Von: K.K.-B
Zwei Jahre später wurde ich wieder zu Kur geschickt – dieses Mal nach Todtmoos im Schwarzwald. Meine 3 Jahre ältere Cousine fuhr auch mit in das gleiche Heim – unsere beiden Väter arbeiteten auf der Zeche – wir waren also beide Knappschaftsversicherte. Ob die gemeinsame Reise von den Eltern initiiert war oder Zufall, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass meine Mutter mich damit tröstete, dass ja meine Cousine dabei wäre – ich wollte nicht weg von zuhause. Schon im Zug fing ich an zu weinen. Mein Bild: meine Mutter und meine Tante winkend auf dem Bahnsteig.
Eines Morgens erwachte ich mit starken Halsschmerzen. Man entschied, dass ich dann nicht den Ausflug mitmachen könne. Ich wurde in ein Spielzimmer eingeschlossen – was nutzte mir das ganze Spielzeug – ich war mutterseelen allein, der Hals schmerzte. Ich hörte noch alle Kinder von dannen ziehen – es wurde immer ruhiger im Haus. Ich weinte, hatte Heimweh, gespielt habe ich nicht. Wie lange ich dort eingeschlossen war, weiß ich nicht mehr – aus damaliger Sicht eine Ewigkeit. Auch meine Cousine war weg – wir sahen uns ohnehin kaum bei
gemeinsamen Aktivitäten.
Wieder das Gleiche, Toilettengänge nur tagsüber, der Teller musste leer gegessen werden, abends bekam ich „Hustensaft“ für meinen Hals!
Ich konnte inzwischen schreiben und schrieb eine Karte an meine Eltern: ich will nach Hause, holt mich ab! Vor meinen Augen zerriss die Erzieherin meine Karte: sowas schreibt man nicht den Eltern. Zuhause kam dann eine von der Erzieherin diktierte Karte an: Mir geht es gut – es ist schön hier.
Irgendwann kam ein Paket von meinen Eltern. Auspacken durfte ich es nicht selber – sie mussten erstmal gucken was da drin wäre und ob ich das alles behalten dürfe. Die Süßigkeiten wurden konfisziert, schließlich würden dann die anderen Kinder neidisch. Was ich behalten durfte, weiß ich nicht mehr – vielleicht auch nichts.
Was ich aus dieser Zeit noch weiß, auf der Rückfahrt habe ich im Zug furchtbar geweint. Die begleitende Fürsorgerin wollte wissen, warum ich denn jetzt heulen würde, ich führe doch nach Hause. Ich sagte ihr, ich habe Angst, dass ich meine Mutter nicht finde, ich weiß doch nicht mehr wie sie aussieht!!. Gott sei Dank ich habe sie doch wiedererkannt.
Soweit meine Erinnerungsfetzen – darüber gesprochen habe ich eigentlich nie – außer nach Rückkehr mit meinen Eltern. Meine Cousine hat keine schlechten Erinnerungen an diesen Ort. War ich böse, dass man mich so behandelte??
Ohne Zuordnung, ein Bild: ich trage eine ganz dunkle Brille – heute weiß ich, das waren die Höhensonnenbestrahlungen – ob in Bad Salzuflen oder Todtmoos weiß ich nicht mehr. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, der Befreiungsschlag – das Durchleuchten beim Gesundheitsamt ergab, dass ich keine weitere Überwachung mehr brauchte. Auf dem Weg nach Hause erklärte mir meine Mutter, dass ich jetzt nie wieder in ein Heim müsse. Langsam schwanden meine Ängste vor einer weiteren Kur.
Bei meiner Recherche nach dem Besuch im Februar 2024 in Bad Salzuflen stieß ich auf die Facebook Seite des Verschickungskinder e.V. und erfuhr dort, dass die Gesamtanlage des inzwischen „Lost Place“ Aprath nochmals aufgrund einer Initiative des Vereins Kinderverschickungen NRW für ehemalige Heimkinder in den nächsten Tagen geöffnet würde.
Ich rief Herrn L., den Vorsitzenden, an und er ermöglichte mir noch ganz kurzfristig eine Teilnahme. Herzlichen Dank heute nochmals dafür. Ich wollte so gerne an den Ort zurück, an dem ich meinen ersten Geburtstag verbrachte, den ich damals als Segensort betrachtete, denn man hatte mich hier doch geheilt – so mein Stand 2024 – oder??
Was ich alles an diesem Tag von anderen ehemaligen Patienten und den geladenen Wissenschaftlern erfuhr, erschütterte mich total. Was war hier alles geschehen – es bleibt die Frage, was hat man hier mit mir gemacht?? Soll ich froh sein, dass ich zu klein war, mich nicht erinnern kann? Will ich nicht doch wissen, warum man mich so lange hier festhielt, stimmten die Aussagen über den verzögerten Genesungszustand?? Viele Fragen, die mir heute keiner beantworten kann. Leider durften wir die Häuser in Aprath nicht betreten – ich hätte gerne gewusst, wo genau ich meinen 1. Geburtstag verbracht habe. Im Austausch mit anderen Betroffenen kamen an diesem Tag meine Erinnerungen auch an die anderen Heime – jetzt wusste ich dass man von Verschickungen sprach – alle wieder hoch. Ich hatte so Vieles verdrängt. Manche Betroffene waren entsetzt, dass ich bis zum Alter von 8 Jahren sogar 3 mal so lange von meinen Eltern getrennt wurde. Heute weiß ich, dass ich insgeheim meinen Eltern den stillen Vorwurf machte und mache, dies zugelassen zu haben. Die Zeitungs- und Fernsehberichte im Zusammenhang mit dem Tag in Aprath nahm ich meiner schon leicht dementen Mutter (91 Jahre – mein Vater war schon 19 Jahre lang tot) mit ins Krankenhaus. Sie las alles, sagte: „Ja das ist schon schlimm, aber wir haben das nicht gewusst und du musstest ja da überall hin“. Danach verschlimmerte sich ihr Krankheitsverlauf weiter und wir hatten keine Gelegenheit mehr, uns darüber auszutauschen. Im Februar 2025 verstarb meine Mutter – sie ließ mich wieder alleine – so habe ich es selbst jetzt als 73jährige empfunden, eigentlich muss ich doch nur dankbar zu sein, dass ich sie so lange hatte.
Es war jetzt zu spät……
Ich wurde sofort nach dem Besuch in Aprath Mitglied und danke dem Verein herzlich für sein Engagement. Meine Tochter (Lehrerin) besuchte mit mir zusammen den Film „Schwarze Häuser und war anschließend sehr betroffen, obwohl sie ja inzwischen meine Geschichte kannte. Sie bat mich, doch einmal vorzuschlagen, dass der Verein in die weiterführenden Schulen geht, damit auch die junge Generation mal gehört hat, was fast 100 Jahre lang in unserem Deutschland passierte, ohne das jemand auf die Idee kam, für Abhilfe zu sorgen. An diesem Abend erfuhren wir auch, dass einige Kurorte sich weigern, sich zu den in ihrem Ort geschehenen Kindesmisshandlungen zu bekennen – vielleicht kann man den Vorschlag der Schulbesuche mal aufgreifen.
Was für mich heute bleibt, nach dem Eintritt in den Verein Kinderverschickungen NRW e.V. und dem Befassen mit dieser Thematik:
Heute glaube ich zu wissen, warum die Gemeindeschwester (Diakonie) immer zu uns nach Hause kam. Als ich nach Bad Salzuflen kam, war meine Mutter im 7 Monat schwanger, meineEltern hatten ein Haus gekauft und selber umgebaut – sicher war meine „Kur“ für meine Mutter mal 6 Wochen Erholung ganz ohne Kind, kurz bevor das 2. Kind kam. Vllt. wurde ihr von derGemeindeschwester dazu geraten, mich wegzuschicken?
Die Ärzte und ggf. auch die Diakonie bekamen Geld für jede Kurverordnung erfuhr ich heute – ich würde heute gerne mit Ihnen sprechen.
Bekam ich Hustensaft oder war es auch ein sedierendes Mittel?
Warum kann ich mich an so wenig erinnern?
Hat meine Mutter die Trennungen nicht als so schlimm empfunden, weil auch sie in den
Kriegsjahren als Kind alleine ins Allgäu geschickt wurde – ihre Eltern und Geschwister lange Zeit nicht sah?
Und 1000 weitere Fragen bleiben offen, wie für viele andere Menschen auch.
Was ist mir vielleicht mit meinem heutigen Wissen aus dieser Zeit geblieben: Ich kann überhaupt nicht gut alleine sein. Ich habe kaum Durst, kann unendlich viele Stunden einhalten, nachts liege ich selbst heute
noch wach, muss zur Toilette und warte erstmal – oft noch 2 Stunden, ehe ich dann aufstehe. Als Erwachsene trank ich jahrelang wegen meines Untergewichtes Sahne (ich hatte in den Heimen gelernt, Milchprodukte machen dick) – das Untergewicht hat sich allerdings im Klimakterium geändert. Ich mag bis heute keinen Haferschleim und Milchreis – beim Gedanken daran muss ich fast schon würgen…. meine Kinder bekamen so etwas bei mir nie zu essen!!
Meine Enkel würde ich bei beginnendem Heimweh sofort zurück zu ihren Eltern nach Hause bringen. Ich frage mich, warum nicht alle „Verschickungskinder“ negative Erfahrungen machten, lag es an mir? Mein Bruder wurde auch einmal verschickt, kann sich an nichts Negatives erinnern. Mir ist bewusst, dass ich nicht unbedingt eine der „schlimm Betroffenen“ bin, es gab weitaus schlimmere, entsetzlichere Fälle. Ich habe, glaube ich, keine gesundheitlichen Probleme aufgrund der Aufenthalte davongetragen – auch da gibt es viel schlimmere Fälle.
Trotzdem ist uns „Verschickungskindern“ eines gemein: 6 Wochen und mehr getrennt von Eltern und zuhause hinterlässt in jedem Menschen Spuren.
So kann ich den Verein nur ermuntern, weiterzumachen, denn nur durch Aufklärung kann. verhindert werden, dass so etwas noch einmal passieren wird.
PS. Inspiriert, das alles mal niederzuschreiben hat mich die Ausstellung „Ein Koffer voller Heimweh“, die ich am letzten Wochenende in Bad Sassendorf besuchte – danke auch dafür.
Anonymisierungs-ID: azv