Von: K.B.
Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: Die Syltreise – Autobiografisches…
Reisen und Unterwegssein waren seit meiner Kindheit die größten Abenteuer und Erlebnisse für mich. Als kleiner Junge konnte ich tagelang vor einer bevorstehenden Reise nicht richtig schlafen. Ich hatte tatsächlich Reisefieber. Mit fünf und acht Jahren war ich jeweils 6 Wochen vereist, in Verschickungsheimen für minderbemittelte Berliner Familien, staatlich organisiert.
Die erste Fahrt war problemlos. Ich erlebte die sechs Wochen in Bad Melle wie im Traum, ohne Heimweh. Ich war damals noch gar nicht richtig auf der Erde angekommen. Die zweite Verschickung wurde zu meinem Kindheitstrauma. Ich hatte furchtbares Heimweh und wurde vom Heimleiter der Einrichtung missbraucht, geschlagen und drei Tage nachts in den Keller eingesperrt, wegen nichts. Das Verschickungsheim hieß „Heim Kinderland“ in Wenningstedt auf Sylt, und der Heimleiter und Kinderschänder hieß V. B.
Ich hatte im Jahr 2008 mit dem Radiosender NDR-Info dazu eine Reportage gemacht, die auch ausgestrahlt wurde… es gab keine Konsequenzen. Der Kinderschänder ist als angesehener Bürger der Insel, er war später Leiter des Insel-Archivs, inzwischen verstorben. Ich habe ihm verziehen.
Es gibt inzwischen Organisationen von betroffenen, ehemaligen Verschickungskindern die ähnlich, schlimme Dinge in den 60ziger und 70ziger Jahren erfahren mussten. Es geht dabei um Aufarbeitung kindlicher Traumen und auch Verfolgung noch lebender Täter.
Ich hatte mich Anfang dieses Jahres (2022) da mal eingeklinkt und Kontakte geknüpft. Aber die zuständigen Behörden, Bezirksämter und Landkreise als Organisatoren der Verschickungen machen dicht, beschwichtigen, verzögern und berufen sich auf Datenschutz. Ausgelöst wurden meine folgenden Recherchen durch einen eindringlichen Traum zu meiner Verschickung 1961. Ich habe diesen Traum ernst genommen. Ich achte auf Botschaften aus meinem Unterbewusstsein. Aber ich habe wenig Neues erfahren. Ich weiß, dass ich nicht das einzige Opfer war, dem Gewalt angetan worden war. Das Verhalten des Heimleiters hatte Methode. Ich dachte andere Betroffene die in demselben Heim waren, würden ihre Vergangenheit vielleicht aufarbeiten wollen… vielen Kindern wurde nicht geglaubt, viele haben die schlimmen Erlebnisse Jahrzehnte lang verschwiegen. Ich wollte nicht Rache und Vergeltung, sondern Wahrheit und Aufklärung. Meine heiklen Nachfragen auf Sylt haben kaum was gebracht. Weder die Archiv-Mitarbeiter, die Presse, oder Privatleute wussten irgendwas. Der teuerste Touristenort Deutschlands darf wohl nicht beschmutzt werden.
Ich war nachts plötzlich aufgewacht. Ich verspürte Harndrang. Der im Etagenbett unter mir liegende Junge war auch wach. Auch er musste pinkeln. Wir schlichen zusammen zum Klo und pinkelten zusammen ins Klobecken, nebeneinander stehend. Dann ging es zurück ins Bett. Die zuständige, sogenannte Tante, war auch wach geworden und sah uns von der Toilette zurück ins Zimmer wandern. Kaum lag jeder wieder in seinem Bett, öffnete sich die Zimmertür und ein Taschenlampenstrahl durchflackerte den Raum. „Tante“ D. und der Heimleiter B. betraten den Schlafraum. Die „Tante“ zeigte auf unser Etagenbett und Heimleiter B. trat heran. Er griff unter meine Zudecke und betastete meinen Penis und die Hoden. Dann musste ich aufstehen und ihm folgen. Er führte mich in sein großes Büro, aber ich musste vorher die Schlafanzughose ausziehen. So stand ich „unten ohne“ in dem dunklen Büro vor einem riesigen Schreibtisch und bedeckte meine Genitalien mit beiden Händen. Ein mattes Licht vom Flur fiel in das Heimleiterbüro. V. B. sagte zu mir: „Warte hier“. Ich blickte durch die großen Terrassentüren auf dunkle Dünen. Ich hatte Todesangst! Dann kam der Heimleiter zurück und sagte, er hätte meinen Bettnachbarn nun befragt, und der hätte erklärt, ich hätte ihn auf dem Klo geschlagen. Ich beteuerte, wir hätten nur gemeinsam gepinkelt, ich sagte wörtlich: der Junge lügt! Keine Chance. Es ging in den Keller in einen spärlich eingerichteten Raum mit einem roten Schlafsofa mit zwei Polsterrollen an jeder Seite. Nun „gestand“ ich den Zimmergenossen geschlagen zu haben. Ich hatte höllische Angst, ich hätte alles gestanden um aus dieser Situation rauszukommen.
Ich musste mich bauchlinks über eine Polsterrolle legen und bekam als Strafe für mein Lügen und die Schläge gegen meinen Zimmerkumpel eine Tracht Prügel auf den nackten Po. Ich habe nicht geschrien oder geweint, obwohl die Strafe hart war. Dann musste ich ein Gelübde ablegen vor dem unüberwindbaren, mächtigen Erwachsenen. Wie ein Berg kam er mir vor, wie der Teufel selbst. Später dachte ich, ich hätte ihn auf der Stelle getötet, hätte ich die Mittel gehabt. Ich musste ihm versprechen, von nun an ein „Musterknabe“ zu sein, genau das war das Wort!
Die restlichen Wochen der Syltreise war ich seelisch wie gelähmt, ich sprach kaum und lächelte immer ganz freundlich. Ich betete für jeden Tag der verging. Tage werden zur Ewigkeit.
Nach der Tracht Prügel und meinem Versprechen nun ein „Musterknabe“ zu sein, wurde ich nachts noch drei Tage in den Keller eingesperrt, ein kleiner Raum mit einem Baby-Gitterbett in dem ich schlafen musste. Es war zu klein. Während der drei Nächte im Keller habe ich gesehen dass B. auch ein dreizehnjähriges Mädchen in einen anderen Kellerraum eingesperrt hatte. Auch sie hatte Prügel auf den nackten Po bekommen. Sie erzählte es mir später, und sagte mir im Geheimen, der Heimleiter sei ein Schwein. Sie war meine Leidensgefährtin und Trost.
Wir hatten kein Geld, es gab keine Telefonzellen… Kontaktaufnahme nach Hause war unmöglich. Die Briefe wurden zweifach zensiert. (eine Methode aus der Nazizeit, wir mir ein NDR-Journalist erklärte) Meine Eltern hatten 1961 noch gar kein Telefon. Ich habe meinen Eltern nach der Reise von meinen Erlebnissen erzählt. Sie hatten nicht den Mut und die Entschlossenheit sich gegen die Behörden zu stellen. Es passierte nichts,
1973 war ich noch mal auf Sylt, auf der Rückreise von Norwegen(das waren dann die richtigen Reisen!) Ich hatte meine Schwester auf einer Konfirmandenfreizeit besucht. Ich hätte den Mann zur Rechenschaft ziehen können. Ich weiß nicht, warum ich damals 1973 die Vergangenheit ignoriert habe. In der frühen Pubertät hatte ich gedacht, ich könnte den Mann ohne Wimpernzucken umbringen.
Datum: 26. April 2026
Zeit: 11:38
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