59505 Bad Sassendorf, 1964

Begleitet mein ganzes Leben

Von: P.B.

Einleitung

Im Frühjahr 1964 war ich sechs Wochen als Kind in der Kinderheilanstalt Bad Sassendorf. Während meines Aufenthaltes hatte ich am 3. April meinen sechsten Geburtstag.

Heute, mehr als sechzig Jahre später, erinnere ich mich noch erstaunlich genau an viele Einzelheiten dieser Zeit. Aber nicht an andere Kinder oder Pflegerinnen. Mir ist dort nichts Schwerwiegendes widerfahren. Dennoch hat mich dieser Aufenthalt mein ganzes Leben begleitet.

Mit diesem Bericht möchte ich meine Erinnerungen festhalten. Es geht mir nicht darum, jemanden anzuklagen, sondern zu schildern, wie ich den Aufenthalt als sechsjähriges Kind erlebt habe.

Warum ich nach Bad Sassendorf kam

Ich war ein sehr dünnes Kind. Nach meiner Erinnerung wurde ich nach einer Untersuchung durch das Gesundheitsamt im Winter 1963/1964 – vermutlich im Zusammenhang mit der bevorstehenden Einschulung – zu einer Kinderkur überwiesen. Ich gehe auch davon aus, dass ich deshalb erst 1965 mit 7 Jahren eingeschult wurde.

Ob meine Eltern dieser Entscheidung hätten widersprechen können, weiß ich heute nicht. Ich hatte damals den Eindruck, dass die Kur notwendig sei.

Ich war Einzelkind.

Meine Mutter führte ein kleines Lebensmittelgeschäft. Sie war zwar den ganzen Tag zu Hause, hatte aber durch den Laden nur wenig Zeit. Mein Vater arbeitete auswärts und kam meist erst am Nachmittag nach Hause.

Meine Mutter sprach über Wochen mit mir über den bevorstehenden Aufenthalt und versuchte, ihn mir schmackhaft zu machen. Ich glaube, sie hoffte wirklich, dass mir die Kur guttun würde.

Die Reise

Am Bahnhof meines Heimatortes wurde ich von einer Frau in Empfang genommen, die mit mehreren Kindern gemeinsam die Zugfahrt nach Bad Sassendorf begleitete. Es war meine erste längere Reise ohne meine Eltern.

Ich erinnere mich daran, dass alles fremd und aufregend war.

Der erste Tag

An den ersten Tag erinnere ich mich bis heute besonders deutlich. Beim Mittagessen musste ich zwei Teller Schnippelbohnen essen. Das war für mich zu viel. Ich musste mich übergeben und fand die Toilette nicht rechtzeitig. Dabei erbrach ich mich auf meinen Pullover.

Ich bekam keinen anderen Pullover, sondern musste den restlichen Nachmittag ein Schlafanzugoberteil tragen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es aussah.

In meiner Erinnerung verbrachte ich diesen Nachmittag allein im Spielzimmer, während die anderen Kinder draußen spielten.

Heute kann ich nachvollziehen, dass man mich möglicherweise vorsichtshalber im Haus behalten wollte, falls ich eine Magen-Darm-Infektion gehabt hätte. Damals fühlte ich mich jedoch sehr allein.

Im weiteren Verlauf musste ich noch zwei- oder dreimal erbrechen, einmal sogar nachts im Bett.

Am nächsten Tag musste ich bei schwarzem Tee im Bett bleiben. Danach trat das Erbrechen nicht mehr auf. Bis heute esse ich keine Bohnensuppe mehr.

Meine Station

Ich war nach meiner Erinnerung im ersten Obergeschoss untergebracht.

Vom Stationsflur ist mir bis heute folgendes Bild geblieben: Nach dem Eingang führte ein langer Flur geradeaus.

Ich erinnere mich fast ausschließlich an Räume auf der linken Seite. Dort lagen vermutlich ein oder zwei Speisesäle, anschließend der Waschraum, danach die Toiletten. Am Ende des geraden Flures befand sich vermutlich das Schwestern- oder Dienstzimmer. Dort durfte ich an meinem sechsten Geburtstag mit meiner Mutter telefonieren. An dieser Stelle bog der Flur nach rechts ab. Dort lagen mehrere Schlafräume sowie ein Spielzimmer. An einzelne Zimmergrößen oder die genaue Anordnung kann ich mich nicht mehr erinnern. Unser Schlafraum war jedenfalls sehr groß.

Der Alltag

Der Tagesablauf war streng geregelt.

Wir mussten sehr viel essen.

Nach meiner Erinnerung bestand das Mittagessen häufig aus

einer Suppe,

zwei Tellern Hauptgericht

und einem Nachtisch.

Da ich wegen Untergewichts dort war, stand die Gewichtszunahme offenbar im Mittelpunkt.

Wir durften unsere Kleidung nicht selbst auswählen.

Alle Kleidungsstücke waren mit Namen gekennzeichnet und wurden uns zugeteilt.

Eigene Seife bekamen wir zunächst nicht. Zunächst mussten Seifenreste anderer Kinder aufgebraucht werden. Erst danach erhielt man ein neues Stück Seife. Auch die Zahnpasta wurde von den Schwestern morgens und abends auf jede Zahnbürste gegeben.

Welche Sorte man bekam, konnte man sich nicht aussuchen. Ich mochte die damals erhältlichen Kinderzahnpasten mit Erdbeergeschmack überhaupt nicht.

Einmal in der Woche wurden wir geduscht. Ich wollte mich gerne selbst waschen, durfte dies aber nicht. Nachts durften wir unter dem Schlafanzug keine Unterwäsche tragen. Das war ich von zu Hause nicht gewohnt.

Briefe und Geburtstag

Die Briefe, die wir von zu Hause bekamen, wurden nach meiner Erinnerung vor der gesamten Gruppe vorgelesen. Das empfand ich als unangenehm. Während meines Aufenthaltes hatte ich 1964 meinen sechsten Geburtstag.

Meine Mutter wollte mir ein kleines Geschenk schicken. Die Schwester sagte ihr jedoch, dass es etwas sein müsse, das für alle Kinder geeignet sei. Daraufhin schickte meine Mutter kleine Kirschlutscher für zwei Pfennig und Kekse, damit alle Kinder etwas davon bekamen. An meinem Geburtstag bestand meine Mutter außerdem darauf, mit mir persönlich telefonieren zu dürfen. Die Schwester wollte sie zunächst abwimmeln. Meine Mutter ließ jedoch nicht locker, bis ich schließlich ans Telefon geholt wurde.

Dieses Telefonat bedeutet mir bis heute sehr viel.

Heimweh

An meine erste Nacht erinnere ich mich ebenfalls. Ich träumte am frühen Morgen, mein Vater fahre wie jeden Tag zur Arbeit und hupe draußen. Als ich aufwachte, war ich für einen kurzen Moment überzeugt, wieder zu Hause zu sein. Dann wurde mir bewusst, dass es nur ein Traum gewesen war.

Ich weiß noch heute, wie enttäuscht ich darüber war.

Die Heimreise

Auch meine Heimreise ist mir in Erinnerung geblieben. Meine Eltern kannten offenbar die genaue Ankunftszeit meines Zuges nicht. Ich kam mit meinem Gepäck am Bahnhof meines Heimatortes an. Ob mich jemand direkt in die Bahnhofsgaststätte brachte oder ob ich allein dorthin ging, weiß ich heute nicht mehr.

Der Wirt rief jedenfalls meine Mutter an und sagte ihr, dass ich dort sei.

Da sie ihr Lebensmittelgeschäft nicht einfach schließen konnte und mein Vater noch bei der Arbeit war, wurde ich – soweit ich mich erinnere – später von einem Nachbarn abgeholt.

Was geblieben ist

Ich habe während meines Aufenthaltes keine körperliche Gewalt erlebt.

Trotzdem war diese Zeit für mich nicht schön.

Besonders in Erinnerung geblieben sind das viele Essen, mein erster Tag, das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, die strengen Regeln, der Anruf meiner Mutter, mein Traum vom hupenden Vater, und der lange Flur meiner Station.

Noch heute esse ich keine Bohnensuppe.

Vielleicht ist das eine Kleinigkeit.

Für mich zeigt es jedoch, wie tief sich manche Erlebnisse aus dieser Zeit eingeprägt haben.

Warum ich diesen Bericht schreibe

Erst viele Jahrzehnte später habe ich begonnen, meine Erinnerungen aufzuschreiben.

Dabei wurde mir bewusst, dass sie bis heute erstaunlich lebendig sind.

Ich möchte mit diesem Bericht nicht anklagen.

Ich wünsche mir vielmehr, dass die Erfahrungen ehemaliger Kurkinder ernst genommen werden.

Jedes Kind hat einen solchen Aufenthalt anders erlebt.

Dies sind meine Erinnerungen.

Anonymisierungs-ID: bad

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