Gedichte gegen das Schweigen – Karitas Geschichte

Karita auf Borkum im Heim Sancta Maria, unten links neben der Nonne

Karita Guzik wurde in den 1980er Jahren in das Kinderkurheim Sancta Maria auf Borkum verschickt. Sancta Maria wurde von einem katholischen Orden geleitet, zugleich arbeiteten dort weltliche Betreuerinnen und Erzieherinnen. Karita fühlte sich von den meist jungen Mitarbeiterinnen zum ersten Mal in ihrem Leben verstanden und gut aufgehoben.

Damals war Karita 13 Jahre alt und lebte nach eigenen Angaben in schwierigen familiären Verhältnissen. Sie berichtet von Missbrauchserfahrungen und davon, dass sie sich während der Verschickung erstmals jemandem anvertrauen konnte. Die Betreuerinnen mussten ihre Vorgesetzte einschalten. Nach Karitas Erinnerung erklärten die Erzieherinnen, nur die leitende Oberin könne das Jugendamt in so einem Fall einschalten

Die Vorgesetzte war eine katholische Ordensfrau. Das Kinderkurheim Sancta Maria auf Borkum wurde damals von Franziskanerinnen aus Thuine geführt. Über das Kinderkurheim Sancta Maria und die dortigen Verhältnisse haben wir bereits ausführlich in unserem Borkum-Schwerpunkt – zum Nachlesen hier – berichtet.

Das Gespräch zwischen dem damals 13-jährigen Mädchen und der Oberin verlief jedoch völlig anders als erhofft. Statt Hilfe zu erhalten, wurde der jungen Betroffenen von der katholischen Ordensfrau vorgeworfen, sie erzähle dies nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Eine junge Betreuerin konnte Karita nicht helfen, da sie der Autorität der Oberin unterstellt war. Sie gab Karita trotzdem für den Notfall ihre private Wohnadresse. Nach Ende der sechswöchigen Kur musste Karita mit großer Angst wieder nach Hause zurückkehren.

„Ich bin dann ein paar Tage später frühmorgens abgehauen, in den Zug und einfach zu der einen Betreuerin gefahren. Ich hatte Riesenglück, dass sie da war. Sie hat dann das Jugendamt verständigt und ich kam in eine Pflegefamilie.“

Für Karita ist das Schreiben von Gedichten ein Weg, Erinnerungen, Schmerz und Gefühle auszudrücken, für die es lange keine Worte gab. Zwei ihrer Texte dürfen wir hier veröffentlichen.

wachtraum


dunkeltränen
in schreckensewigkeiten

winden sich
wie eine schlinge
um das kinderlachen
und scham hat
freie hand

nächtelang
angst vorm morgen

aussichtslos


zensierte worte
schweigen aus vollster kehle
um hilfe

während 
unterm sonnenkreuz
schwarzgekleidete hände
die seelen ersticken

 kinderwunden
bluten 
lang

Zur Person

Karita Guzik, Jahrgang 1973, lebt in Bielefeld und ist Lyrikerin und bildende Künstlerin. Im Zentrum ihres Schaffens steht die Suche nach einer Sprache für das, was sich eindeutigen Festlegungen entzieht. Ihre Gedichte verbinden Klang, Bild und Wahrnehmung zu eigenständigen poetischen Räumen. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, zuletzt Anfang 2026 im Wewerka-Archiv in Magdeburg.

Webseite: www.lesable.de

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