88175 Scheidegg, 1974

Heimweh-Tabletten, Schläge mit dem Gürtel, Hand ans Bett gefesselt

Von: K.-J.N.

Ich wurde vom 05.06. – 17.07.1974 im Alter von 8 Jahren für 6 Wochen nach Scheidegg im Allgäu zur Erholungskur geschickt. Grund war eine ca. 3 Jahre andauernde chronische 

Bronchitis. Alle Versuche durch Medikamente, Inhalieren oder Klimakammer mir zu helfen waren gescheitert. Es blieb nur noch die Möglichkeit der Kur. Ich kann mich erinnern, dass wir damals einen Brief der DAK bekamen in dem stand, sollte ich oder meine Eltern die Kur abbrechen, müssten wir für die gesamten Kosten aufkommen. Von Seiten der Klinik gab es die Anweisung, daßsswährend der 6 Wochen kein Kontakt stattfinden dürfe. Ausnahmen waren Karten, Briefe und kleine Pakete. 

Am Dienstag den 05.06.1974 war es dann soweit. Es ging los. Wir fuhren zum Bahnhof.

Gleis, Uhrzeit und Waggonnummer wurden vorher mitgeteilt. Der Zug fuhr ein und wir suchten nach dem Waggon. Es dauerte nicht lange und schon sahen wir eine winkende Frau, welche mich direkt in Empfang nahm und in den Zug mitnahm. Es ging so schnell, dass ich mich nicht erinnern kann, ob ich mich wenigstens verabschieden konnte.

Jetzt saß ich im Abteil. Außer mir nur noch ein gleichaltriges Mädchen und die Begleitdame. Ich schaute in meinen blauen Rucksack, was meine Mutter mir alles für die Fahrt eingepackt hatte. Das erste was ich fand, war ein Zettel mit folgendem Text:

Lieber K.J.,

jetzt sitzt Du im Zug und fährst Deinen Urlaub entgegen. Ich wünsche Dir viel Spaß und das Du ohne Husten nach Hause zurückkommst.

Tschüß Mama

Ich weiß nicht genau wie lange wir unterwegs waren. Irgendwann kamen wir am Abend so wie ich vermute im Nachbarort von Scheidegg, Lindenberg an. Mit einem VW Bus ging es weiter. Ziel war die Prinz-Regent-Luitpold Klinik in Scheidegg. Es dämmerte bereits, als wir dort eintrafen. Durch einen Seiteneingang gelangten wir in die dunkle Eingangshalle der Klinik. Eine in schwarz gekleidete Nonne begrüßte mich. Danach ging es auf Station. Diese lag im zweiten Stock auf der linken Seite. Die Bilder zu der Station sind recht begrenzt. Ich erinnere mich an mein Zimmer, in dem ich mit 3 anderen Jungen war, den großen Speisesaal, den Liegeraum mit den großen Fenstern und ein Schlafsaal für die kleinen. Alles andere ist dunkel. Nach einem einsamen Abendessen ging es ins Zimmer. Das erste Bett auf der linken Seite war meins. Ich packte meine Pitje Puck Bücher und ein neues Auto aus. Meine Timex Uhr, damals mein ganzer Stolz, musste ich abgeben. Ebenso meinen Koffer. Das Paket mit Süßigkeiten, welches meine Eltern vorab geschickt hatten habe ich nie erhalten. Die Stationsschwester Namens Z. gab mir eine „Heimweh“ Tablette. Ich weiß bis heute nicht was mir da verabreicht wurde. Auch über den Zeitraum wie lange ich diese einnehmen musste, kann ich nichts sagen. Dazu kam dann die Anweisung, dass ich mit dem Gesicht zur Wand schlafen muss und nachts nicht aufstehen und zur Toilette gehen darf. 

Der Tagesablauf ist schnell erzählt.

Aufstehen, Betten machen. Nach der Kontrolle durch Schwester Z. ging es zum Frühstück. Wir 4 Zimmergenossen saßen an einem Tisch. Reden war nicht erlaubt.

Nach dem Frühstück mussten wir alle zur Toilette. Jeder bekam ein paar Blatt Toilettenpapier. Abspülen durften wir nicht. Es wurde kontrolliert, ob wir regelmäßigen Stuhlgang hatten. Es ist sehr unangenehm auf der Toilette zu sitzen während vor der Tür andere auf Dich warten, damit es weiter geht. Öffentliche Toiletten sind für mich bis heute ein Graus. Selbst zuhause ist es schwierig, wenn jemand in der Nähe ist. Anschließend war Liegekur angesagt. 3 Stunden still liegen. Lesen war erlaubt, Reden oder Aufstehen nicht. Anschließend wurde uns irgendein Saft verabreicht. Ich glaube wir mussten alle denselben Löffel benutzen. Zum Mittagessen gab es irre große Portionen. Ich bin als normal gewichtiges Kind nach Scheidegg gefahren. Bis zu meiner Rückkehr hatte ich mehr als 6 kg zugenommen. Abgesehen davon, dass auch jetzt wieder kein Reden erlaubt war mussten wir alles essen was auf dem Teller lag. Einmal war da ein Mädchen, welches einfach nicht mehr konnte und sich weigerte weiter zu essen. Sie wurde an ihren langen Haaren aus dem Speisesaal gezogen und anschließend geschlagen. Schläge waren an der Tagesordnung. Vor allem Abend. Auf der Station gab es zwei Brüder. Italiener. Die wurden sehr oft geschlagen. Einmal war es ganz heftig. Sie hatten in ihren Briefen beschrieben, wie die Zustände vor Ort sind. Dafür wurden sie bestraft. Mit dem Gürtel im Bad. Ab diesem Moment wusste ich, dass die Post kontrolliert wird. Die die rein kommt und die die raus geht. Ich besitze heute noch die Briefe von damals mit den entsprechenden Kommentaren von Schwester Z.

Vor dem Spaziergang am Nachmittag mussten wir Mittagsruhe halten. Reden war nicht erlaubt. Ca. 15.00 Uhr ging es los. In zweier Reihe. Durch das Treppenhaus des Grauens, wie ich es heute nenne, hinter der Klinik den Berg hoch in den Wald. 5 Wochen lang, Montag bis Freitag. Immer wieder auf dieselbe Lichtung. Ein bisschen rennen, ein bisschen spielen und reden. Samstagnachmittag mussten wir im Speisesaal spielen, Sonntags gab es ein Kaffee trinken, natürlich ohne zu reden, und danach durften wir älteren ein wenig fernsehen.

Das ich in der ersten Woche gar nicht raus durfte, weiß ich nur, weil ich es in einem Brief erwähnt habe. Auch an den von mir beschriebenen Schulunterricht habe ich keine Erinnerung. Das schlimmste für mich ist jedoch, dass ich mich an keinerlei medizinische und hygienische Maßnahme erinnern kann. Meine Mutter erzählte mir, dass ich wohl in dieser Zeit auch für etwa eine Woche krank war. Keine Ahnung. Ich erinnere mich nur an einen Moment in dem Schwester Z. an meinem Bett war um mir mit den Worten, dass ich morgen wieder aufstehen dürfe, eine Spritze gab. Ob ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Zimmer war oder auf der Isolierstation erschließt sich mir nicht. Heraus gekommen ist es erstmal nur dadurch, dass meine Eltern sich wunderten seit Tagen keine Post von mir zu bekommen und meine Mutter entgegen allen Vorschriften in der Klinik anrief um sich mit der Station verbinden zu lassen. Schwester Z. rief mich dann tatsächlich zum Telefon. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon 3 Wochen dort. Natürlich habe ich mich nicht getraut etwas zu erzählen. Zu groß war die Angst, erwischt zu werden. Brav sein, nicht reden, Weg ducken, um nur nicht aufzufallen. Sehr schnell hatte ich gelernt, was ich tun muss um zu überleben.

Wahrscheinlich bin ich auch deshalb um eine Prügelstrafe herumgekommen. Zumindest gehe ich davon aus. Wissen tue ich es nicht.

Doch zurück zur Routine. 

Nach unserer Rückkehr gab es Abendessen. Reden wie immer nicht erlaubt. Anschließend war Nachtruhe. Mir fällt immer wieder auf, dass ich mich an das schlechte Essen erinnere.

An Getränke eigentlich nur am Morgen. Milch mit dicker Haut. Pfui Teufel. Ob wir darüber außer dem furchtbaren Kinderkaffee am Sonntagnachmittag noch was bekommen haben weiß ich nicht.

Was ich aber weiß ist, dass es an einem Tag abends so einen Versuch von Kaiser Schmarrn gab. Ich muss mich wohl total übergessen haben. So kam es, dass ich mich nachts im Bett übergeben habe. Soweit ich mich erinnere, war die darauffolgende Säuberung meines Bettes und mir mehr als oberflächlich. Ich habe dann diesem Bett die Nacht zu Ende gebracht. 

Irgendwann gab es diesen Fraß nochmal. Allein der Anblick und der Geruch reichten aus, dass ich fluchtartig den Speisesaal verließ. Bis zur Toilette habe ich es nicht geschafft. Alles, was ich danach noch sehe ist ein Putzeimer mit Schrubber der auf dem Flur steht. Wahrscheinlich musste ich selber aufwischen. Seitdem sind zwei Dinge für mich Tatsache. Zum einem gehören Rosinen nicht in Backwaren und Kaiserschmarrn auf keine Speisekarte.

Mittlerweile hatte ich angefangen nachts wieder Daumen zu lutschen. Vorzugsweise den linken. Konsequenz war, dass vorübergehend nachts mit der linken Hand ans Bett gefesselt wurde.

Irgendwann waren die 6 Wochen vorbei. Kurz vor meiner Heimkehr machten wir noch einen Ausflug zu denScheidegger Wasserfällen. Begleitet wurden wir von der netten jungen Frau welche auch immer bei den Spaziergängen dabei war. Das war ein schöner Tag. Schließlich war Stationsdrache Schwester Z. nicht dabei. Man muss sich vorstellen, daß meine Mutter dieser Frau unwissend der Zustände sogar Pralinen geschickt hat. Einfach nur damit dieser Drachen gut auf ihr braves Kind aufpasst. Die Hintergründe kannte sie ja nicht. Aber es war dann soweit. Endlich Abreise. Früh morgens wurde ich abgeholt. Wieder mit dem VW Bus. Nur dieses Mal vor dem großen Gebäude. Das erste Mal, daß ich die Klinik von vorne sah. In den letzten 4 Jahren war ich viermal dort. Zweimal sogar im Gebäude. Vieles war noch so wie damals. Heftige Momente und Eindrücke. Erinnerung an 6 Wochen Psycho Knast.

Im Bus saß bereits die mir von der Hinfahrt bekannte Dame. Auf dem Weg nach Hause erfuhr ich, dass sie nur bis Frankfurt mit fahren würde. Dann musste ich für den Rest der Strecke bis nach Mainz im Schaffner Abteil sitzen. Endlich war es soweit. Der Zug fuhr in den Mainzer Hauptbahnhof ein. Schon von der Tür aus, sah ich meine Eltern samt meinen jüngeren Bruder auf den Zug zustürzen. Ich war zurück und endlich wieder zuhause. Als wir die Wohnung betraten, wurde ich ins Wohnzimmer geführt. Meine Eltern hatten liebevoll einige Überraschungen vorbereitet. Diese habe ich auch wahrgenommen. Gefreut habe ich mich nicht. Emotionalität ist ein schwieriges Thema seit dieser Zeit für mich. Auch am nächsten Morgen verspürte ich noch keine Freude darüber wieder zuhause zu sein. Da Ferien waren konnte ich wieder mit den Freunden spielen gehen. Zwar zum Glück ohne Husten aber ohne Freude. Ich war komplett in mich gekehrt.

Zwei bis drei Wochen später dann das nächste Drama. Ich musste aufgrund einer schweren Blutvergiftung ins Krankenhaus. Diese hatte zur Folge, dass ich keinerlei Blutgerinnung mehr hatte. Es gab Abende, in denen mir aufgrund von nicht Nasenbluten Bluttransfusionen angehängt wurden damit ich nicht verblute. Auch trotz diverser Untersuchungen wusste man nicht, wo diese Vergiftung herkommt.

 Meine Mutter verwies dann die Ärzte auf die Kur, und dass ich eine Zeit lang krank war. Nach der Anfrage bei meiner Kinderärztin stellte sich heraus, dass keinerlei ärztliche Informationen seitens der Klinik verschickt worden sind. 

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 2 Monate zurück. 

Also fragt die Uni Klinik Mainz direkt an.

Die Antwort kam schnell. Die Fassung, die mir bekannt ist, besagt, dass ich wohl eine nicht zu Ende behandelte Angina hatte. Diese Krankheit gab es tatsächlich in den Kliniken. Ob dies der wirkliche Grund war? Wenn ja, dann wäre das auch ein Indiz dafür wie schlecht die ärztliche Betreuung während meiner Kur war. Doch nun konnte gezielt etwas getan werden und ich konnte ein paar Tage später endlich endgültig nach Hause. Und trotzdem muss man sich vorstellen, dass die insgesamt 11 Wochen Krankenhaus für mich bei weitem nicht so schlimm waren wie die 6 Wochen Kur zuvor.

Zum Schluss bleibt nur die Tatsache, dass diese 6 Wochen Kur mich und mein Leben mehr beeinflusst und geprägt haben, wie ich mir lange Zeit vorstellen konnte.  

Noch heute leide ich unter einer bestätigten Sozialphobie. Das Gutachten wurde 2023 erstellt. Seit mehr als 40 Jahren arbeite ich im Verkauf. Ein Wahnsinn, wenn man sich das mal überlegt. Trennungs- und Verlustängste sowie Beklemmungs- und Angstgefühle sind nahezu an der Tagesordnung. Auch Selbstwertgefühl ist mit der Fähigkeit, sich mitzuteilen eher mangelhaft. Aber ich hatte seitdem keine Bronchitis mehr.

IMMERHIN……

Anonymisierungs-ID: ayp

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