26571 Juist, 1970

Blieb ein essgestörtes Kind

Von: H.M.

Bericht: Ich wurde im Alter von 5 Jahren nach Juist geschickt. Man hielt mich für zu dünn und zu schwach. Ein Jahr zuvor war mein Vater verstorben und die 9 Monate seiner Krankheit waren bereits sehr schlimm für mich, weil ich hin und hergereicht wurde. Ich erinnere mich noch an die Abreise am Hauptbahnhof Münster und daran, dass ich mich einsam und verloren fühlte. Dann sind meine Erinnerungen lückenhaft. Ich sehe den Speisesaal vor mir, den Schlafraum, die Duschen. Ich erlebte Essenszwang und durfte nachts nicht aufstehen, wenn ich zur Toilette musste oder grossen Durst hatte. Es gab eine Erzieherin, die ich „Fräulein M.“ nannte, und die eines Tages Mitleid mit mir hatte. Sie erließ mir, den Teller leer zu essen. Ich wurde auch gezwungen, mit vielen anderen Kindern aller Altersgruppen zu duschen. Das war demütigend. Und natürlich erinnere ich das Liegen am Mittag, die Namensschilder in meinen Kleidern. An all das zu denken, bereitet mir noch immer Übelkeit. An körperliche Gewalt erinnere ich mich nicht direkt. Irgendwann bekam ich die Masern und wurde isoliert. Ich lag allein in einem Zimmer, niemand kümmerte sich um mich, niemand reagierte auf mein verzweifeltes Rufen. Einmal stand ich auf, um mir am Waschbecken Wasser zu nehmen, dafür wurde ich sehr böse beschimpft. Ich war seitdem nicht mehr dasselbe Kind. Verlustängste bestimmen mein Leben, ich blieb ein essgestörtes Kind, hatte auch später Angst, bei Freundinnen zu essen und deshalb auch dort zu übernachten. Ich bekam auch noch später Heimweh, wo auch immer ich war. Andere hatten Spaß im Ferienlager – ich hielt es maximal 2 Tage aus. Die Zeit auf Juist hat mich gebrochen. Und meine Mutter hat sich nie dafür entschuldigt, mir das angetan zu haben. Sie hat nie mit mir darüber gesprochen. Vor ein paar Jahren sagte sie nur, man hätte sie gezwungen, weil ich zu schmächtig war.

Datum: 24. August 2026
Zeit: 13:01

Anonymisierungs-ID: azq

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