Von: O.B.
Dauer der Verschickung: sechs Wochen
Bericht: Sehr geehrte Damen und Herren,
auch ich war eines der Kinder, die in den 60er-Jahren sechs Wochen in einem Kinder-Erholungsheim verbracht haben. Da in der letzten Zeit zunehmend mit der Aufarbeitung begonnen worden ist, möchte auch ich als Betroffener zur Aufklärung beitragen.
Im Folgenden schildere ich meine damaligen Eindrücke, soweit ich mich an diese Zeit erinnern kann. Ich habe mich um eine sachliche Darstellung bemüht.
Meiner Meinung nach habe ich – soweit ich das beurteilen kann – keine (oder allenfalls äußerst geringe) psychischen Schäden davongetragen, die mein Leben hätten beeinflussen können. Mir ist aber erst in den letzten Jahren immer klarer geworden, was uns als Kinder angetan wurde und wie gedemütigt wir worden sind. Ich habe damals gelernt, unauffällig zu bleiben und zu kuschen. So habe ich die Zeit dort einigermaßen überstanden.
Da ich als Kind (Junge) schmächtig d.h. untergewichtig und des Öfteren krank war (Grippe, fiebrige Erkältungen) und zudem nach Meinung meiner Eltern ein schlechter Esser war, wurde ich Anfang der 60er-Jahre (geb. 1953) zur „Erholung“ für sechs Wochen nach Bad Salzuflen in das Kindererholungsheim Bethesda geschickt. Dies geschah auf Anraten des Hausarztes. Ich wurde nicht weiter gefragt.
Meine Eltern dachten damals, mir etwas Gutes zu tun. Zudem war es nicht unüblich, Kinder zur Kur zu schicken.
Mein Vater arbeitete auf der Zeche über Tage, meine Mutter war Hausfrau. Daher waren wir über die Bundesknappschaft versichert, die das Ganze überwiegend finanzierte.
Ich wurde mit mehreren mir unbekannten Kindern aus Hamm und Umgebung mit einem Kleinbus nach Bad Salzuflen gebracht und einer Jungen-Gruppe zugeteilt.
Ich gehörte altersmäßig zu den „Mittelalten“.
Der Empfang war kühl und wenig herzlich. Uns wurden die Betten in einem großen Schlafsaal zugeteilt sowie unsere Bereiche im Haus gezeigt. Durch die hohen Decken überall wirkte jeder Raum ungemütlich und wenig freundlich.
Schon von da an wäre ich sofort gerne wieder nach Hause gefahren.
Dann wurde uns klar gemacht, wie wir uns ohne wenn und aber zu verhalten hätten.
Gehorsamkeit stand an erster Stelle. Widerworte gab es nicht.
Das fing mit dem Essen an. Das war aus meiner Erinnerung nicht immer schmackhaft. Die Portionen wurden uns zugeteilt. Man durfte erst aufstehen, wenn der Teller leer war. Wir sollten ja zunehmen. Da ich kein fettiges Fleisch essen konnte und bis heute nicht kann (ich würde es auch heute noch auswürgen), musste ich immer jemanden finden, der es mir abnahm. Dafür musste ich ihm dann meinen Nachtisch abtreten. So wurde das Mittagsessen für mich zur Tortour. Hätte ich ins Essen gewürgt, hätte ich das trotzdem essen müssen.
Einmal musste ich noch kurz vor dem Mittagessen nötig zur Toilette. Das wurde mir untersagt mit dem Hinweis, das hätte ich früher sagen und machen können. Da meine Hände aber nicht sauber waren, durfte ich in den näher gelegenen Raum mit den Waschbecken gehen. Da habe ich dann in meiner Not ins Becken gepinkelt.
Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn man mich erwischt hätte.
Übeltäter und jene, die es nach Meinung der Betreuerinnen waren, wurde nämlich bloßgestellt:
Ein Junge von uns war gelegentlich inkontinent und machte nachts ins Bett. Er wurde dann jedesmal in seiner Anwesenheit vor dem Frühstück vor der ganzen Gruppe gemaßregelt und als Bettnässer bezeichnet.
Aus meiner Erinnerung durfte man nachts auch nicht zur Toilette. Das machte man eventuell heimlich oder die Nachtwache war gnädig.
Manche – auch ich – haben nachts öfters geweint. Man hörte das Schluchzen.
Ab und zu durften wir Briefe an unsere Eltern schreiben. Die wurden allerdings zensiert.
Negatives durfte nicht geschrieben werden.
Ob Briefe von den Eltern vorab gelesen wurden, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass Päckchen von den Eltern geöffnet wurden und die darin befindlichen Süßigkeiten ohne Zustimmung des Empfängers aufgeteilt wurden.
Es gab außer dem Stammpersonal auch noch ein bis zwei jüngere Hilfskräfte – wahrscheinlich Studentinnen. Die waren wesentlich aufgeschlossener und wir alle mochten sie. Mehrmals haben wird sie verheult aus dem Zimmer der leitenden Betreuerin kommen gesehen. Da sind sie wohl von ihr zurechtgewiesen worden. Sie waren wohl nicht streng genug mit uns gewesen.
Das Betreuungspersonal bestand ausschließlich aus Frauen. Die waren selbst der damaligen Zeit entsprechend sehr streng, Widerspruch wurde nicht geduldet. Eine von ihnen konnte durchaus auch mal nett sein. Der Druck kam von weiter oben. Ich erinnere mich, dass uns ein- oder zweimal die leitende Ordensschwester mit einen „Besuch“ beehrt hat. Im Vorfeld war die Nervosität bei unseren Betreuerinnen deutlich spürbar. Da war klar, wer das Sagen hatte und wer die Regeln machte. Uns wurde mit Nachdruck klar gemacht, wie wir uns während ihrer Anwesenheit zu verhalten hatten.
Einer von uns Jungen bekam einmal unangemeldetetn Besuch von seinen Eltern. Wir bekamen mit, dass er sie zunächst nicht sehen sollte. Die Eltern haben sich dann aber durchgesetzt.
Uns wurde danach unmißverständllich klargemacht, dass das nicht noch einmal passieren würde.
Ein anderer Junge hieß M.. Man machte sich vor allen anderen über seinen Namen lustig. So hießen doch nur Mädchen.
Ich habe mich daher immer so unauffällig wie möglich verhalten, war immer lieb und nett und habe, wenn es nötig war, gekuscht.
In der dritten Woche war ich einer der Ersten, der Windpocken bekam.
Zwar wurde ich dafür getadelt – als hätte ich das selbst verschuldet – , mir konnte aber nichts Besseres passieren. Ich kam auf die abgelegene Krankenstation der Einrichtung und war mit zwei weiteren Kindern auf einem Zimmer. Wir waren überwiegend uns selbst überlassen und konnten machen was wir wollten, solange wir im Bett blieben.
Wir konnten Essenswünsche äußern und was uns nicht schmeckte, konnten wir übriglassen. Es war für mich das Schlaraffenland.
Leider war die schöne Zeit nach zwei Wochen vorbei und ich kam zurück in die Gruppe.
Mittlerweile waren auch weitere Kinder krank geworden.
Das wurde zum Problem. Wir waren nämlich hier, um spürbar zuzunehmen und da kamen die Windpocken zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Am Ende der sechs Wochen hatte ich nur unwesentlich zugenommen.
Zu Hause angekommen, mussten mir meine Eltern versprechen, dass sie mich nie wieder irgendwo hinschicken würden.
Erst mit fünfzehn Jahren war ich bereit, in den Ferien für drei Wochen mit einer Jugendgruppe – organisiert von der örtlichen Kirchengemeinde – nach Ameland zu fahren. Das war mit Bad Salzuflen nicht zu vergleichen. Ich habe die Zeit dort genossen.
Als Erwachsener war ich noch einmal in Bad Salzuflen und musste mit Genugtung feststellen, dass Bethesda mittlerweise abgerissen worden
Meine Frau und ich sind – früher mit unseren Kindern – mindestens ein- bis zweimal im Jahr in den Urlaub gefahren und tun das auch heute noch.
Und so schön diese Urlaube auch waren und sind, so spüre ich auch heute noch ein besonders eigenartiges Gefühl der Geborgenheit, wenn ich wieder daheim bin.
Datum: 23. August 2026
Zeit: 12:56
Anonymisierungs-ID: azs