Von: H.-P.M.
Dauer der Verschickung: 6 Wochen
Bericht: Ludgeriestift auf Norderney
Es war mit eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens an die ich mich heute noch erinnere und die mich mit Wut und Hass auf die sogenannte ,,Tante“ erfüllt.
Als ich nach sechs Wochen, die mir wie eine Ewigkeit erschienen wieder bei meinen Eltern war waren meine ersten Worte ,,Wenn ich groß bin fahre ich dort hin und verprügle die fette Kuh“.
Ich sehe heute noch meine Mutter am Hauptbahnhof Essen wie sie weinte als sie mich sah.
,,Junge, was haben die mit dir gemacht?“ Waren ihre ersten Worte.
Ich war auf Norderney da ich an Bronchial Asthma litt und kam in schlechterem Zustand Heim als ich hingeschickt wurde.
Das Atmen viel mir etwas leichter aber körperlich war ich noch abgemagerter als zuvor.
Ich erzählte von der sogenannten ,,Tante“ und wie es mir und den anderen Kindern ergangen sei.
Meine Eltern dachten wohl das ich übertreibe und es mit den Augen eines Kindes sah, aber mein Zustand sagte etwas anderes.
Ich erzählte von den Spaziergängen am Strand die in straffgeführter Ordnung von Zweierreihen vonstatten gingen. Keines der Kinder durfte diese Ordnung verlassen.
Wenn doch jemand aus der Reihe tanzte wurde umgehend eine Strafaktion angekündigt welche auch bei der Rückkehr ins Kinderheim umgesetzt wurde-
Meistens waren es auch mehrere Strafen. Angefangen mit einer Stunde bewegungslos und gerade ausgestreckt wie ein Soldat in Grundstellung auf dem Bett liegen.
Wenn sich jemand bewegte und die Tante es mitbekam wurde diese Aktion um weitere 30 Minuten verlängert.
Da diese Tante aber meistens die Augen geschlossen hatte bekam sie das nicht so oft mit. Basteln und Spielverbote waren auch normal, ebenso das in die Ecke stellen und mit Schimpfworten belegt werden.
Einmal musste ich während des Abendessens, Durchfall, bedingt auf die Toilette und durfte den Tisch nicht verlassen.
Nachdem ich zu weinen begann durfte ich dann doch gehen. Da die Toilette eine Etage höher war schaffte ich es nicht mehr dorthin und auf der Treppe nach oben war die Hose voll.
Es reichte nicht das mir das schon peinlich war, nein, anschließend vor den anderen Kindern und den zum Heim gehörenden Nonnen noch niedergemacht und beleidigt zu werden war das aller schlimmste.
Beim Essen durfte nicht geredet werden und man musste alles aufessen, auch wenn das Essen bereits kalt war.
Allerdings habe ich ein positive Anmerkung….morgens gab es Bananen oder Schokoladenbutter die mir schmeckte.
Irgendwann kam von meinen Eltern ein Paket für mich mit meinem Teddybär, einem Brief und Süßigkeiten.
Den Brief habe ich nie erhalten und habe von dem Brief auch erst zuhause erfahren.
Den Teddybär habe ich erhalten, aber von den Süßigkeiten wurde nur ein Beutel geöffnet von dem ich drei Bonbons bekam und die anderen Kinder der Gruppe je zwei Stück.
Der Rest des Pakets wanderte in einen Schrank wo auch die Sachen der anderen Kinder landeten die Pakete bekamen.
Ich gehe heute noch davon aus das die Tante das ganze Zeug selbst in sich reingestopft hat, was ihre Körperform erklärt hätte.
Ich sehe diese sogenannte ,,Tante“ noch glasklar vor mir…untersetzt, an der Grenze zu Fett, dreiviertel langes dunkles Haar, Brille und einen für mich nichtssagenden bis abstoßenden Gesichtsausdruck.
Selbst heute, nach über sechzig Jahren denke ich immer mal wieder über meine nicht endet wollenden Wochen im Ludgeriestift auf Norderney mit entsetzen zurück.
Wie so ein Zustand über Jahrzehnte stattfinden konnte, geduldet, ja sogar befürwortet wurde ist mir unverständlich.
Später als es darum ging eine eigene Familie zu gründen stand für mich fest das ich mein Kind niemals in Kur schicken werde.
Zum Abschluss muss ich noch sagen das es mir sehr gut tat dieses niederzuschreiben, was besser ist als nur davon zu erzählen.
Vielleicht gibt es ja noch Leidensgenossen aus dieser Zeit und diesem Kinderheim die eventuell auch ihren Leidensweg niederschreiben, denn es war ein Leidensweg für Kinder.
Datum: 13. August 2026
Zeit: 08:48
Anonymisierungs-ID: bab