Von: S.W.
Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: Kaltgestellt – Höllentrip schlechthin!
Meine Erinnerungen…
Ein nein galt in unserer Familie nicht, schon gar nicht als Kind.
Und wir, ich und meine Zwillingsschwester, wollten auf keinen Fall dorthin. Aber meiner Mutter hat die Kur als Kind ja so gutgetan. Also hatten wir keine Wahl, selbst betteln und weinen – keine Chance.
So sollte es dann wohl sein und wir wurden von unseren Eltern in den Zug gesetzt. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wir haben die ganze Zugfahrt von Wuppertal nach Berchtesgaden über geweint, selbst die Nacht hindurch. Ein Jugendlicher hat uns versucht zu trösten, vergeblich!
Angekommen, mussten wir uns im Flur, in einer Reihe der Größe nach aufstellen und danach wurde die Zimmeraufteilung gewählt.
Es war ein langer schmaler Flur. Ich wurde von meiner Schwester getrennt. Es war schrecklich und ich fühlte mich extrem hilflos. Zudem durften wir keine Unterwäsche tragen, was bei mir zusätzlich Unbehagen auslöste. Die Zimmer waren fürchterlich, es standen 3 Betten dort. Die Wände kahl. Ich war mit noch zwei Mädchen, ich glaube Sie waren älter als ich, auf dem Zimmer. Stille und Trauer umgab mich.
Einmal in der Nacht wurde mir sehr gewaltsam meine Weinpuppe aus den Armen gerissen, da Sie angeblich geweint hat. Ich stand im Zimmer und habe fürchterlich geheult und konnte mich nicht beruhigen. Ich weiß noch, ich habe am ganzen Körper gezittert. Einer der beiden Mädchen hat mich darauf hin versucht zu trösten und die andere hat mir meine Puppe zurückgeholt. Die habe ich dann nachts nicht mehr losgelassen und fest umklammert.
Ich bin den Beiden sehr dankbar gewesen. Alleine hätte ich das nie geschafft.
Ich bin dann irgendwie zu meiner Schwester ins Zimmer geschlichen und habe ihr gesagt, dass Sie aufpassen muss. Es war ihre Puppe gewesen. Sie war mit mehreren Kindern auf einem Zimmer, der Raum schien mir sehr schmal, noch kälter als meiner und die Kinder saßen verängstigt in ihren Betten. Und meine Schwester mittendrin. Es war schrecklich und grausam zu gleich. In diesem Moment war ich froh und auch etwas erleichtert, dass man mir und nicht ihr die Puppe weggenommen hat.
Zudem kann ich mich noch daran erinnern, dass wir die Post unserer Eltern im Gemeinschaftsraum vor Allen laut vorgelesen bekommen haben. Telefonieren war nicht möglich. Diejenigen unter uns, die noch nicht schreiben konnten, sollten den Eltern eine Postkarte malen. Unser Vater hatte gesagt, wenn es uns nicht gefallen sollte, sollen wir Regen malen und er käme uns sofort abholen. Leider hat die ganze Zeit die Sonne geschienen. Und da ein Kind ziemlichen Ärger bekam, weil es was Negatives berichtete, wurde die Karte vor allen Kindern zerrissen. Wir haben uns danach nicht mehr getraut, Regen zu malen. Also wurde eine Sonne gemalt.
Ein anderes Mal hatten wir angeblich Läuse gehabt und mussten eine Haube tragen. Wir haben dabei in einen separaten Raum gesessen und haben aus Krepppapier kleine Kügelchen geformt und auf einen Blatt Papier in Form eines Marienkäfers aufgeklebt.
Am letzten Tag wurde uns gepredigt, wie toll der Aufenthalt doch war und wir bekamen ein kleines Geschenk mit nach Hause. Ich weiß noch wie meine Schwester sich ein hässliches Stofftier aussuchte und ganz leise sagte. Ich lass dich hier nicht zurück.
Wir kamen völlig traumatisiert nach Hause.
Das waren meine Erinnerungen an das sogenannte Erholungsheim. Wir waren 6 Wochen lang zur Kur und ca. 6-7 Jahre alt. Es war noch vor der Einschulungszeit. Was mich besonders stutzig macht, dass ich sonst keinerlei Erinnerungen daran habe. Nur ein dunkles Loch- Leere! Ich habe auch kein Bild von den Erziehern vor Augen oder habe irgendwelche Namen, noch kann ich mich an den Speise- oder Waschraum erinnern. Meine Schwester und ich haben versucht, diese Zeit bestmöglich zu verdrängen. Ich kann nicht sagen, was noch passiert ist – oder auch nicht. Für uns war diese Zeit auf jeden Fall sehr schrecklich und ich gönne keinem Kind, je sowas durchmachen zu müssen!
Heute kann ich sagen, ja mir wurde Gewalt angetan!
Datum: 15. September 2026
Zeit: 16:04
Anonymisierungs-ID: baz