Ich weiß noch genau, dass wir Mädchen aus unserem Zimmer nachts bei den Toilettengängen immer gegen seitig Wache standen. Diese Angst vor dem Entdecktwerden, vor der Dunkelheit oder vor drakonischen Bestrafungen war so allgegenwärtig, dass sie die Jahrzehnte überdauert hat. Wie tief die Isolation und der psychische Druck in diesem Heim gewesen sein mussten, zeigt auch das einzige schriftliche Zeugnis dieser Zeit: Eine von meiner Mutter vorbereitete Postkarte mit meiner Heimatadresse, auf der vermutlich eine Heimmitarbeiterin in meinem Namen in kurzen Worten notierte: „Bin gut angekommen. Eure J..“ Mehr durfte oder konnte nicht nach Hause dringen.
„Wer bist du?“ Der nächste klare Moment in meiner Erinnerung ist der Tag der Abholung nach sechs endlosen Wochen. Als meine Mutter endlich vor mir stand, war das Band zwischen uns so radikal zerrissen worden, dass ich sie fassungslos ansah und diese Frage stellte. Dieser Satz ging weit über ein bloßes kindliches Vergessen oder Fremdeln hinaus. Er war das Ergebnis einer totalen emotionalen Entwurzelung. Innerhalb von nur sechs Wochen Einsamkeit war in mir als Fünf jährige etwas so massiv zerbrochen, dass ich meine eigene Mutter – meinen sichersten Halt auf dieser Welt – nicht mehr zuordnen konnte. Es zeigt, wie tiefgreifend das seelische Trauma und die Schutzmauer gewesen sein mussten, die ich in der Isolation des Heims um mich herum aufbauen musste, um psychisch überhaupt zu überleben. Ich hatte in dieser Zeit gelernt, dass niemand da war, der mich beschützte, und am Ende schien selbst die Erinnerung an die Geborgenheit von Zuhause ausgelöscht zu sein.
Ich kehrte als ein völlig veränderter Mensch aus Bad Sassendorf zurück. Ich war dauerhaft still, zutiefst verängstigt und sprach kaum noch. Meine Wesensveränderung war so auffällig, dass meine Kindergärtnerin meiner Mutter später besorgt riet, mich auf die andere Seite des Hauses zu stellen und mit mir das laute Reden zu üben, weil ich regel recht verstummt war. Wochenlang schwieg ich über die Kur – erst viele Wochen später schaffte ich es, meiner Mutter zumindest von den nächtlichen Toilettengängen und der gegenseitigen Wache zu erzählen.
Die unsichtbaren Spuren im Heute.
Wenn ich mein heutiges Verhalten und mein Leben betrachte, erkenne ich, dass diese sechs Wochen im Alter von fünf Jahren tiefe Spuren hinterlassen haben, die mich bis in die Gegenwart begleiten. Lange Zeit erschienen mir bestimmte Verhaltensweisen an mir selbst unerklärlich oder komisch, doch im Kontext der Verschickung ergeben sie einen trauri gen, logischen Sinn. • Essverhalten: Bis heute kann ich keine fettigen Speisen essen – vermutlich eine unbewusste, körperliche Abwehrre aktion als Folge des damaligen Esszwangs im Heim. • Erbrechen: Ich kann mich nicht übergeben – vermutlich eine psychische und körperliche Spätfolge der Erlebnisse als Verschickungskind. • Reiseblockaden: Ich spüre eine tiefe Blockade und ausgeprägte Probleme, wenn ich an neue, mir unbekannte Orte reisen muss. Die Angst, wieder hilflos weggeschickt zu werden, reist im Unterbewusstsein immer mit. • Reden vor Gruppen: Auch das Sprechen vor Menschenmengen, selbst bei völlig banalen Themen, löst in mir massi ve Ängste aus – ein spätes Echo des verstummten, verängstigten Kindes von damals. • Umgang mit Autorität: Ein weiterer, tief sitzender Trigger ist der Umgang mit autoritären Personen. Wenn Menschen in meiner Gegenwart laut werden oder rumschreien, blockiere ich innerlich völlig. Dieser Bericht ist für mich der Versuch, das Schweigen endgültig zu brechen, das damals von mir verlangt wurde. Auch wenn mein Gehirn die konkreten Bilder weggeschlossen hat und mich das Nichtwissen im Alltag manchmal quält, so sprechen mein Körper, mein tiefes negatives Gefühl und meine Seele heute eine klare Sprache. Es ist wich tig, diese Erlebnisse sichtbar zu machen, damit das Leid der Verschickungskinder niemals in Vergessenheit gerät. Doch Erinnern allein reicht nicht aus – es braucht endlich Taten. Das jahrzehntelange institutionalisierte Unrecht an Hunderttausenden Kindern darf von den Verantwortlichen nicht länger ausgesessen werden. Ich fordere die Politik auf, ihre moralische und historische Pflicht zu erfüllen: Die systematische Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels muss endlich flächendeckend und spürbar staatlich gefördert werden. Wir Betroffenen brauchen keine vertröstenden Worte, sondern uneingeschränkten Zugang zu den Archiven, unabhängige Forschungsgelder und eine offizielle, institutionel le Anerkennung unseres Leids. Es ist die Pflicht des Staates, das Schweigen der Vergangenheit durch transparente Aufklärung im Heute zu brechen – und das jetzt.
Anonymisierungs-ID: bau