26548 Norderney, 1967

Von: A.K.

Es ging mir nicht gut. Den Beginn meines zweiten Schuljahres verbrachte ich überwiegend in

der Bonner Kinderklinik, von dort ging es im Sommer erneut zum Seehospiz nach Norderney,

diesmal ohne meine Schwester. Auf Postkarten fragen meine Eltern, ob mein schlimmer

Husten inzwischen besser geworden sei, und sie berichten vom bevorstehenden Umzug nach

Brüssel. An Übergriffe, Gewalt und dergleichen kann ich mich nicht erinnern, aber wie beim

ersten Aufenthalt im Seehospiz blieb ein finsterer Eindruck zurück. Dass die Erinnerung an so

viele Dinge im Dunkeln liegt, mag daran liegen, dass ich noch so klein war, aber eigentlich

erinnert man sich an das, was man im Alter von 7 Jahren erlebt hat, oder nicht? Ein anderes

Verschickungskind erwähnte bei einem kürzlichen Video-Treffen den Löffel mit Honig, den

es abends immer gegeben habe und den man nicht zurückweisen durfte. Genau, der Löffel mit

Honig! Ich hatte ihn völlig vergessen, doch mir fiel wieder ein, dass es ihn gab und dass er ein

Ritual war, dem man sich nicht entziehen durfte. Wann und wo ich ihn bekam, weiß ich aber

nicht mehr. War er mit einem Mittel zur Sedierung versetzt? Könnte das erklären, warum ich

8mich an fast nichts mehr aus dieser Zeit erinnere? Aus den erhaltenen Unterlagen weiß ich,

dass mein Vater mich abholte und wir danach mit der Familie in den Urlaub nach Holland

fuhren, an den ich mich sehr gut erinnere: Wieder Meer, Strand und Dünen, aber diesmal

waren sie Orte der Freude. Wir ließen Drachen steigen, bauten Sandburgen, aßen Eis, in dem

kleine Plastik-Windmühlen steckten, suchten verlorenes Kleingeld im Sand, von dem wir uns

neues Eis kauften, sammelten Seesterne, fischten mit Netzen nach Garnelen, bewarfen uns

quietschend vor Vergnügen mit den zahlreichen angespülten blauen Quallen, aßen

Honigkuchen und saßen in der Ferienwohnung vor dem Fernseher. Ich kann mich sogar noch

an die holländischen Werbespots erinnern und dass wir einmal ein Konzert der Beatles sahen.

Mein Vater fragte mich, ob es normal sei, dass die Musiker so wackeln oder ob es sich

vielleicht um eine Bildstörung handeln könne. Es ist doch erstaunlich, dass die Erinnerung im

einen Fall gar nicht, im anderen aber glasklar vorhanden ist.

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