25826 St. Peter-Ording, 1978

Tränen durchnässten alle Briefe

Von: C.

Dauer der Verschickung: knappes Jahr
Bericht: Jüngste von Drei Kindern aus der gehobenen Mittelschicht.
Einfach in Zug gesetzt und weg kam ich.
Ich selbst erheblich unterernährt (etwas später fast an Akuten Vitaminmangel gestorben). Chronisch lungenkrank. Eltern ‚lebten‘ Schwarze Pädagogik- insbesondere an mir ‚unerwünschten‘ Tochter aus.

Das Heim war stets verschlossen, Zimmer- jegliche Räume wurden stets ver/abgeschlossen gehalten. Auch nachts, wenn Schlafenszeit war. oder Krankenfälle waren. Wir schliefen in kleineren Zimmern, sodass nächtlicher Kontakt ausgeschlossen war. Jeglicher Lärm bzw wach bleiben, rief sofort eine der Pflegerinnen ‚aufs Feld‘, sollte dies herauskommen.
Es wurde als Kur bezeichnet, in der ich war.

Jeden Morgen Körperpflege und ärztliche Untersuchung im ‚Höschen‘, egal wie kalt es war, standen und warteten wir in den Gängen. Wurden gemessen, gewogen und untersucht am Ende des Ganges. Am Ende musste man die Medizin einnehmen, die sie für jeden Einzelnen bereit hatten.

Ich selbst war also nicht nur Lungenkrank-auch und insbesondere die starke Unterernährung machte mich zum ‚Problemfall‘. Wurde jeden Frühstücks deswegen ausgeschimpft und gescholten, musste einzeln sitzen, erhielt trotz allem minderwertige Nahrung und nahm immer weiter ab. Jedoch mehr wegen des Kummers und großen Heimwehs. Reden war am Tisch verboten.

Um uns Kinder zu beschäftigen, wurde jeden Tag mehrfach Schuhe geputzt, immer wieder und wieder.
Briefe dürften geschrieben werden-, jedoch wurden diese nie versandt. Anrufe waren nicht gestattet. Weder von Außerhalb-, noch von uns.

Es gab eine “Ältere‘, die bald volljährig sein sollte und selbst lange Zeit dort war. Wir nannten sie Igel, was ihrem kurzen aufstehenden Haarschnitt geschuldet war. Sie war ebenso unglücklich und voll Heimweh-aber sagte uns, sobald sie dort heraus käme- spätestens wenn sie Volljährig sein sollte, würde sie uns da raus bringen. Sie war lieb, fühlte wie wir und liebten sie wie eine große Schwester.

Einmal im Monat dürften, die ‚braven Kinder´auf den Markt, der dort war. Dieser hatte Souverniers- kleine Fellstücke von Robben mit roten Nasen als Schlüsselanhänger- aber auch fangfrische Nordseekrabben, die in kleinen dreieckigen Papiertüten gekauft werden konnten.
Ich hatte kein Geld, bekam aber einmal von Jemand von uns einen Anhänger geschenkt und auch mal so eine Krabbentüte mit einem Drittel verbliebenen Krabben- köstlich, lecker schmeckten sie. 
Die Nordsee stank schrecklich. Nie bin ich diesen Geruch- diese Abscheu losgeworden (der Atlantik stinkt ebenso).
Wenn das Wetter es zuließ, machten wir einen ‚Ausflug ans Meer‘.
Was bedeutete, wir gingen in Zweiergruppen hintereinander durch Sankt Peter Ording zum Meer.
Wir sangen ein Hut ein Stock und versuchten uns damit zu trösten und aufzumuntern, da wir alle an heftigen Heimweh litten.

Uns wurde gesagt, dass unsere Eltern uns nicht wieder haben wollen und daher es unbekannt war, wie lange wir bleiben würden.
Wir kamen uns verloren vor und empfanden Hilflosigkeit und erhebliche Einsamkeit. Spielen wie es eigentlich Kinder machen, dürften wir nicht. Dürften wir mal kurz nach Draussen vor dem Haus, war es wie kurze Freiheit- raus aus den stets abgeschlossenen Räumen und dem Haus. Dies war jedoch, wenn überhaupt eher selten der Fall. (es wäre sonst zu auffällig, wenn Bewohner das zu oft sehen könnten). Überwiegend mussten wir im Haus bleiben und wurden mit banalen, stupiden, stets wiederholenden Dingen beschäftigt. Die Möwen- sie waren überall, mal hier . natürlich vor allem auch am Meer. Ihre Rufe- für mich die Rufe der Einsamkeit, den eigenen Schmerz und die Ignoranz der Möwen, die frei waren und jederzeit nach Hause. Bis heute mag ich keine Möwen-. lasen mich zurück fallen in diese schreckliche, furchtbare Zeit.

Ab Herbst gab es immer wieder Hochwasser, dass sogar Sankt Peter Ording erreichte und uns Angst machte. Aber dieser Zeit kamen wir kaum noch raus, da das Wetter ungemütlicher wurde und uns Kinder damit ‚unbequemer‘ zu beaufsichtigen waren.

Vor dem zu Bett gehen dürften wir irgendwann einmal (ab da gab es diese Serie im TV die gesendet wurde)- den Rosaroten Panther sehen. Ansonsten kein Fernsehen- es war eine absolute Ausnahme und wir liebten ihn- den rosaroten Panther, der uns kurz fügsam machte, was Voraussetzung war, um ihn sehen zu dürfen.

Wer hat an der Uhr gedreht?,.. die meisten von uns kannten ihn von zuhause und irgendwie war es für kurz tröstlich. Für sehr kurz und verstärkte- unterstrich unser Heimweh/Sehnsucht/ Sicherheit von zuhause, Hilflosigkeit im Unbekannten). Jeden Abend, jede Nacht weinende Kinder aus anderen Zimmern und das eigene.

Es gab Kopfläuse. Und damit waren nun alle- egal ob bei einem selbst,- oder nicht- notwendige Behandlung.
Das Mittel war hoch ätzend für die Haut und frass die gesamte Haut hinter debn Ohren weg- äzte sie weg. Es gab keine Ausnahmen. Und aus den weinenden Kindern jede Nacht kamen Schmerzenslaute dazu. Wir alle mussten eine Art Kopfverband- oder war es eine Haube?- tragen, alles wurde eitrig. Wir weinten und schrien leise vor Schmerz. Es dauerte Tage. Wir weinten weiter wieder.- wie immer, jede Nacht.

C. hat Heimweh.

Ich selbst und auch andere wurden immer dünner und kranker. Nein. Unsere Eltern wollen uns nicht mehr. Wir wissen nicht, wie lange ihr noch hier bleiben müsst.
Wo waren wir überhaupt? Fast Niemand kam aus der Nähe – nur wussten wir, dass wir alle von weiter her hierhergekommen waren.

C. hat Heimweh (die heruntertropfenden Tränen durchnässten alle Briefe, die ich schrieb.) Igel schaffte es kurz von ein paar Kindern die Briefe heraus zu bekommen, in die richtige Post) Und warum bekam ich nie Post? Haben mich meine Eltern vergessen? Lange musste man bleiben- sehr lange.

Ich habe so Heimweh

Ja- irgendwann wurde Igel Volljährig und wir kamen bald darauf heraus, aus diesem Heim. Dieser endlosen Kur, die nie eine war.
Jedoch- viele Kinder wurden einfach in den Zug gesetzt- zurück nach Hause, oder gar von dem einen oder anderen wenigen Eltern abgeholt.
Ich kam in Düsseldorf an. Niemand kam, um mich abzuholen- Niemand. Einer der Väter eines der Letzen dort wartenden Kinder fragte ob er mich nach Hause bringen soll. Ich sagte Ja.

Ich klingelte an dem Haus meiner Eltern und wartete. Ein Zweites mal und ich sah eine Bewegung durch das kleine Fenster. Die Türe öffnete sich- es war meine Mutter, Mit Turban und im Bademantel- offensichtlich nach eine Dusche oder Bad.

W A S willst DU (besonders das DU bekam sie nur mit Verachtung heraus) denn hier???

Angst weg zu kommen. in Kur, von zuhause, Züge- alles was in die Ferne bringt, oder auch in Spitäler, aus denen man nicht einfach nach Hause kann- Eltern, die froh waren, einen Los geworden zu sein- leider nur zu kurz, ein Jahr ist doch viel zu kurz, entledigt zu werden.
Die psychischen / körperlichen Misshandlungen, derer, zu denen man so sehr wollte und sehnte, – alles ist wieder da, so tröstlich. Die Angst, Schmerz und Hilflosigkeit in mir, die ich dort in der Kur erfuhr- sie blieb, auch als Erwachsener und im Alter.

Datum: 13. August 2026
Zeit: 21:04

Anonymisierungs-ID: azz

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